Erfolgreich am Rad drehen

Die Rechnung ist kompliziert: Man nehme ein Fußballspiel, dezimiere die Zuschauerzahlen, subtrahiere 18 Spieler und 76 Minuten Spielzeit, maximiere die Schussgenauigkeit und addiere eine Portion Familiarität und vier Fahrräder. Das Ergebnis ist der Abriss einer weit wenig bekannten Sportart: Radball. "Ziel ist es prinzipiell, mit dem Rad den Ball in das Tor zu schießen", erklärt Maximilian Zöpfl, hauptberuflicher Trainer des RSV Pullach, lachend. Sein grauer Schnauzbart bebt. Da man den Ball weder mit Händen noch Füßen berühren darf, wird er mit dem Vorderreifen bewegt. Dabei sind alle "konventionellen" Manöver wie Lupfen, Passen und Abfangen möglich. Professionelle Spieler können sogar auf 20 Zentimeter genau schießen. Gespielt wird in Zweierteams auf einem Spezialfahrrad, das laut Zöpfl "überhaupt nichts mit normalen Fahrrädern zu tun" hat. Eine direkte Übersetzung der Pedale auf das Hinterrad ermöglicht das Stehen auf dem Rad, und ein großer, nach oben abstehender Lenker bewirkt eine bessere Hebelwirkung beim Schießen. Zudem wirkt das Gerät dadurch elegant: "Wenn es ein Tier wäre, dann eine Antilope", witzelt der 57-Jährige, "aber nur, wenn ich draufhock'!". Ständig sind Beinarbeit und Gleichgewichtsanstrengung gefragt. Denn setzt der Spieler einen Fuß am Boden ab, muss er "Schlag holen" und hinter die Torlinie fahren.

"Es dauert zwei bis drei Jahre, bis man überhaupt mit dem Rad stehen kann!", erläutert der bayerische Landesverbandstrainer Kurt Mlady. Das sei auch einer der Gründe, weshalb die eigentlich "zackige, schnelle und spannende" Sportart so unbekannt ist. Nur wenige überstünden das zähe Lernen der Technik, die aber blieben dann jahrzehntelang. Im Fußball hingegen könne "ja jeder draufbolzen, sobald er läuft". Zudem leide man unter dem schlechten Image des Radsports: "Die Leute assoziieren uns mit Doping", bedauert der passionierte Radballer. Erschwerend hinzu kommen die Unabdingbarkeit eines Vereins, der das etwa 2000 Euro teure Rad zur Verfügung stellt, und mangelnde Sponsorengelder. Was fasziniert Menschen wie Kurt Mlady daran, 14 Minuten lang einen 500 Gramm schweren Ball in einem 14 mal 11 Meter großen Viereck zu bugsieren? "Ich kann etwas Besonderes, was sonst niemand kann!" Nach 40 Jahren aktiven Spiels und zehn Jahren Verbandsarbeit weiß Mlady um die Exotik und Individualität des Radballs. Und dennoch profitiere man von allen Vorteilen des Teamsports: die Einordnung im sozialen Gefüge "Verein", die Fähigkeit zu verlieren, und mentale Stärke. Der Zusammenhalt innerhalb der Zweiermannschaft präge: Dieses "unheimlich Aufeinanderabgestimmtsein" geht soweit, dass die erfolgreichsten Teams meist Brüder oder gar Zwillinge sind. So errangen die tschechischen Gebrüder Jan und Jindrich Pospísil 20 Mal den Weltmeistertitel, die siegreichste deutsche Mannschaft waren die Zwillinge Steinmeier. Auch Kurt Mlady hat seine Söhne Bernd und Gerhard für den Sport begeistert; heute sind sie Europameister der Juniorenklasse.

Dadurch ergibt sich eine familiäre Atmosphäre: "Das wird vererbt", sagt Zöpfl und blickt auf seinen Sohn Andreas, der gerade mit dem 70-jährigen Günter Soldner trainiert. Die Verletzungsgefahr sei extrem gering, obwohl der Ball bis zu 90 Stundenkilometer schnell werden könne. Die Stimmung bei Turnieren sei fair. "Du kennst halt fast jeden", sagt Zöpfl. Radball ist so ungewöhnlich wie seine Entstehungsgeschichte: Laut einer Anekdote soll dem Kunstradfahrer Nick Kaufmann einmal ein kleiner Hund vor das Rad gelaufen sein, den er mit dem Vorderrad beiseitefegte, um ihn nicht zu verletzen. So soll Ende des 19. Jahrhunderts die Idee zu dieser Sportart entstanden sein. In den 30er und 40er Jahren etablierte sie sich, heute wird hierzulande in rund 1200 Vereinen Radball gespielt: "Man ist irgendwie ein Künstler auf dem Rad, und doch ist es ein Kampfsport", sagt Zöpfl. Er pfeift das Trainingsspiel ab. Obwohl die Halbzeiten nur sieben Minuten lang sind, spiegeln Schweißtropfen das Licht auf dem Pullacher Hallenfußboden. "Ein Spiel Radball ist wie eine Stunde Tennis", sagt er, während die Spieler ihr Fahrrad umgedreht auf den stimmgabelartigen Lenker gestützt aufstellen. "Und das Beste daran: Es funktioniert ohne Vuvuzela."

Informationen zum Beitrag

Titel
Erfolgreich am Rad drehen
Autor
Thomas Hauser, Annika Schramm.
Schule
Gymnasium Grafing , Grafing
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2011, Nr. 51, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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