Absolutes Gehör und eine eigene Band

Alle Augen starren gespannt zur Bühne. Der Scheinwerfer lässt den schwarzen Lack des Flügels in der Aula des Albert-Einstein-Gymnasiums in Frankenthal schimmern. Es kommt nicht oft vor, dass die Schüler so leise verharren. Ein junger Mann mit thailändischer Abstammung, breitem Lächeln, eleganter Kleidung und Brille betritt die Bühne. Lässig plaziert er sein Notenheft. "Allegro Opus 8" von Robert Schumann bricht die Stille im Saal. Der Junge am Flügel ist bereits ein kleiner Star auf seiner Schule, auch wenn er dies vermutlich niemals von sich selbst behaupten würde. Marc Lohse ist ein Ausnahmetalent. Auftritte wie dieser sind längst nicht mehr die größte Herausforderung für den begabten Musiker.

Seine Anfänge machte er an der Geige. Mit der Suzuki-Methode, einem Verfahren, bei dem schon Kleinkinder spielerisch an die Musik herangeführt werden, erlernt der damals Dreijährige sein erstes Instrument. Seine Eltern wollten ihm etwas ermöglichen, das sie selbst nie hatten. "Sie sollten laut meinen Großeltern etwas Gescheites erlernen", erklärt der 17-Jährige Im Alter von zehn Jahren beginnt er mit dem Klavier und findet sein Lieblingsinstrument. In der fünften Klasse entschied er sich, in die Bläserklasse zu gehen, und fing an, Posaune zu spielen. Marc fand das Instrument "einfach lässig". Er beherrscht drei Instrumente, auch wenn er das dritte nicht als seine größte Stärke einstuft. "Dazu fehlt mir einfach oft die Luft." Zweimal in der Woche geht Marc in die Musikschule, wo er zwei Stunden mit seinem Lehrer übt. Natürlich übt er auch daheim. "Auch wenn es nur 20 Minuten täglich sind, reiße ich mich eben zusammen und spiele konzentriert das Stück, bis ich mit mir zufrieden bin und sagen kann, ich habe was gemacht."

Dieser Eifer ist essentiell für einen Musiker. Denn die Konkurrenz schläft nicht, und erst recht nicht, wenn einer wie Marc international unterwegs ist. Häufig kamen Konzertanfragen aus Mailand, Oslo, Rom und Istanbul, bei denen der junge Künstler sein Können unter Beweis stellen musste und, betrachtet man die Kritiken, es auch tat.

Im März machte er an seiner Schule vorzeitig Abitur, da er seine Schulzeit durch die Begabtenförderung verkürzen konnte. Die Musik sei jedoch nie zu kurz gekommen, versichert er. Sie sei vielmehr eine angenehme Abwechslung vom stressigen Lernalltag gewesen. Ein Platz in der Mannheimer Musikhochschule ist für ihn schon so gut wie sicher. Lediglich eine Aufnahmeprüfung steht im Sommer noch an. Marc ist zuversichtlich, denn er ist Vorstudent an der Hochschule und hat Erfahrungen mit seinem Professor und dem Orchester gesammelt. "Mir stehen da viele Wege offen, festgelegt habe ich mich aber noch nicht." Neben den Auftritten als Gast Act größerer Musiker misst er sich gerne mit anderen Musikern in Wettbewerben. Er erspielte den ersten Platz bei "Jugend musiziert" in Bitburg, Luxemburg und in Karlsruhe am Klavier. Andere Male hat sich Marc in Hamburg den zweiten Platz am Klavier und den dritten Platz im Geigen-Duo gesichert. "Aber ich bin auch nur ein Mensch und mache Fehler." Gezeigt hat sich das in der zweiten Runde eines Landeswettbewerbs, als Marc ein Stück von Schumann spielte, auf einmal aus dem Takt kam und die Hände von den Tasten des Flügels zog. "Das ist das Schlimmste, was du als Pianist machen kannst." Er starrte laut Bericht für mehrere Sekunden auf die Tasten und war entsetzt darüber, was ihm in dem Moment vor so vielen in einem wichtigen Wettbewerb passiert ist. Doch nachdem er sich aufgerappelt hatte und einen tiefen Atemzug nahm, spielte er weiter. "Ich habe danach so gut gespielt wie noch nie", sagt der Pianist stolz.

"Ein Glücksfall" ist Marc in den Augen seines ehemaligen Musiklehrers, der ihn seit der fünften Klasse zu seinen Schülern zählen durfte. "Ich konnte ihm jedoch nie etwas Neues beibringen", sagt Thomas Sassenroth lachend. Für ihn war Marc eine Bereicherung für den Unterricht. Marcs absolutes Gehör, eine angeborene Fähigkeit die Höhe eines gespielten Tons lediglich mit dem Gehör zu bestimmen, war für seinen Lehrer immer eine tolle Unterstützung. Sassenroth charakterisiert Marc als einen hart arbeitenden und zugleich lässigen Jugendlichen. Für ihn ist sein Erfolg logisch, weshalb er ihn im Unterricht gerne mit einem "Bundesligisten in der Kreisliga" vergleicht.

Marc ist beliebt. Ist er mal nicht beim Proben oder Üben, trifft er sich mit seinen Freunden. So zählt er Fußball, Serienschauen und Kneipengänge zu seinen Hauptbeschäftigungen an freien Tagen. Seit einiger Zeit ist Marc Mitglied in einer Indie-Synthesizer-Pop-Band, die er mit drei Freunden gegründet hat. Der Bandname "Late4Breakfast" ist eine passende Beschreibung des Lebensstils, den die vier haben, da sie sich selbst als eine recht chaotische Truppe sehen.

Was jedoch die Musik angeht, ist die Band zielstrebig und steht im Wettbewerb für Newcomer-Bands "Emergenza", der in Turnierform an 150 Orten in rund 30 Ländern ausgetragen wird, in der nächsten Runde. Die erste Runde, die die Band mit Erfolg gemeistert hat, war in Mannheim. Marc bringt die Band viel Spaß: "Natürlich kann ich meine Jungs durch meine Fähigkeiten enorm unterstützen, doch wir sind alle große Musiker." Der letzte Ton in der Aula ist gespielt. Riesiger Applaus. Marcs Freunde in der letzten Reihe rufen den Namen des Jungen, der im Rampenlicht steht und sich noch einmal verbeugt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Absolutes Gehör und eine eigene Band
Autor
Kerim Gür
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2016, Nr. 159, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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