Die Decke aus Fichte, der Boden aus Ahornholz

Jedes Mal, wenn ich eine neu angefertigte Geige in meinen Händen halte, geht eine kleine Welt für mich auf", sagt Michael Rüttimann. Er sitzt konzentriert an seinem Werktisch und werkelt an einem Geigenbogen. Sorgfältig putzt er den Bogen und ölt ihn ein. An der einen Wand seines Geschäfts hängen drei antike Geigen; die eine ist von 1780, die anderen zwei sind etwa 150 Jahre alt. Im hinteren Teil des Geigenbauateliers in Rapperswil am Zürichsee stehen kleine und große Celli, die darauf warten, gekauft oder gemietet zu werden. Seit 14 Jahren gehört ihm das Atelier in einem geschichtsträchtigen Jugendstilhaus am Rand der Altstadt. Die Fassade ist bläulich. Geigenbauwerkstatt und Verkaufsladen befinden sich im selben Raum.

"Mein erstes Atelier habe ich mit vier Geigen eröffnet, damals noch im Kanton Schwyz, wo ich auch aufgewachsen bin", erklärt Rüttimann schmunzelnd. Mittlerweile ist sein Laden mit mehr Geigen, Bratschen und Celli ausgestattet. Rüttimann spielt selbst Geige. Als er ein kleiner Junge war, fing er damit an. Von seinem Wohnort Galgenen musste er dazu nach Altendorf in die Geigenstunde. "Zu jener Zeit war es noch sehr schwierig, in der Innerschweiz jemanden zu finden, der Geigenunterricht anbot. Ich fuhr dann acht Kilometer mit meinem Velo und meinem Geigenköfferchen in die Stunde."

Das Handwerk hat Rüttimann schon früh fasziniert. Nicht überraschend war es daher, dass er mit 16 Jahren an der Aufnahmeprüfung der Schweizerischen Geigenbauschule in Brienz im Kanton Bern teilnahm. Er war einer der wenigen, die bestanden. In seinem Jahrgang waren das drei von fünfzehn. Auch dank der Unterstützung seiner Eltern konnte er in seinem jungen Alter nach Brienz ziehen, um die Ausbildung anzutreten. "Ich musste plötzlich einen ganzen Haushalt alleine bewältigen. Allerdings habe ich es geschafft, und das war sicher dafür ausschlaggebend, dass ich so selbständig geworden bin", meint er nachdenklich.

Mit 20 war es dann so weit, er war ein stolzer Eidgenössisch Diplomierter Geigenbauer. In den neun Jahren, in denen er anschließend in Berlin und Konstanz arbeitete, hat er viele Erfahrungen gesammelt. Danach war er bereit, sein eigenes Geschäft zu eröffnen.

Ihm ist wichtig, dass sein Geschäft auf Ehrlichkeit beruht: "Die Leute sollen wissen, was ich tue." Aus diesem Grund liegt sein Arbeitstisch in der Mitte des Ladens. Interessenten können ihm dabei zusehen, wie er die Instrumente bearbeitet. Die Kunden bestehen aus Berufsmusikern, Amateurmusikern, Schülern bis hin zu Erwachsenen und Kindern, die gerade erst mit dem Musizieren beginnen. Allen steht es offen, ihre Wünsche anzubringen. Rüttimann versucht darauf einzugehen. "Ich möchte meine Kunden nicht einfach zu etwas überreden, was sie gar nicht wollen."

Hinter dem Werktisch an der Wand gibt es viele aufgehängte Pferdehaare und andere Materialien, die man braucht, um einen Geigenbogen zu reparieren. Auf der einen Seite steht ein altes Ledersofa, und an der Wand hängen Auszeichnungen und Diplome. 1990 und 1993 wurde er mit zwei selbst gebauten Geigen Preisträger in einem Geigenbauwettbewerb.

Es ist eine alte Tradition, ein Geigenbauatelier am Montag geschlossen, dafür am Samstag geöffnet zu haben. Genauso ist es bei Rüttimann. "Samstags haben die Leute, die unter der Woche arbeiten, Zeit, in mein Geschäft zu kommen", erklärt er. Am Montag sind jeweils die Sitzungen des schweizerischen Geigen- und Bogenbauverbands, in denen er Mitglied und seit drei Jahren im Vorstand ist. Durch den Verband könnten Erfahrungen geteilt, Inspirationen gesammelt und Weiterbildungen besucht werden.

In seiner Freizeit ist der sympathische Geigenbauer nicht nur in Vereinen tätig, er ist auch leidenschaftlicher Ehemann und Vater. "Die Familie ist mir sehr wichtig." Er geht gerne mal über Mittag nach Hause, um mit seiner Familie zu verweilen. Seine Frau macht in seinem Geschäft die Buchhaltung, dafür ist er dankbar. Sein 14-jähriger Sohn spielt zwar nicht Geige, habe jedoch den Rhythmus im Blut, was ihn zum Schlagzeug geführt hat. Schon in seinen jungen Jahren hat Rüttimann gelernt, was der Zusammenhalt der Familie bedeutet, besonders als sein Vater vor vier Jahren an Alzheimer gestorben ist.

Im Winter geht der Geigenbauer gerne Snowboarden. Hinzu kommt sein Kung-Fu-Training. "Der Kampfsport gibt mir einen gesunden Ausgleich zur konzentrierten Arbeit mit den Geigen." Der sportlich wirkende Mann hat einen Dreitagebart und kräftige Arme, mit denen er gerade die Saiten einer Geige neu aufzieht. Seine Hände sind dabei völlig ruhig. Geigenbau ist ein Kunsthandwerk, das viel Erfahrung, Liebe zum Detail und Geduld erfordert.

Das Holz, das bis zu zehn Jahre gelagert werden muss, wird am Anfang sorgfältig ausgesucht. Für die Decke der Geige benutzt man in der Regel Fichte, für den Boden Ahorn. Wenn die ganze Geige behutsam fertig gebaut wurde, streicht man sie noch mit einem schönen, natürlichen Öllack ein. "Jede Geige ist ein Individuum", betont Rüttimann. Mit dem Blick auf eine antike Geige an der Wand, spricht er über die Faszination alter Instrumente. "Wenn man eine 400 Jahre alte Geige in den Händen hält, fragt man sich natürlich, wer schon alles darauf gespielt hat." Andererseits mag Rüttimann neue Geigen genauso.

Im Lehrbuch steht, dass man 200 bis 300 Stunden braucht, um so ein Werk zu vollbringen. Jedoch kommt es darauf an, wie viel Erfahrungen ein Geigenbauer schon hat. Entsprechend kann man auch unterschiedlich viel für eine neu angefertigte Geige verlangen. Der Preis kann zwischen 12 000 und 20 000 Franken liegen. Die Qualität hängt von der Verarbeitung des Holzes und schlussendlich natürlich auch vom Klang ab. Rüttimann hat eine Mitarbeiterin, die zurzeit daran ist, eine Kindergeige zu bauen. Sie arbeitet nur wenige Stunden, da sie nebenbei noch studiert. Deswegen wäre der vielbeschäftigte Geigenbauer froh um eine weitere Mithilfe in seiner Werkstatt. "Man kann flexibler sein, wenn man Mitarbeiter hat." Rüttimann ist zufrieden mit seinem Leben. "Ich möchte eigentlich so lange wie möglich so arbeiten. Es ist natürlich eine schöne Vorstellung, wenn jemand mein Geschäft irgendwann übernehmen würde, aber bis dahin bleibt ja noch genügend Zeit."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Decke aus Fichte, der Boden aus Ahornholz
Autor
Marlen Stocker
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2016, Nr. 171, S. 27
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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