Wenn das Holz zu singen anfängt

Heinz Kreuzer hat sich darauf spezialisiert, Hölzer für Instrumente auszusuchen. Die schönsten Bäume wachsen in Bosnien, sagt der Mann aus Mittenwald. Er verfügt über viel Holz in seiner Hütte, für Geigen, Celli und Gitarren.

Ein Besucher steht vor der Hütte inmitten von Stapeln aus Holz und Baumstämmen. Der Mann vom Zoll ist gekommen, um noch mal wegen der Paletten für China zu schauen. Riesige Baumstämme liegen aufeinander und werden von feinen Wassersprinklern genässt. So soll verhindert werden, dass sie bis zu ihrer Verarbeitung verschimmeln. Sonst entstehen bläuliche Verfärbungen am Holz. Gleich daneben bilden auf einem Podest mit alpenländischem Spitzdach dünne Holzplatten hohe Türme, die luftgetrocknet werden. Auf höchstens zwölf Prozent muss dem Holz bei diesem Prozess die Feuchtigkeit entzogen werden. Dann erst darf es in die Werkstatt zum Weitertrocknen. Ungefähr fünf Jahre lang dauert die gesamte Verarbeitung des Holzes. Dies ist Voraussetzung, um hochwertige Ergebnisse für die Decken, Böden und Hälse von zukünftigen Geigen, Celli und Gitarren zu erhalten.

Unmittelbar an der Grenze zu Österreich liegt Mittenwald. Bereits im Wappen erkennt man Gebirge und Wälder der Region. Die Isar fließt rauschend durch den Ort und an der abgelegenen Holzhütte vorbei. An der Tür hängt ein weißes Schild, darauf die Abbildung einer Tanne mit einem Berg und die Initialen "HK". Heinz Kreuzer, auch als Tonholz-Kreuzer bekannt, ist auf den ersten Blick der Inbegriff eines Holzfällers. Seine abgenutzten, gefurchten Hände deuten auf harte Arbeit hin. "Ich mache das aus Passion", sagt er. Kreuzer ist kein Holzfäller, und seinen Ausbildungsberuf Geigenbauer übt er seit mehr als 50 Jahren nicht mehr aus. Der stämmige Mann im blauen Overall hat sich darauf spezialisiert, Holz auszusuchen. Inzwischen ist er für seine Hölzer international bekannt und bei Musikern und Instrumentenbauern gefragt. "Wenn einer was Schönes will, dann kommt er zu mir", murmelt er in seinen Schnauzer. Sogar Schulklassen kommen in seine Hütte. Früher hat er sogar Vorführungen gehalten. Er spricht weder liebevoll noch poetisch von seiner Leidenschaft.

Für ihn war der Beruf als Geigenbauer bald "brotlose Kunst", also hat er sich dem Holz gewidmet. Er sattelte auf ein großes Transportunternehmen um. "Früher haben wir das Holz Lkw- und containerweise geliefert, aber jetzt machen wir das mit Qualität." Seit 1967 ist Heinz Kreuzer selbständig. Man spürt den Stolz und die Freude, mit der er über seine neuen Eroberungen spricht. Vor der Hütte liegt gerade seine wohl größte. Der Baumstamm ist der einer Fichte, die Tonholz-Kreuzer selbst aus Bosnien abgeholt hat. Einen stolzen Preis von 7000 Euro je Kubikmeter kostet der weichweiße Baum mit deutlicher Maserung. Sogenannte "Vogelaugen" bedecken den ganzen Stamm und führen im Holz zu einem ganz besonderen Effekt: Die feinen Punkte, die an kleine Vogelaugen erinnern, bleiben nach der Verarbeitung des edlen Holzes sichtbar. "In Bosnien, da wachsen die schönsten Bäume, da passt einfach alles."

Für das Prachtexemplar gab es acht Interessenten, doch seine langjährigen Beziehungen zu den Förstern haben ihm geholfen. Sobald Heinz Kreuzer davon anfängt, schwelgt er in Erinnerungen. Er spricht von Bosnien und wie er den Förstern im ehemaligen Jugoslawien half. Sie litten unter dem Exportverbot, und Kreuzer litt darunter, dieses prächtige Holz aus dem Osten während des Kriegs nicht zu bekommen. So unterstützten sie sich gegenseitig, und Tonholz-Kreuzer knüpfte seine entscheidenden Kontakte. "Während des Krieges gab's noch schönes Holz", sagt er, wobei mit Krieg der sogenannte Balkankrieg in den neunziger Jahren gemeint ist. Damals hieß es: "Wenn ihr mir einen schönen Baum findet, dann bekommt ihr einen 50er." Seitdem wird Heinz Kreuzer gleich kontaktiert, wenn gutes Holz gefunden wird.

Läuft man auf die Pforte der Hütte zu, entdeckt man davor selbst eingebaute Schienen, die durch die Hütte bis in das dunkle Ende des Ganges führen. Damit transportiert Kreuzer auf einer Art Schienenkarre sein Holz in die Hütte. Steht man unter dem Eingang, weist ein runder Aufkleber auf das Feuerverbot hin. Ansonsten sieht man sich von Regalen und Kisten voller sortierter Holzplatten und Schablonen umgeben, jede mit einem Zettel über den Baum und seinen Ursprung.

Ein Tisch steht bereit, um die Maserungen zu zeigen: Rosskastanie, Ahorn aus Bosnien, Haselfichte aus Bayern und noch eine aus Russland, jeder Baum mit unterschiedlicher Maserung. Ob geflammt, mit Vogelaugen oder Muschelaugen: "Schöner geht's nicht", sagt Kreuzer und fasst die Platten an.

"Wird ein Baum zur falschen Jahreszeit gefällt, verliert er womöglich an Qualitäten", erläutert er. "Wir kaufen nur Winterholz." Dies sei die beste Jahreszeit, um einen Baum zu fällen. "Ab dem Frauendreißiger werden die Säfte aus dem Stamm gesaugt, da die Blätter weiterleben wollen." Das ist die Zeit zwischen den Festen Mariä Himmelfahrt am 15. August und Mariä Namen am 12. September. So sei der Baum ungefähr zur Weihnachtszeit so weit. Als Mondholz wird das Holz bezeichnet, das von einem Baum stammt, der zum Neumond im Winter gefällt wurde. "Zum Neumond sind am wenigsten Mineralien und Säfte drinnen." Das Holz soll dann besonders stabil und stark sein. Während Heinz Kreuzer spricht, spürt man seine Berufung, den Bäumen zuzuhören, sie wertzuschätzen und aus ihnen das Beste herauszuholen. Er kennt all ihre Geschichten. "Und sie sind uralt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn das Holz zu singen anfängt
Autor
Sofia Kieffa
Schule
Asam-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2016, Nr. 171, S. 27
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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