Ein ganzes Buch aus Mooreiche

Nur wenige wissen, was eine Xylothek ist. Sie denken häufig zuerst an ein Xylophon. Anfangs wussten auch Karlheinz und Marion Miarka dies nicht. Als die 53-jährige Erzieherin und Waldpädagogin einen Zeitungsartikel las, wurde sie neugierig und wollte die Xylothek im Kloster Neresheim auf der Schwäbischen Alb ansehen. Es wurde ihr jedoch nicht gewährt, woraufhin ihr Mann sagte: "Dann bau ich dir eben eine!" So entstand die laut Miarka einzige Xylothek in privater Hand. Die Xylothek steht in ihrem Haus in Ohmenheim auf der Schwäbischen Alb. Die 221 Holzbücher sind im Wohnzimmer ordentlich in Regalen aufgereiht. "Man kann darin jedoch keine Buchstaben lesen", sagt der 56-jährige Forstwirt.

Im Inneren des Buches des Chinesischen Gemüsebaums gibt es - so wie in allen anderen Büchern auch - Samen, laminierte Blätter, Blüten, Knospen und Früchte des Baumes. Manche Bäume haben sogenannte Gallenfrüchte. Dabei legt die Gallenwespe ihre Eier in die Frucht, und durch verschiedene Reaktionen bilden sich dann seltsame und knollenartige Triebe aus. Auch diese Früchte kommen in den Buchkasten, der komplett aus dem Holz dieser einen Baumart geschreinert wurde. Der Rücken eines 24 Zentimeter hohen Buchs ist mit der Rinde, dem deutschen Namen der Sorte und einer Nummer versehen. Name und Nummer sind ordentlich mit einem goldenen Stift auf ein rotes Lederband geschrieben.

Die Nummern sind sorgfältig in einer Liste verzeichnet. Dort finden sich die deutschen und lateinischen Namen sowie das, was an Materialien von dem Baum vorhanden ist, aufgelistet. Alles an und in diesem Buch stammt von dem jeweiligen Baum.

Die Produktion eines Buchs dauert sechs bis acht Stunden. Da das Holzstück aber erst einmal zurechtgeschnitten werden und trocknen muss und anschließend auch noch geleimt werden und wieder trocknen muss und so weiter, dauert die Herstellung eines Buches insgesamt rund ein Jahr. Zum Schluss streicht es Karlheinz Miarka mit Klarlack. Das Material für die Bücher sammelt das Ehepaar in Urlauben oder von Bekannten und Interessierten. Außerdem haben sie Kontakt zu einer Baumschule in Italien. Ihnen ist es wichtig, dass das gesamte Buch von einem einzigen Baum stammt. Ganz egal, wie schön etwas sei, das gehöre eben zu dem Baum und auch zu seiner Geschichte, meinen die beiden.

Manchmal stoßen sie auch zufällig auf Hölzer, die in ihrer Sammlung noch fehlen. In Italien am Straßenrand beispielsweise wurde ein wuchernder Oleander zurückgeschnitten. Miarkas haben angehalten und gefragt, wie sie es immer machen, ob sie ein wenig davon mitnehmen dürften. Aufgrund der Sprachbarriere haben sie immer ein Beispielexemplar dabei, sodass sie damit klarmachen können, wofür sie es benutzen möchten. Die Menschen seien immer freundlich und hilfsbereit. "Keiner, den wir je gefragt haben, ob wir etwas Holz haben könnten, hat bis jetzt nein gesagt", sagt Karlheinz Miarka. Das erste Buch für Miarkas Xylothek, die es seit 2007 gibt, war eine Traubeneiche. Die ersten Bücher entstanden aus Baumschnittabfällen. Danach arbeiteten sie mit dem Botanischen Garten in Tübingen zusammen, wo sie einige Sorten bekamen und vor zwei Jahren eine Ausstellung hatten. Von jetzt an produzierte der Forstwirt immer mehr Bücher, so dass er im Schnitt auf 20 bis 30 Bücher im Jahr kam. Das älteste Holz ist von einer Mooreiche. Diese wurde bei einer Stadtkernsanierung in Nattheim gefunden. Weil es früher noch keine asphaltierten Straßen gab, musste man sogenannte Eichenbohlen auf den Weg legen, wenn man mit einer Kutsche fahren wollte. Als man Straßen baute, ließ man die Bohlen einfach liegen und überbaute sie. Bei der Renovierung wurden diese dann untersucht, wobei man herausfand, dass sie von 1355 bis 1459 stammen. "So ein Holzstück bekommen wir nie mehr."

Je krummer das Stück ist, desto mehr braucht Karlheinz Miarka davon, da er nur gerade Stücke für das Buch verwenden kann. Zehn Zentimeter Durchmesser und 120 Zentimeter Länge reichten ihm jedoch auch aus, meint er. Das Gewicht eines Buches hänge von Sorte und Dichte ab. Die Verarbeitung mancher Hölzer ist dennoch anstrengend, weil sie giftig sind, so dass er Mundschutz und Handschuhe tragen muss. Den Wert eines Buches schätzt er auf 100 Euro, rein handwerklich gesehen. Der ideelle Wert ist jedoch viel größer, den die Kinder der beiden jedoch nicht so zu schätzen wüssten. Jedenfalls möchten sie die Xylothek nicht weiterführen. "Mit dem Tod von uns beiden wird auch die Xylothek ihr Ende finden, sollte bis dahin keine entsprechende Lösung gefunden worden sein."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein ganzes Buch aus Mooreiche
Autor
Laura Stütz
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2016, Nr. 171, S. 27
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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