Ein Schweizer findet den richtigen Dreh

Alles, was ich selber machen kann, mache ich selber", so beschreibt der 45-jährige Martin Benz seine Arbeit in der Seilerei Kislig. Die Seilerei liegt in der Nähe des Winterthurer Hauptbahnhofes. Hier wird fast alles hergestellt, was mit Seilen zu tun hat. Zum Beispiel werden Seile zu Pferdezügeln, Hundeleinen oder Trapezen für Zirkusse verarbeitet. Da das Angebot so groß und unterschiedlich ist, wird das jeweilige Endprodukt, ein Futternetz zum Beispiel, erst nach der Bestellung aus den Seilen gefertigt. Die Kunden haben immer wieder neue Ideen, auf die Benz individuell eingeht. Am Lager sind nur die Seile. "Es gibt viele verschiedene Arten von Seilen: Zuerst wird unterschieden, ob es sich um geflochtene oder gedrehte Seile handelt, dann wird auf das Grundmaterial der Seile geschaut", erklärt Benz, der eine moderne Brille und graue Arbeitshosen trägt.

Für seine Seile verwendet er hauptsächlich natürliche Fasern. "Meistens sind Seile nicht aus Naturfasern gemacht. Mir persönlich sind aber Naturfasern lieber, sie liegen mir einfach besser. Ich mag, wie sie sich anfühlen." Für seine Seile verarbeitet er viel Baumwolle. Andere Naturfasern, die er benutzt, sind Leinen, Manila, das aus Bananengewächsen hergestellt wird, und Sisalfaser, wie sie für Katzenbäume verwendet wird. Benz stellt aber auch Seile aus Kunstfasern her, etwa aus Acrylfasern. Es gibt verschiedene Arten, wie man ein Seil flechten kann; so können Seile entstehen, die flach, rund oder hohl sind. Hohl geflochtene Seile verwendet er zum Beispiel, um ein Verlängerungskabel zu umhüllen.

In dem 100 Meter langen, schmalen Gebäude, in dem sich die Seilerei befindet, stehen etwa zehn Maschinen zur Fabrikation im Raum verteilt. Einige davon werden für die Produktion der geflochtenen Seile gebraucht. Außerdem lagern in dem schmalen Gang Materialien, aufgewickelte Seile und Litzen, also Stränge, die aus mehreren Fäden bestehen. Die fertigen Seile lagern auf einem Vorsprung knapp unter dem Dach. Die Farbe am weißgestrichenen Holzdach blättert schon ein bisschen ab, das Gebäude gibt es seit 1878.

"Um ein gedrehtes Seil herzustellen, werden mindestens zwei und höchstens sechs Litzen gespannt; um ein durchschnittliches Seil herzustellen nimmt man drei oder vier", erklärt Benz. Wenn diese gespannt sind, werden sie am vorderen Eingang, wo die Maschine steht, zusammengenommen und eingehängt. Als Nächstes muss Benz zum anderen Ende des Gebäudes laufen, um ein Gewicht anzuhängen. "Sobald das Seil keine Spannung mehr hat, spickt es auseinander."

Nachdem die Litzen mit dem Gewicht befestigt sind, wird ein Holzklotz zwischen sie gelegt. Dieses holzgeschnitzte Utensil sorgt dafür, dass sich die Litzen nicht verheddern. Wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, betätigt Martin Benz mit einer Schnur die Maschine, um mit dem Herstellungsprozess zu beginnen. Die Schnur ist mit der Maschine am Eingang verbunden, damit Benz die Maschine auch vom anderen Ende bedienen kann und nicht jedes Mal die hundert Meter laufen muss. Wenn die Maschine läuft, muss Benz nur noch, mit dem Holzutensil in der Hand, an dem Seil entlanggehen.

An der Stelle, wo das Holzutensil schon vorbeigeglitten ist, sind die Litzen verdreht und das Seil geformt. So wird das Seil aus den Litzen Stück für Stück verdreht. "Eigentlich ist das Herstellen eines Seils das Gleiche, wie wenn man zu Hause ein Seil herstellen möchte. Das Garn wird zusammengenommen, gespannt und mit einem Bleistift verdreht. Hier ist der Bleistift einfach die Maschine beim Eingang und das Garn sind die Litzen. Die Muskelkraft sorgt für die Spannung, das ist das Gewicht hinten." Die Gefahr besteht, dass sich das Seil am Schluss zusammenzieht und noch mehr verdreht. In der Seilerei wird dies umgangen, indem die Litzen, die aus Fäden bestehen, alle in die gleiche Richtung verdreht sind, das Seil wird dann in die andere Richtung gedreht, und so verdreht sich das Seil am Schluss nicht.

Neben der Produktion werden auch Seile repariert, wenn Fasern gerissen oder angerissen sind. Manchmal muss ein neues, gleiches Seil hergestellt werden. Bei Seilen, die noch etwas Zusätzliches enthalten, wie einen Draht oder eine Eisenstange, müssen diese Materialien aus dem alten Seil herausgenommen und in das neue eingefügt werden.

Zur Seilerei Kislig gehört ein kleiner Laden, wo die Seile und Endprodukte ausgestellt und verkauft werden. Auf der einen Seite gibt es Produkte für den Tierbereich, in einer anderen Ecke diejenigen für den Haushalt. An einer Wand hängen farbige Einkaufsnetze, wie man sie von früher kennt. "Denn manche Kunden hatten immer ein Einkaufsnetz und möchten nicht darauf verzichten." Für solche Sonderwünsche ist die Seilerei gut.

Benz verkauft seine Produkte hauptsächlich an Kleinunternehmen und Privatkunden. Das ist ungewöhnlich, die meisten Seilereien verkaufen ihre Produkte an Fabriken, die diese dann weiterverarbeiten. Weil viele Privatkunden den Laden besuchen, beträgt die Mindestlänge für verkaufte Seile nur ein Meter. Eine Gelegenheit, um die Seilerei Kislig zu besichtigen, sind individuelle Führungen. Die meisten der etwa 120 Führungen im Jahr werden aber für Firmen veranstaltet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Schweizer findet den richtigen Dreh
Autor
Jessica Holzach
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2016, Nr. 183, S. 31
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180