Hinfallen und wieder aufstehen

Charakterschule Judo: Der Sport schult den Körper und das Durchhaltevermögen. Nicht nur Alina Böhm hat es im Judozentrum Heubach weit gebracht.

Es ist still. Ein Kinderstimmchen ertönt: "Mokuso - Rei." 16 Kinder in Weiß springen auf und verbeugen sich vor einer Frau mit Brille und rot-schwarzer Kleidung. So verläuft die sogenannte Angrüßung beim Kindertraining des Judozentrums Heubach. Der Verein der Kleinstadt 70 Kilometer östlich von Stuttgart ist einer der erfolgreichsten im Landesverband Württemberg. Der Nachwuchs, Kinder unter zwölf und unter zehn Jahren, trainiert zweimal in der Woche unter der Leitung von Martina Hanke. Ihre Gürtelfarben reichen vom Weiß des Anfängers bis zu Gelb-Orange der Kinder, die drei, vier Jahre Judo machen. Die Judoka stellen sich in einer Reihe dem Trainer gegenüber auf, geordnet nach Farben. Sie knien. Nun sagt der Ranghöchste "Mokuso". Darauf folgt eine Pause und dann "Rei". Alle verbeugen sich. Nach dem Aufstehen verbeugen sie sich ein weiteres Mal im Stehen.

Zum Aufwärmen gibt es ein Fangspiel: Drei Fänger sollen die Gruppe durch Berühren fangen, aber man kann von Kameraden durch einen Wurf befreit werden: Dabei stellt sich der Gefangene mit ausgestreckten Armen hin, und der Befreier greift in die Jacke und an den Arm des Gefangenen. Er stellt sein Bein hinter das Bein des anderen und drückt ihn nach hinten um. Diesen Wurf nennt man O-soto-otoshi. Tanja, Jasmin und Luca haben innerhalb von zwei Minuten alle gefangen. Die Kinder lieben das Spiel, ehrgeizig kämpfen sie um die "Strafe" von fünf Holger für die Verlierer. Während eines Holgers müssen die Hände hinter dem Rücken sein, zuerst kniet man sich hin und legt sich dann auf den Bauch. Als Nächstes muss man von der linken zu rechten Schulter rollen und danach aufstehen, ohne die Hände zu benutzen.

"Jedes Training hat ungefähr den gleichen Ablauf, sagt Hanke: "Auf die traditionelle Begrüßung folgt das Aufwärmen, meist ein Spiel, und anschließend der Technikteil. Zum Schluss kommen noch Trainingswettkämpfe und das Abgrüßen." Sven Albrecht, Haupttrainer der Jugendlichen, erklärt: "Das Kämpfen macht den Kindern immer besonders viel Spaß." Bei den Kleinen verlaufe alles noch spielerisch. Auf einer Weichbodenmatte knien sich die Kinder ähnlicher Gewichtsklasse gegenüber hin und versuchen sich gegenseitig hinauszuschieben. Wer den Boden berührt oder aufsteht, verliert. "Das ist für viele Kinder am Anfang schwer, sie sind gewohnt, alles zu bekommen. Aber nun müssen sie sich ihren Vereinskameraden, zum Teil sogar Kleineren, geschlagen geben", sagt der große, schwarzhaarige Mann mit Brille. Die Gegner verbeugen sich respektvoll voreinander. Nach dem "Hajime" beginnt der Kampf. Bald hört man das erste Kinderlachen. Es gebe kein Kind, das sich nicht auf die nächste Chance freue. Dann folgt das Sumo: Es geht darum, den Gegner im Stand von der Matte zu schieben, auf den Boden zu zwingen oder, im Idealfall, zu werfen. Durch Judo werde man selbstsicherer, sagt der Grund- und Hauptschullehrer Albrecht. Man lerne, sich durchzubeißen, und vor allem steigere man das Durchhaltevermögen.

Alina Böhm, Heubachs erfolgreichste Kämpferin im Jugendbereich, bestätigt: "Im Judo muss man so oft wieder aufstehen: Es kann sein, dass ein Jahr bei einem gar nicht läuft, wie bei mir 2014. Ich bin bei der Deutschen Meisterschaft nach zwei Kämpfen ausgeschieden, das war für mich damals der schlimmste Tag in meinem Leben. So sehr hatte ich es mir gewünscht, auf dem Podest zu stehen. Doch viel wichtiger ist, dass man nicht aufgibt." Die 17-Jährige ist Deutsche, Europa- und Vizeweltmeisterin in ihrer Altersklasse. "Viele sehen nur den Erfolg. Aber wie oft lag ich nach einem Training fertig im Bett und wollte am liebsten nie mehr eine Judomatte betreten", sagt die große, braunhaarige Schülerin, die ihr Abitur am Sportgymnasium in Stuttgart-Untertürkheim macht.

Albrecht betont: "Gerade Disziplin ist wichtig für den ganzen Menschen. Wir erwarten, dass alle Kinder pünktlich sind. Wenn nicht, gibt es eine Strafe." Heute kommen nur zwei Mädchen zu spät. Sobald sie die Matte betreten, machen sie ohne Aufforderung brav ihre Liegestützen und entschuldigen sich. Selbstdisziplin lerne man vor allem beim "Gewichtmachen", so lautet der Ausdruck für das Abnehmen, um das für eine bestimmte Gewichtsklasse vorgeschriebene Gewicht zu erreichen. "Die Freunde in der Schule essen noch einen Nachtisch, und dann gönnen sie sich da noch ein bisschen Schokolade, und man steht daneben und darf einfach nichts essen. Das ist schon hart", sagt Alina. "Aber umso mehr ist man nachher stolz, dass man es geschafft hat, und freut sich auf das Essen nach der Waage. Vor allem, wenn man mit einem Titel belohnt wird."

Titel hat das Judozentrum Heubach viele eingefahren, insgesamt mehr als 250 Landesmeistertitel. Die Krönung für den Verein ist, dass er viele Mitglieder des Landes- und Bundeskaders stellt. Doch daran denken die Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren noch nicht. Sie freuen sich, wenn sie werfen dürfen. Schnell klettern sie von der Sprossenwand herunter, an der sie sich während der Pausen die Zeit vertreiben. "Vanessa, du fällst nicht gut. Hast du keine Lust?", rügt die Trainerin bei einer Wurfübung, bei der der Partner über den Rücken des Werfenden geworfen wird. "Manche Kinder wollen nicht fallen, aber dies ist nicht in Ordnung. Sie möchten auch, dass der andere bei ihnen gut fällt. Außerdem hat es etwas mit Respekt zu tun, der Partner möchte lernen und sich verbessern, dabei darf man ihn nicht behindern", sagt Martina. Am schmerzvollsten sei es, sich von Jüngeren und Schwächeren werfen zu lassen. Beim Spiel Domino zur Übung des richtigen Fallens stehen alle im Kreis und müssen der Reihe nach auf den Rücken fallen. "Das ist eine der wichtigsten Übungen, denn auf dem richtigen Fallen beruht ja Judo", erklärt Martina. Steht einer zu langsam auf oder fällt auf den Hinterkopf, scheidet er aus, muss sich dreimal werfen lassen und darf den nächsten Ausgeschiedenen werfen. Die Gruppe sorgt dafür, dass alle Regeln eingehalten werden.

Kindertraining ist nicht immer leicht. "Ich hatte schon viele Kinder, mit denen die Eltern nicht mehr klargekommen sind", sagt Albrecht. Der 39-Jährige kennt sich mit Problemfällen aus. Es seien schöne Herausforderungen, besonders wenn man merkt, dass das Training den Kindern hilft, ihre Aggressionen abzubauen. "Aber leider haben viele, als ich sie soweit hatte, wieder aufgehört."

Informationen zum Beitrag

Titel
Hinfallen und wieder aufstehen
Autor
Emily Dennochweiler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2016, Nr. 165, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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