Hut, hut, hut! Dann prallen die Männer aufeinander

In Reih und Glied stehen sich muskelbepackte Schwergewichte gegenüber und warten auf das Signal, das den nächsten Spielzug einleitet. Jeder Spieler weiß, dass er in den folgenden Sekunden sein Bestes geben muss. Da dröhnt die Stimme des Quarterbacks über das Feld: "Down!" Die Männer machen sich bereit und gehen in Position. Schweiß tropft vom Kinn des vordersten Lineman. "Set!", schallt es erneut von hinten, als die letzten Spieler rasch ihre sorgsam einstudierten Plätze einnehmen. Noch einmal kontrolliert der Quarterback, ob alle richtig stehen. Das sehnlichst erwartete "Hut, hut, hut!" ertönt, dann lösen sich die Massen von Männern und prallen aufeinander, als der Ball in einem langen Bogen über das Feld fliegt.

Im Sprung fängt der Receiver den Pass und sprintet los. Er rennt weit auf die gegnerische Spielseite, nun haarscharf verfolgt von einem Verteidiger, der mit aller Macht versucht, ihn aufzuhalten. Kurz bevor er ihn erreichen kann, kommt für den Sprinter die Linie der Endzone. Erleichterung. Der Jubel in der Mannschaft ist groß. Auch Coach Timothy-Wayne Howard freut sich über die Früchte der langen Arbeit. Gerade dies kleine bisschen Amerika in Deutschland macht den Auswanderer glücklich.

1965 geboren, ist Tim Howard in Duluth in Georgia aufgewachsen, wo er die Junior-High und später die darauf folgende Highschool besuchte. "Ich war nicht gut in der Schule", gesteht er. Doch in den Vereinigten Staaten lässt das Schulsystem viele Wege zu einem Abschluss zu. Man kann auch aufgrund seiner Abstammung oder besonderer sportlicher Leistungen punkten und so ein College seiner Wahl besuchen. Obwohl Howards Großmutter Cherokee-Indianerin war, reichte das nicht aus, um aufs College zu gehen. Das sprichwörtliche Ass im Ärmel war sein Können im Football, hier konnte er auftrumpfen, denn als Receiver machte ihm niemand so schnell etwas vor.

Doch aus seiner Hoffnung, einmal Profi zu werden, sein College zu bezahlen und es seinem Vorbild Herschel Walker gleichzutun, wurde nichts, als 1984 ein harter Zusammenstoß mit einem Gegenspieler seinen Traum von der Profikarriere zerstörte. "Ein Helmet war das, der gegen meine Kniescheibe ging", erinnert sich der Fachlagerist. "Beim Fangen des Balles blockten mich gleich zwei Spieler der Gegenmannschaft. Der eine traf meinen Oberkörper, der andere mit seinem Kopf mein Knie. Ein Jahr war ich damals krank." Er verlor durch den Unfall sein Sportstipendium. "Die haben gesagt, spiel Football oder bezahl." Zum Glück konnte er in der US-Army seinen Collegeabschluss nachholen. Nach mehreren Jahren im aktiven Wehrdienst und zwei Einsätzen im Panama-Krieg wurde er 1990 nach Schweinfurt versetzt. Er blieb in Deutschland, vor allem wegen seiner Frau Martina, die er dort kennenlernte, 1991 heiratete und mit der er zwei Kinder hat. Seine Ausbildung als Fachlagerist holte er über die Industrie- und Handelskammer nach.

Lange Zeit war Football für Tim Howard nicht mehr als Schwelgen in Erinnerungen bei den Spielen im Fernsehen. Das änderte sich vor sechs Jahren, als sein Sohn Patrick anfing, für den Sport aus den Staaten zu schwärmen. "Ich hab gesagt, ich ruf da an, ich kenne die amerikanischen Coaches und Spieler in Schweinfurt", erzählt der stolze Vater. Schnell waren die Kontakte geknüpft, eine Schweinfurter Mannschaft gab es bereits. Patrick spielte drei Spielzeiten lang Cornerback in Schweinfurt und dann bei einem Junior Profi Team in Rothenburg. Momentan pausiert er aus beruflichen Gründen.

Sein Vater wurde von Trainern gebeten, einzusteigen, und begann, die Ballbearings Schweinfurt zu coachen. Wenig später machte er die Trainerprüfung in Rothenburg mit der C-Lizenz. 2011 wechselte er zu den Gladiators, der zweiten Footballmannschaft in der unterfränkischen Stadt, die neu gegründet wurde. Heute ist er Co-Coach bei den Bulldogs aus Gerolzhofen im Steigerwald.

Während des Sommers trifft sich die Mannschaft bis zu drei Mal in der Woche und arbeitet an den Spielzügen und der reibungslosen Zusammenarbeit des Teams. "Jeder kann spielen, der das möchte", erklärt der Trainer, denn bei diesem Sport ist es wichtig, dass viele verschiedene Typen in Sachen Gewicht, Schnelligkeit und Größe im Team geschlossen zusammenhalten. Unterteilt wird die Mannschaft dabei in Unterteams, wie Offence oder Defence, in denen gezielt Taktiken fürs spätere Spiel eingeübt werden.

Egal ob groß oder klein, etwas stämmiger oder dünn, schnell oder langsam, jeder kann Football spielen, wenn er nur mit Begeisterung bei der Sache ist. Jede Position hat bestimmte Aufgaben und Voraussetzungen. "Die Linemen sind zum Beispiel richtige Schränke. Die müssen den Weg frei machen oder blocken." Howard war früher auf der Receiver-Position, weil er besonders schnell rennen und fangen konnte. "Wenn ich den Helm angezogen hatte, war ich ein anderer Mensch - unverwundbar." Doch er betont: "Sicherheit ist wichtig. Ohne Schutz wird nicht gespielt. Ein guter Helm muss sein." Auch wenn dieser samt Brustschutz schnell 1000 Euro kosten kann.

In Deutschland spielt man nach College-Regeln, also vier mal zwölf Minuten Spielzeit. Dabei gibt es mehrere Wege, die erwünschten Siegpunkte zu ergattern. Ohne einen vorher ausgearbeiteten Plan ist man rasch unterlegen. "Wenn man denkt, die Leute sind groß, die sind dumm, dann stimmt das nicht", belehrt der Coach. "Du musst mit Kopf spielen, es ist ein Strategiespiel." Die amerikanische Sportart erfreut sich hierzulande wachsender Beliebtheit.

Erste Frauenmannschaften spielen auf deutschen Sportfeldern. Von den knapp bekleideten Vorbildern in Amerika hält Tim Howard nichts. "Frauenfootball in Amerika ist Quatsch mit den Bikinis." Nach seiner Meinung sollten Frauen gleichermaßen spielen und sich auch so schützen dürfen wie die Männer. Sein Verein versucht gerade, ein Frauenteam auf die Beine zu stellen, aber noch interessieren sich zu wenige Damen für den Ballsport von Übersee. Bei allen Problemen arbeiten die deutschen Footballvereine Hand in Hand zusammen, zum Beispiel durch diverse Spielvereinigungen, um trotz fehlender Männer spielen zu können. "Wir sind eine Familie", berichtet der Auswanderer begeistert und sagt: "Mein Zuhause ist Deutschland."

Informationen zum Beitrag

Titel
Hut, hut, hut! Dann prallen die Männer aufeinander
Autor
Felix Hauck
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2016, Nr. 165, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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