Frau Mensch schützt alte Rassen

Katharina Mensch hält auf ihrem Hof nahe Freiburg Sundheimer Hühner und Kaspische Kleinpferde. Mit ihrem Mann baut sie blaue Kartoffeln und Gewürzluiken an. Das macht Spaß und Sinn.

Mein Ziel ist es, den Wert der alten, vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen aufzuzeigen und für ihren Erhalt zu sorgen", sagt Katharina Mensch. Auf ihrem Hof nahe Freiburg leben Sundheimer Hühner, Deutsche Angorakaninchen, Weiße Bergschafe und Kaspische Kleinpferde. Die Hobby-Subsistenzwirtschafterin kümmert sich aber nicht nur um rar gewordene Tierrassen, sondern auch um alte Obst- und Gemüsesorten. Beispielsweise baut sie die alte Apfelsorte Gewürzluiken an, deren Früchte sogar die meisten Apfelallergiker ohne Bedenken verzehren können. Außerdem pflanzt Mensch, die als Hofbetreiberin, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern tätig ist, gemeinsam mit ihrem Mann verschiedene Tomaten- und Kartoffelsorten an. Die Sorte Bamberger Hörnchen bringe längliche Kartoffeln zutage. Die violette Kartoffelsorte Vitelotte hat sie ebenfalls angebaut. Auch mit blauen Kartoffeln und weißen Roten Beten kennt sie sich aus. Diese alten Sorten seien vom Aussterben bedroht.

Auf der selbst angelegten Streuobstwiese finden sich auch die besondere Birnensorte Stuttgarter Geißhirtle und die Apfelsorten Kohlenbacher Apfel und Goldparmäne, die durch jahrhundertelange Züchtung an das regionale Klima angepasst sind. "Der Vorteil der alten Pflanzen ist, dass man einen geringen Pflegemittelaufwand hat", erklärt die Freiburgerin. "Außerdem schmecken sie wunderbar." Nachteilig ist allerdings, dass sich viele dieser Sorten nicht gut für den Transport eignen.

Angefangen hat alles damit, dass sie zusammen mit ihrem Mann Legehennen gehalten habe. Weil die Tiere aber hektisch, nervös und aggressiv waren, informierte sich die 33-Jährige über alte Zweinutzungshühnerrassen. Diese Tierrassen werden nicht einseitig auf nur ein Leistungsmerkmal gezüchtet, sondern auf mindestens zwei Leistungsmerkmale. Dabei sei sie auf die Sundheimer Hühner aufmerksam geworden, die auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen stehen. Seit zehn Jahren hält sie nun die Hühner, die deutlich ruhiger, friedlicher und robuster seien. Im Vergleich zu modernen Hybridhühnern seien Sundheimer viel wirtschaftlicher, obwohl sie nur 200 bis 220 Eier im Jahr legen. Auf die Waage bringt das Geflügel bis zu 3,5 Kilogramm. Man kann die Hähne als Masttiere halten und die Hennen Eier legen lassen und so die sonst übliche Tötung männlicher Küken vermeiden.

"Der Burghof ist ein altes Gehöft in der Nähe von Freiburg im Breisgau, dessen Stallungen über 300 Jahre alt sind", sagt sie über ihr Elternhaus. Dort hat eine weitere bedrohte Haustierrasse ihr Zuhause: das Deutsche Angorakaninchen. Es steht seit 2002 auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen. "Angorakaninchen sind tolle Haustiere. Sie liefern Wolle und Fleisch. Außerdem sind sie bei Kindern beliebt, weil sie ein weiches Fell haben und lieb sind."

Die Hobbymalerin, die Grünland und Weiden rund um den Burghof gepachtet hat, ist stolz auf das Konzept einer Schmetterlingswiese, was bedeutet, dass sie beim Anbauen von Pflanzen immer auf den größtmöglichen Nutzen für Flora und Fauna abzielt. "Auf Streuobstwiesen werden Wildblumensamen ausgestreut, Wiesen werden erst spät im Herbst gemäht, damit sich die Pflanzen aussamen können. Zudem werden auf dem Burghof weitestgehend alle Tiere mit Futtermitteln aus biologischem Anbau gefüttert." Um den Schutz alter Nutztierrassen und Pflanzensorten voranzutreiben, hat sie einen Verein ins Leben gerufen. Die ehemalige Biologie-Studentin, die eine Lehre als Gärtnerin gemacht hat, nennt als Grund für ihre Motivation die Freude an Tieren und Pflanzen: "Es macht einfach Spaß, morgens das Ei aus dem Stall zu holen."

Außerdem seien die selten gewordenen Tierrassen genauso wie die Gemüseund Obstsorten deutsches Kulturgut "und ein Denkmal, das man, ebenso wie ein geschichtsträchtiges Gebäude, einfach erhalten muss". Die Tiere und Pflanzen, die über Jahrhunderte gezüchtet wurden, seien mit wichtigen Eigenschaften ausgestattet, wie beispielsweise Robustheit gegenüber schlechtem Wetter, Leistung trotz unergiebigen Futters oder guter Fruchtbarkeit. "Diese Eigenschaften haben moderne, auf Leistung getrimmte Tierrassen nicht mehr. Im Gegensatz dazu haben moderne Rassen immer häufiger Probleme beim Gebären und eine deutlich geringere Lebenserwartung. Diesen grundlegend wichtigen Genpool alter Rassen möchte ich aufrechterhalten."

Sie will ihren Beitrag dazu leisten, dass Tiere in der Landwirtschaft tierwürdig gehalten werden können. Sie ist überzeugt: "Mit alten Tierrassen geht das." Sie ist sich sicher, dass viele Medikamente, die modernen Leistungsrassen verabreicht werden, mit den alten, robusteren Rassen unnötig wären. Bei den alten Obst- und Gemüsesorten seien Spritzmittel meistens überflüssig. Bei einer Ernährungsumstellung auf regionale Produkte müsse der Konsument aber damit leben, dass der Apfel nicht ganzjährig zur Verfügung stehe und sämtliche Normen erfülle. Das alles seien nicht nur "rein nostalgische Erhaltungszuchten". Denn wenn nicht mehr so viele Pestizide gespritzt und Tiere artgerecht auf Weiden oder in Herden gehalten werden, profitierten auch wir davon.

Zu Katharina Menschs Lieblingstieren gehören die American Miniature Shetland Ponys. "Sie sehen sportlich aus, haben lange Beine und sind schlank." In Deutschland schätzt sie den Bestand auf zehn Pferde. "Auf dem Burghof leben fünf reinrassig gezüchtete Ponys." Außerdem besitzt sie 1,15 Meter hohe Kaspische Kleinpferde, die aussehen wie Vollblutaraber. "Schon vor 5000 Jahren entstanden von Persern gemeißelte Steinreliefs, auf denen man die Kaspischen Kleinpferde erkennen kann. Dort unterstützten sie die Jäger bei der Löwenjagd." Lange dachte man, dass die Pferderasse ausgestorben sei. Schließlich fand man letzte Exemplare der seit 5000 Jahren reinrassig erhaltenen Kaspischen Kleinpferde, den Urpferdetyp IV, in Iran. Ein Zuchtprogramm habe dann erfolgreich den reinrassigen Bestand erweitert, obwohl die Kriege dort das Vorhaben erheblich erschwert hätten. Aktuell schätzt Mensch den Bestand auf 800 Pferde weltweit. "In Deutschland gibt es aktuell nur noch einen weiteren Züchter Kaspischer Kleinpferde. Zusammen besitzen wir beide insgesamt sieben Tiere."

Informationen zum Beitrag

Titel
Frau Mensch schützt alte Rassen
Autor
Christoph Unfried
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2016, Nr. 153, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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