Summen in Zürich

Der Wind bläst heftig durch die Topfpflanzen auf der großflächigen Terrasse über den Dächern von Zürich, unterhalb des Uetlibergs. Noch schnell macht die 58-Jährige die letzten Bienenhäuser wettertauglich. Durch die flinken Bewegungen von Marianne Kitz sind auch die letzten Bienenhäuser innerhalb weniger Minuten windfest verpackt. Seit 25 Jahren lebt die gebürtige Appenzellerin mit ihrem Mann in einer geräumigen Dachwohnung am Zürcher Stadtrand, am Friesenberg. "Früher war das Imkern noch einfacher", sagt die zweifache Mutter, "auf dem Land haben sich die Bienen dem Wetter selbst angepasst, in der Stadt jedoch sind sie auf Hilfe angewiesen." Schon als Kind half Marianne Kitz ihrem Vater fleißig beim Honigmachen. Die hauseigene Imkerei wurde geschätzt in Gais, einem Dorf mit rund zweitausend Einwohnern im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Viele kamen von weit her, um den "besten aller besten" Honige zu kaufen. Mit ihren drei Brüdern baute Marianne Kitz oft kleine Bienenhäuser und hängte sie im ganzen Dorf auf.

Das Imkern vermisste die Tierliebhaberin, als sie ihren Ehemann kennenlernte und 1991 nach Zürich zog. "Irgendetwas fehlte. Bis ich eines Tages einen Bericht über eine Stadtimkerei in ihrer Nähe gelesen hatte, wusste ich nichts über das Stadtimkern. Da war für mich klar: Die Dachterrasse muss zur Imkerei werden." Kurze Zeit später wurde die Terrasse zur professionellen Imkerei umgebaut. Schmunzelnd verrät sie, dass ihr Mann ein wenig darunter leiden musste, obwohl er als Schreiner arbeitet und dies zu seinem Alltag gehört. "Er musste alle Geräte auf das Dach tragen, neue Bienenhäuser basteln und Bücher für Hobby-Imker lesen, bis ich mit der Terrasse und seinem Wissenszuwachs zufrieden war." Ein Bienenparadies entstand. Es bleiben nur noch wenige Quadratmeter, um sich zu den Bienenhäusern zu begeben. "Die Terrasse wird schon lange nicht mehr als Terrasse genutzt", betont die gelernte Coiffeuse.

Heute betreibt Marianne Kitz zusammen mit ihrer Nachbarin eine kleine private Imkerei mit sieben Bienenvölkern. Eine Nachbarin hilft ihr vor allem in den Sommermonaten. "Uns geht es nicht um den Gewinn, es macht uns einfach Spaß, es ist unser Hobby", betonen die zwei Frauen. Anfangs wollten sie vor allem den Stadtbienen ein Zuhause geben, erst später kam ihnen der Gedanke, Honig zu produzieren und zu verkaufen. Im Sommer kämen immer wieder kleinere Bioläden auf sie zu, jedoch können sie ihnen nichts zusagen, da sie nicht genug Honig produzieren, um die Läden regelmäßig beliefern zu können. "Wir merken schon, wie begehrt unser Honig in unserem Stadtviertel ist, und das macht uns natürlich besonders stolz", fügt Marianne Kitz lächelnd hinzu. Den Honig beschreiben die Kunden als samtig. Wenn er auf der Zunge zergeht, breitet sich das wortwörtlich honigsüße Aroma im Mund aus. Der hauseigene Honig geht aber nur an Verwandte und Bekannte zu einem Freundschaftspreis. "Der Preis ist mehr symbolisch", bemerkt die Imkerin. "Als ich mit dem Stadtimkern anfing, waren meine beiden Kinder noch im Vorschulalter. Ich hatte schlicht keine Zeit, und ich wollte nicht, dass das Imkern in eine finanzielle Perspektive gelangt. Ich will imkern, weil ich es mag, nicht weil ich finanziell darauf angewiesen bin." Trotzdem wollen die Freundinnen weitere acht Bienenvölker anschaffen. "Ich möchte, dass die Leute wissen, von wo ihr Honig stammt. Und ich will das Stadtimkern verbreiten und es den anderen beibringen."

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Summen in Zürich
Autor
Enya Hohermuth
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2016, Nr. 153, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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