Uraufführung auf dem Pont du Gard

Lisa hat ein Stück für das Blasorchester ihrer Schule komponiert. Das fordert alle auf das Schönste heraus. Denn sie ist 15 Jahre alt.

Das Blasorchester BlasO des Gymnasiums Paulinum in Münster probt in der Schulaula. Zwei Nachzügler eilen an ihre Plätze und setzen hektisch ihre Instrumente an. Die anderen schauen gespannt auf den Dirigenten, der nach einem resignierenden Nicken die Hände hebt. Ein letzter Blick nach links zu den Klarinetten, die die Melodie übernehmen, und zu den Tuben, die die imposanten Eingangstöne spielen, dann geht es los. Das Stück heißt "Morceau BlasO", also "BlasO-Stück". Leise spielt das Holz leichte Achtelbewegungen, die von den Blechbläsern sanft untermalt werden. Hell kann man den Klang der Lyra heraushören, bevor das Stück zaghaft ausklingt. Dieses Instrument ähnelt äußerlich einer griechischen Leier, ist jedoch aus Metall und besitzt anstatt der Saiten Klangplatten, die wie beim Xylophon mit einem Schlägel bespielt werden. Obwohl es nicht in die typische Besetzung eines Blasorchesters gehört, untermalt es die leisen Akzente der Querflöten, um dem Stück seinen besonderen Charakter zu verleihen.

Die fünfzehnjährige Lisa Griepentrog steht bei zwei Jungen am Schlagwerk, die begeistert zeigen, wie dezent ein Schlagzeug und auch die hellen Congas klingen können. Von ihr kommen die Lyraklänge. Und von ihr ist auch das Stück, das durch seine vorsichtigen, aber dennoch deutlich präsenten Melodieführungen an klassische Musik erinnert, von der sich Lisa gerne inspirieren lässt. Nachdem das Orchester die teils ziemlich schweren Melodien vorgetragen hat, streicht sie das lange, blonde Haar zurück und lächelt. Es macht sie stolz, wenn ihre Kompositionen so gut gespielt werden wie in diesem Probendurchlauf. "Ich bin ihnen dankbar, weil ja erst durch sie die Komposition schön klingen kann." Alfred Holtmann sagt: "Wir mussten daran arbeiten und es interpretieren, Übergänge gestalten und den richtigen Charakter treffen." Der 53-jährige Dozent für Posaune, Euphonium und Tuba, der an der Westfälischen Wilhelms-Universität und als Lehrbeauftragter an der Musikhochschule Münster lehrt, leitet das Schulorchester. "Schnell wurde mir klar, dass dieses Stück allein durch die von Lisa gewählte Tonart eine richtige Herausforderung für das Orchester ist und bleibt. Auch die lyrischen Phrasen mit den Legatopassagen brauchen wirklich gute und sensible Instrumentalisten." Trotz des guten Durchlaufes und der genauen Betonung der richtigen Akkorde in den Tuben lässt der gebürtige Münsteraner das Blech erneut spielen. Das Zusammenspiel und die passende Dynamik und Akzentuierung der Trompeten ist noch nicht gefunden. "Auch wenn sich das Stück nicht so schwierig anhört, verlangt es dem BlasO schon einiges ab, und das finde ich sehr gut daran." Das Orchester feilt an einigen Stellen, um die Harmonien hervorzuheben. Dann spielen die 40 Schüler das Stück noch einmal.

Die Ermutigung zur Aufführung ihrer Kompositionen kam von Lisas Klavierlehrerin. Anfangs schrieb Lisa Stücke für Freunde, die sie an ihren Musikschulen bei Vorspielen und bei kleineren Gartenkonzerten präsentierten. Diese Stücke kamen gut an. Lisa begann, mehrstimmige Kompositionen für Streicher zu schreiben. Eine Freundin erzählte ihr vom Blasorchester. "Ich fand es zunächst einfach toll, dass Lisa vom BlasO motiviert und inspiriert war. Es bedeutet ja schon viel Arbeit und Mühe, ein Stück für ein so großes Orchester zu schreiben. So reagierte ich zunächst positiv und neugierig, aber auch etwas abwartend", erinnert sich der Orchesterleiter. Da gerade Proben für eine Orchesterfahrt begonnen hatten, probte das Orchester auch Lisas Stück. Kurz darauf, im Herbst, fand die ersehnte Fahrt nach Südfrankreich endlich statt. In einem kleinen Kirchenkonzert in der Provence wurde das "Morceau BlasO" vorgetragen. Seine Uraufführung erlebte es jedoch auf dem Pont du Gard, dem römischen Aquädukt, der von Touristen aus aller Welt besucht wird.

Das Orchester ist bekannt dafür, dass es auch spontan zum Instrument greift und an Orten, die besichtigt werden, musiziert. So spielten die Schüler auf ihrer vorherigen Reise bereits auf dem Markusplatz in Venedig und in der Arena in Verona. Jeder Spielort erzeugt ein anderes Klangverhalten. Der Klang in der Arena beispielsweise verhält sich kreisförmig, er kehrt zum Erzeuger zurück. Auf dem Aquädukt breitet er sich aus und ist besonders weit zu hören. Über dem Fluss Gardon mit weitem Blick in die Ferne erklangen die naturbeschreibenden Töne von Lisa zum ersten Mal. Gerade diese Panoramabilder versucht sie mit ihrer Musik auszudrücken. "Die Atmosphäre war einzigartig", sagt der Dirigent. "Ihre Musik erinnert mich an Smetanas Moldau", beschreibt der Posaunist den Klang des Stückes. Seitdem ist Lisa an der Lyra festes Mitglied des Orchesters.

"Richtig stark" findet Carolin Klein, dass Lisa ein elfstimmiges Blasorchesterstück geschaffen hat. Für Carolin hatte sie bereits mehrere Klarinettenstücke geschrieben. Sie hat Lisa im Französischunterricht kennengelernt, erzählt Carolin. Sie sei nett gewesen und nicht nur musikalisch talentiert, so dass man auch "prima bei ihr abschreiben konnte", zwinkert sie. Lachend fügt sie hinzu: "Aber Lisa ist immer so schrecklich unkreativ, wenn es um Namen für ihre Kompositionen geht." Dass Frankreich der Ort der ersten öffentlichen Aufführung ist, beeindruckt Carolin immer noch. "Du kannst jetzt sagen, dass dein Stück sogar international bekannt ist", lacht sie Lisa scherzhaft zu, die bescheiden lächelt.

Das schlanke Mädchen erzählt, sie habe erst vor anderthalb Jahren angefangen, regelmäßig zu komponieren. Den Gesangsunterricht, den sie hatte, da ihre Mutter sie drängte, die Musik wenigstens auszuprobieren, habe sie nach einem halben Jahr abgebrochen, um trotz ihrer anfänglichen Ablehnung gegenüber Instrumenten Klavier zu lernen. "Da ich Streichinstrumente liebe, fing ich an, auch Cello zu lernen." Sie komponiert gerne für solche Instrumente, die "eher sanfte und vorsichtige Klänge haben". Sie mag es, "durch Musik bestimmte Stimmungen zu erzeugen und durch die Melodien und Harmonien die Natur zu beschreiben". Erneut beendet das Orchester seinen Durchlauf und so auch eine gelungene Probe für das Jahreskonzert.

Informationen zum Beitrag

Titel
Uraufführung auf dem Pont du Gard
Autor
Lena Pöppelmann
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2016, Nr. 159, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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