Der Ingenieur setzt auf seinen Popometer

Ein Versuchsingenieur und Versuchsfahrer über das richtige Gefühl auf dem Fahrersitz, Straßenprofile, legendäre Teststrecken in Spanien und einen Beruf, der sich stark verändert hat.

In Erwartung und voller Spannung begann für mich jeder Arbeitstag", sagt Karl Heinz Bühler. Der 72-Jährige in schwarzem Rollkragenpulli und Jeans erzählt im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart von seinem Beruf als Versuchsingenieur und -fahrer, den er 48 Jahre ausgeübt hat und es teilweise auch heute noch tut. 1958, gerade einmal 14 Jahre alt, fängt er an, bei Mercedes zu arbeiten. Bald bestand seine Aufgabe darin, Autos zu entwickeln und auf einen serienreifen Stand zu bringen. Die Entwicklung fand früher intern mit großer Fertigungstiefe statt, das heißt, es wurden so viele Teile wie möglich in der Firma entwickelt und gefertigt.

Heute werden viele Komponenten fremdvergeben und von Zulieferern entwickelt. Während des gesamten Entwicklungsprozesses sind Versuchs- und Testfahrten notwendig, um sämtliche Teile des Fahrzeuges aufeinander abzustimmen. Das dient der laufenden Verbesserung des Fahrverhaltens. Ist dieser Prozess abgeschlossen, wird von einem Versuchsingenieur die Versuchsfreigabe für dieses Fahrzeug erteilt. Dann beginnen die Fahrten in der sogenannten Dauerlaufabteilung. Ziel dieser Dauerlauffahrten über mehrere Millionen Kilometer ist es, die Haltbarkeit und Qualität der Fahrzeuge zu gewährleisten. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Test- oder Versuchsfahrern und Dauerlauffahrern. Erstere werden bereits in der Entwicklungsphase eingesetzt und können das Auto früh optimieren.

Karl Heinz Bühler selbst war vor allem für die Fahrwerksabstimmung und -festlegung zuständig. Dabei stimmte er zum Beispiel Vorder- und Hinterachsen ab und testete sie auf Prüfstrecken. Solche Teststrecken zu finden war nicht immer leicht, da das Streckenprofil vielfältig sein muss, so dass eine ganzheitliche Abstimmung des Fahrzeugs möglich ist. Um die ideale Straße für eine Pressevorführung zu finden, ist Bühler einmal 2500 Kilometer in Andalusien herumgefahren. Als er schließlich fündig wurde, gab es ein Problem: Sieben Kilometer Feldweg machten die Strecke unbrauchbar, da dieser nicht zum Profil des Autos passte. Bühler flog zurück und schilderte seinem Chef die Lage. Der wiederum gab den Auftrag, er solle die Straße teeren lassen. Seitdem existiert im Süden Spaniens die "Bühlerstraße".

Eine der wohl spannendsten Versuchsstrecken befindet sich in Arjeplog, das im Norden Schwedens am Polarkreis liegt. Dort wurde auf einem zugefrorenen See zum Beispiel der Hockenheimring zwei zu eins verkleinert hinaufprojiziert. Dadurch kann das Fahrzeug auf Schnee, Eis und bei tiefen Temperaturen getestet werden. Dies macht man mit Lasern, die von Hubschraubern ausgestrahlt werden. Selbstverständlich sind solche Fahrten gefährlich, aber es sitzen schließlich Profis am Steuer, für die anspruchsvolle Strecken Alltag sind. Durch seinen Beruf hat Bühler viele berühmte Persönlichkeiten kennengelernt, darunter Rennfahrer wie Juan Manuel Fangio oder den früheren belgischen König Baudouin, für den ein Sondermodell angefertigt wurde, das ihm Bühler überreichte. Die wichtigste Voraussetzung für Versuchsingenieure und -fahrer ist laut Bühler die eine Fähigkeit, die er "Popometer" nennt. Dabei muss man ein gewisses technisches Verständnis für das ganze Auto haben und dieses mit dem Fahrgefühl bei Versuchsfahrten verbinden können. Der Name stammt daher, dass man mit dem Gesäß am besten spürt, ob etwas mit dem Wagen nicht stimmt. Man sollte also schon beim Fahren merken, was man ändern muss, um das Auto zu verbessern. Das kann von der Absenkung einer Achse bis zu Verbesserungen an der Bremsanlage, den Federn oder den Stoßdämpfern gehen. "Diese Fähigkeit oder - besser gesagt - dieses Talent war und ist ausschlaggebend für den Beruf", fügt er hinzu. Die Erfahrung spiele eine wichtige Rolle. Damit der Versuchsingenieur mit den stetig wachsenden Anforderungen der Fahrzeugentwicklung mithalten kann, sei eine kontinuierliche Weiterbildung auf den verschiedenen Gebieten erforderlich.

Unterstützend zur Entwicklung der Komponenten und Teile im Fahrzeug findet parallel eine Dauerhaltbarkeitsüberprüfung auf Prüfständen statt. Diese bestehen aus Rollen, auf die die entsprechenden Straßenprofile kopiert werden. Solche Abbildungen der Profile machte man bereits in den sechziger Jahren. Allerdings werden auch noch reguläre Testfahrten wie früher gemacht, da die Maschinen meist nur bestimmte Komponenten prüfen können und das Fahr- und Fingerspitzengefühl des Menschen nicht simulierbar sind. "Man kann also sagen, dass die Maschinen die Grundlagen schaffen, die der Mensch später testet und weiterentwickelt, indem er darauf achtet, ob alles zusammen funktioniert und die Kreisläufe im Auto verbindet", erklärt Bühler. Natürlich gebe es immer auch Rückschläge, nach denen man ein oder sogar zwei Arbeitsschritte zurückgehen oder in eine andere Richtung denken müsse.

Das Berufsbild des Versuchsingenieurs hat sich stark geändert. Die vielen neuen Maschinen und Techniken können Aufgaben schneller und präziser erfüllen. Dadurch wird die Arbeit erleichtert oder auch abgenommen. Das geschieht zum Beispiel durch die Prüfstände. Dort können die Autos im Zeitraffer erheblich schneller auf lange Strecken getestet werden als im realen Fahrversuch.

Bühler musste auch die Pressevorstellung organisieren, heute sind darauf Agenturen spezialisiert. Er war rund ein Drittel des Jahres auf Reisen, meist war er drei, vier Wochen an einem Ort, in Kapstadt arbeitete er fünf Wochen. Damals sah er seine Familie nicht so oft, wie er es sich gewünscht hätte. Umso mehr genießt er es heute, wenn er seine Enkel für Autos begeistern kann.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Ingenieur setzt auf seinen Popometer
Autor
Caroline Nagel
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2016, Nr. 147, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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