Talente und Terminstress

Das Licht geht aus. Die Spannung steigt. Für den 15 Jahre alten Cedric ist das inzwischen eine ganz normale Situation. Der Bietigheimer ist 15 Jahre alt und ein besonderes Musiktalent. Seine drei Geschwister spielen Akkordeon, Keyboard und Trompete. Seine Mutter ist begeisterte Klavierspielerin. Sein Vater hat am Badischen Konservatorium in Karlsruhe eine klassische Schlagzeugausbildung gemacht, spielt in Orchestern und Bands und gibt Unterricht. So setzte der Vater Cedric mit vier Jahren vor sein Schlagzeug. Das Kind war mit voller Begeisterung dabei und bekam letztendlich ein eigenes Schlagzeug. Doch es kam, wie es kommen musste: Unterricht bei seinem Vater führte wegen Spannungen zum Abbruch.

Cedric nahm daraufhin beim Harmonika Spielring in Mörsch an der musikalischen Früherziehung teil. Dabei entdeckte er seine Hingabe zum Akkordeon. Zu dieser Zeit begannen seine Freunde mit dem Fußballspielen. Cedric trat ebenso in einen Fußballverein ein, obwohl seine Eltern nicht begeistert waren. Mit fünf Jahren begann Cedric mit dem Einzelunterricht im Akkordeon. Seine Lehrerin meldete ihn nach einem Jahr zu seinem ersten Rheinstettener Akkordeonwettbewerb an. Da Cedric ehrgeizig ist, wollte er in seinem ersten Wettbewerb auf jeden Fall einen Pokal gewinnen. Letztendlich bekam er keinen Pokal, aber als jüngster Teilnehmer eine Medaille.

Das war für ihn ein großer Ansporn, noch mehr für die künftigen Wettbewerbe zu üben. In der Folge erzielte er zahlreiche erste und zweite Plätze bei regionalen Wettbewerben. Gekrönt wurde sein Engagement durch den ersten Platz beim Landesfinale Jugend musiziert 2012 im Akkordeon-Duo und den sechsten Platz beim Finale des deutschen Akkordeonmusikpreises Solo.

Aber der Erfolg mit seinem Akkordeon genügte ihm nicht, er entschied sich für ein weiteres Instrument. Vor sechs Jahren wollte er Geige lernen, inspiriert durch David Garrett. Dieser Wunsch stieß zunächst auf wenig Gegenliebe seiner Eltern. Diese witterten aber immerhin eine Chance, ihn so vom Fußballspielen abzubringen, und boten ihm den Unterricht an, wenn er mit dem Fußballspielen aufhörte. Cedric überlegte nicht lange und teilte seinen Eltern am nächsten Morgen seine Entscheidung mit: "Ihr könnt mir einen Geigenlehrer suchen!" Sie fanden einen griechischen Berufsgeiger. Durch seine musikalische Vorbildung machte Cedric relativ schnell Fortschritte. Neben verschiedenen Geigenvorspielen der Musikschule, suchte Cedric eine weitere Plattform, um seinen großen Traum à la David Garrett zu erleben. Diese fand er bei Deutschlands größter Freilichtbühne in Ötigheim. Dort begann sein musikalisches Engagement vor fünf Jahren mit der Aufführung "Weihnachten fällt aus" auf der kleinen Bühne. Auch hier folgten weitere Aufführungen. Vor zwei Jahren durfte er bei der Musicalproduktion "Das Schwarzwaldmädel" im großen Kammerorchester der Freilichtbühne spielen. So kommt es, dass Cedric vor ausverkauften Häusern, vor dreieinhalbtausend Menschen spielen darf. Am Anfang hatte er sehr großes Lampenfieber. Doch mit der Zeit lernte er, damit umzugehen.

In dieser Zeit musste er auch musikalische Rückschläge verarbeiten. So wurde er 2013 von seiner Schule nominiert, am Projekt der Kulturakademie Stiftung Kinderland teilzunehmen. Jedoch scheiterte er hier in der Endausscheidung. Aktuell bereitet er sich auf die klassischen Konzerte der Volksschauspiele vor. Außerdem nimmt er an einem Musikmentorenlehrgang des Deutschen Harmonika-Verbands teil. Das alles hört sich nach einer unaufhaltsamen musikalischen Karriere an. Doch das trügt. Denn Cedric will auch Sport treiben. Seine Wahl fiel auf Badminton. Auch hier wurde ihm relativ früh ein außerordentliches Talent bescheinigt. Er spielte bei verschiedenen Kaderlehrgängen, nationalen und internationalen Turnieren. Das führte schnell zu Terminüberschneidungen, die ihn vor Entscheidungen stellte, die er nie treffen wollte. In der Vergangenheit hatte er sich immer wieder für die Musik entschieden. Doch aktuell drängt es ihn mehr zum sportlichen Wettkampf. Eine Musikerkarriere kommt für ihn derzeit nicht mehr in Frage. Seine Eltern respektieren das, wären aber enttäuscht, wenn er nach all seinem Aufwand mit dem Musizieren komplett aufhören würde.

Informationen zum Beitrag

Titel
Talente und Terminstress
Autor
Vanessa Dauth
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , Durmersheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2016, Nr. 159, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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