Brötchen für süße Fressmaschinen

Gertrud Elsen hat ein Hobby, das ihr Leben bestimmt. Auf dem Kachelofen, an der Wand, auf dem Klavier, überall in ihrem Wohnzimmer in Wittlich bei Trier kann man sehen, wie wichtig ihr Tiere sind. Katzen? Hunde? Sind zwar auch dabei, aber die wirklichen Stars sind andere. Nämlich "die Fressmaschinen", wie sie von ihrer Besitzerin genannt werden: Ziegen. Und Fressmaschinen sind sie wirklich. Sie stehen den ganzen Tag auf der Weide, fressen Gräser, Ginster, Brennnesseln und den einen oder anderen Schößling, der sonst ein Baum werden würde.

Und trotzdem, als die pensionierte Volksschullehrerin auf der Weide, die sich keine zehn Minuten von ihrem Haus entfernt befindet, erscheint, kommt die Herde angerannt, lässt sich streicheln und hofft, dass sich in den Taschen etwas Essbares befindet. Enttäuscht werden sie selten. Ein Leckerchen gibt's immer mal. Morgens trockene Brötchen, Äpfel oder Äste von Bäumen, an die sie nicht drankommen. "Zusammen mit Mineralsalz ist die Weide im Sommer völlig ausreichend. Was ich da immer hinbringe, ist gar nicht nötig. Leckerchen benutzt man nur, um sie zahm zu machen", erklärt Gertrud Elsen. Einmal am Tag muss sie bei ihren Ziegen vorbeischauen. Wenn Junge dabei sind, sogar zweimal. Bei 30 bis 35 Tieren, verteilt auf vier Weiden, hält einen das ganz schön auf Trab. Schon oft ist es vorgekommen, dass eine Ziege gerettet werden musste, die sich mit ihren Hörnern im Zaun verknotet hatte. In einem solchen Fall heißt es: Ziege zu den anderen bringen und Zaun reparieren. Walter Elsen, ihr Mann, ein pensionierter Studienrat, überprüft regelmäßig die Zäune auf Löcher, aber ab und zu übersieht er halt was. Und man kann sicher sein, dass die Ziegen es finden. Denn es gebe kein neugierigeres Lebewesen als eine junge Ziege.

In ihrer Küche befüllt Gertrud Elsen eine große weiße Spritze ohne Nadel. Sie stellt sie senkrecht in einen Eimer, damit nichts ausläuft. Dazu kommt eine Klauenschere und trockenes Brot. Tagesordnung: Klauenschneiden und Wurmkur. "Zur Körperpflege gehört halt, dass immer wieder die Nägel geschnitten werden." Die wenige Monate alten Ziegen sind zum ersten Mal mit Klauenschneiden dran. Solange sie noch klein sind und das neu für sie ist, nimmt Gertrud Elsen sie dabei auf den Arm oder setzt sie einem zufällig Anwesenden auf den Schoß. Die Ziege ist erstaunlich leicht, aber auch lebhaft. Sie möchte viel lieber rumzubbeln und auf die Schultern steigen, statt ruhig auf dem Schoß zu verharren und ein Beinchen von sich zu strecken. Man arrangiert sich.

Es endet damit, dass der kleine Frechdachs auf dem Schoß steht, gestreichelt wird und auf einem Pullibändel kaut. So kann Gertrud Elsen in Ruhe einen Fuß nach dem anderen bearbeiten. Noch muss man nicht viel machen, lediglich die "Nägel" ein bisschen kürzen. Bei älteren Ziegen können durch das ständige Draußensein auch mal Infektionen auftreten. "Da muss man dann auch oft eine Spezialbehandlung machen." Nach dem Klauenschneiden ist die Wurmkur dran. Damit die Ziegen sich keine Parasiten einfangen, müssen sie ein Wurmmittel schlucken. Einfach ist das nicht. Wer möchte schon gerne eine weiße, milchige Flüssigkeit schlucken, die gar nicht nach leckerem Gras riecht? Gertrud Elsen hält mit Daumen und Zeigefinger das Mäulchen auf, mit der anderen Hand steckt sie die Spritze hinein und entleert sie. Die Ziege ist nicht begeistert, schüttelt den Kopf, leckt sich über Mäulchen und Nase, aber schluckt das Wurmmittel. Überstanden. Als Belohnung gibt es Brötchen. Dann darf sie wieder zur Mutter, die brav daneben gewartet hat und ebenfalls ihre Ration an Leckerchen bekommt.

Kaschmirziegen, wie sie die Elsens halten, sind nicht nur süße Fressmaschinen, sondern auch Nutztiere. Sie haben eine weiche Unterwolle, die, sofern alle beim Kämmen mit ausgegangenen Deckhaare in mühsamer Handarbeit entfernt wurden, nicht kratzt. Im Wohnzimmer steht ein Spinnrad, keins wie aus dem Märchenbuch, sondern ein elektrisches. Abends beim Fernsehen wird die Wolle gesponnen und anschließend weiter zu Ponchos, Mützen und etlichen anderen Dingen verarbeitet. "Man kann mit Wolle von A bis Z alles machen: Edelkleidung herstellen oder Kartoffeln pflanzen." Denn die verfilzte Unterwolle, die nicht zum Spinnen brauchbar ist, lässt sich als Dünger verwenden. "Das ist wie mit der Eier legenden Wollmilchsau", sagt Gertrud Elsen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Brötchen für süße Fressmaschinen
Autor
Viktoria Heck
Schule
Carl-Orff-Gymnasium , Unterschleißheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2016, Nr. 153, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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