Ein Übersetzer ist ein zweiter Dichter

Etwa 80 Prozent aller Literatur sind Übersetzungen", sagt Sead Muhamedagic. Er möchte nicht einfach einen Text aus einer Sprache in eine andere übertragen, er versteht sich als Nach-Schöpfer von Weltliteratur. "Ein Übersetzer ist ein zweiter Dichter. Es ist wichtig, dass er bei seiner Übersetzung dafür sorgt, dass ein Meisterwerk ein Meisterwerk bleibt." Hugo von Hofmannsthal, Thomas Bernhard und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gehören wie viele andere zu den Schriftstellern, deren Texte Muhamedagic im Kroatischen nachdichtet. Zuletzt übersetzte er in 18 Monaten "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus.

"Außer Sead kann ich mir niemanden vorstellen, der das geschafft hätte. Er ist der Spezialist für die schwierigsten Texte", meint Snjezana Bozin. Die 43-jährige Kroatin wurde in Ulm geboren, lebt in Zagreb und ist durch eine Begegnung mit Muhamedagic selbst zum Übersetzen gekommen. So hat sie Daniel Kehlmanns Roman "F" ins Kroatische übertragen. "Sead war mein Übersetzerpate", sagt sie, "er hört und liest viel mehr als jeder andere Übersetzer. Das ist sicher auch wegen seiner Blindheit so, durch die er mehr auf Wortwelten angewiesen ist. So hat er vor allem auch ein Gespür für Wörter, das man nicht erlernen kann."

Skokovi bei Cazin ist ein ganz normales Dorf im Nordwesten Bosniens, etwa 140 Kilometer südlich von Zagreb. Hier wuchs Sead Muhamedagic als jüngstes von drei Kindern auf. Der Vater war Kaufmann in der nahe gelegenen Stadt Velika Kladusa. Die Mutter nahm wenig Rücksicht auf die Behinderung des Jungen und ließ ihn sich selbständig waschen, Zähne putzen, ankleiden und bei den Spielen der Kinder mitmachen, die im Wald, auf Wiesen und Straßen unterwegs waren. Deshalb ist Sead seiner Mutter dankbar. Sie habe ihn gelehrt, sich aktiv zu integrieren und seinen Lebensweg selbständig gehen zu können.

"Heute spricht man so viel von Inklusion. Doch man muss dazu einen eigenen Beitrag leisten, sich aktiv integrieren." Seit Jahrzehnten lebt und versorgt sich Muhamedagic weitgehend allein; er reist viel, hält Vorträge und Seminare zum Beispiel in Bozen und in Graz. Dabei macht er sein Handicap zu einem neuen Erlebnis für andere. "Lyrik im Dunkeln" heißt eine Veranstaltung, wobei das Publikum im abgedunkelten Saal seiner tiefen Stimme lauscht und so eine andere, intensive Erfahrung mit Lyrik und Musik machen kann.

Der Beitrag, den Muhamedagic heute zur Verbreitung deutschsprachiger Kultur leistet, ist einzigartig. Den Anstoß dazu gab der Großvater, der während seiner Dienstzeit in der k.u.k Armee im Ersten Weltkrieg Abzählreime aufgeschnappt hatte und dem Enkel vorsprach: "Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Offizier, fünf, sechs, alte Hex, sieben, acht, gute Nacht..." Auf das Kind üben die Laute einen magischen Reiz aus. So wird er von der Sprache geradezu verzaubert und befasst sich zunehmend intensiver mit ihr. Die Grundschule besuchte er in Sarajevo, die Mittelschule in Zagreb, wo er anschließend bei dem berühmten Literaturwissenschaftler Viktor Zmegac Germanistik studierte.

In den achtziger Jahren arbeitet Muhamedagic bereits als Übersetzer. Von dieser Zeit erzählt Sonja Vrca Miholic: "Ich war damals so etwas wie Seads Auge." Die heute 52-Jährige hat den Übersetzer durch eine Studienkollegin kennengelernt, die sie fragte, ob sie Interesse daran hätte, einem blinden Mann Texte vorzulesen. Denn in der analogen Zeit war er auf zuverlässige Helfer mit guten Deutschkenntnissen angewiesen. "Ich bekam sofort einen Kassettenrecorder von Sead", erinnert sich die Lehrerin für Deutsch und Italienisch, "dazu jede Menge Kassetten und Papiere mit Texten, die innerhalb von zwei bis drei Wochen vorgelesen werden mussten." Es waren Fach-texte, zum Beispiel aus den Bereichen Landwirtschaft, Maschinenbau, Elektrotechnik und Verwaltung, die Sead für einen großen Betrieb aus seiner Heimatstadt Velika Kladusa übersetzte.

Sead hoffte damals schon, nicht mehr diese langweiligen, technischen Texte zu übersetzen, um sich auf Literatur konzentrieren zu können. Das wurde Anfang der neunziger Jahre möglich, denn der Betrieb aus seiner Heimatstadt musste die Arbeit einstellen. "Sead hatte seinen ersten Computer, der ihm die Übersetzungsarbeit wesentlich erleichterte, so dass er nur in Ausnahmefällen meine Hilfe brauchte. So wurde dann aus dem Arbeitgeber Sead unser lieber Familienfreund."

Damit war nun aber auch die Zeit der wirtschaftlichen Sicherheit für den erfolgreichen freiberuflichen Übersetzer vorbei. Andere Übersetzer haben noch einen Beruf, der ihnen ein regelmäßiges Einkommen sichert. "Das literarische Übersetzen ist ein Beruf, von dem man in Kroatien nicht leben kann", sagt Übersetzerin Snjezana Bozin, die als Bibliothekarin arbeitet. "Zwar gibt es für freiberufliche Kollegen Stipendien, Förderprogramme, aber das ermöglicht nur einigen wenigen, dass sie gerade eben so über die Runden kommen."

Für Muhamedagic kommen noch hohe Kosten durch sein Handicap hinzu. Bei seinem Besuch im 18. Zagreber Gymnasium hat er seine mobile Braillezeile mitgebracht. Das unscheinbare, flache Kästchen ist kleiner als eine Zigarrenschachtel und kann mit einem PC, Tablet oder Smartphone verbunden werden.

Die Schüler staunen nicht schlecht, als Muhamedagic von seinem aktuellen Projekt berichtet. "Arbeit am Mythos" heißt der Text des Philosophen Hans Blumenberg, für dessen kroatische Fassung der Übersetzer 10 000 Euro erhalten wird. Für kroatische Durchschnittsverdiener ist das eine kaum vorstellbare Summe. Für die 700 Seiten wird der Übersetzer mindestens ein Jahr benötigen. "Hilfsorganisationen haben mir 11 000 Euro Kredit unter anderem für die Braillezeile zur Verfügung gestellt, den ich bis zu diesem Jahr zurückzahlen muss." Von dem Honorar bleibt also nicht viel übrig.

Da der 61-Jährige zunehmend auf teure Hörgeräte angewiesen ist, wird sein "Lichtgefühl" wichtiger für ihn. "Ich kann Tag und Nacht unterscheiden und weiß immer, wo das Fenster ist; das hilft mir bei der Orientierung enorm." Begeistert erzählt er, wie er in einer Nacht einmal Glühwürmchen wahrnehmen konnte, ein Erlebnis, das ihn sein ganzes Leben begleitet. Obwohl der Lebensalltag für ihn immer prekärer wird, möchte er nicht aufgeben. "Optimismus und Enthusiasmus sind meine blinden Gesellen, mit denen ich mich ganz gut verstehe."

Zu seinem Lebensplan gehört die Arbeit "an so vielen wichtigen deutschsprachigen Werken, die noch nicht übersetzt worden sind". So möchte er ein Hofmannsthal-Lesebuch herausgeben. "Das Einzige, was wir einander schenken können, sind doch unsere Worte. Es stimmt nicht, dass Worte leer sind. Es kommt immer wieder darauf an, wie man sich der Worte bedient."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Übersetzer ist ein zweiter Dichter
Autor
Ema Jugovic, Valentina Jozic
Schule
Gymnasium Zagreb , Zagreb
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2016, Nr. 177, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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