In der Gruppe sind sie stark

Mit bloßem Beinchenschwingen haben die Gardetänzerinnen des Amazonentanzkorps aus Münster nichts am Hut. Aber auch wenig mit karnevalistischem Brauchtum, erklären die Sportlerinnen während einer Trainingspause.

Laut dröhnt die Aufwärmmusik durch die große, moderne Sporthalle in Münster. "Fünf, sechs, sieben, acht!" Die Trainerin zählt an, ihre scharfe Stimme übertönt die Lautsprecher und duldet die nächsten 45 Minuten keine Gemächlichkeit mehr. Schweigend und konzentriert ahmt die Gruppe von 30 jungen Mädchen jede ihrer Bewegungen nach; schon bald stehen jedem von ihnen die Strapazen von ausdauerndem Laufen, Muskelaufbautraining und Dehnübungen des Warm-ups puterrot ins Gesicht geschrieben.

Was ein hartes Ballett-, Kunstturn- oder Aerobictraining sein könnte, ist in Wahrheit das Aufwärmtraining einer Sportart, die viel davon in sich vereint: der karnevalistische Tanzsport. Umgangssprachlich ist dabei meist die Rede von "Funkenmariechen-" oder "Karnevalstanz", wenn die fünfte Jahreszeit beginnt und sich die Geister am Brauchtum Karneval wieder einmal scheiden.

Für die Tänzerinnen des "1. Münsterschen Amazonentanzkorps" der Karnevalsgesellschaft "Die Schlossgeister Münster e.V." ist das ganzjährige Training nicht nur für die Auftritte vor feierwütigen Karnevalisten zwischen November und Februar bestimmt. Denn ihr Tanzsport ist längst als Hochleistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund anerkannt. Bei mehrtägigen Turnieren und Meisterschaften in der gesamten Bundesrepublik lassen die Garden ihr sportliches Können von einer Jury bewerten, um die Konkurrenz mit hoher Punktzahl für Exaktheit, Synchronität, Ausdruck, Gelenkigkeit und Choreographie hinter sich zu lassen.

Trainerin Saskia Gotthal, die als Quereinsteiger zum Gardetanzsport kam, berichtet: "Als ich damals vom Ballett in den Gardetanz wechselte, hat mir vor allem die starke Gruppengemeinschaft gefallen. Beim Gardetanz muss die Gruppe stark sein und nicht der einzelne Tänzer. Dies ist besonders für die Trainer eine besondere Herausforderung." Am Ende der härtesten Trainingseinheiten und besten Motivationskünste steht der Titel des deutschen Meisters. Dieser Titel ist in vier Disziplinen erreichbar: Solotanz, Paartanz, Gardetanz und Schautanz. Ist der Gardetanz die Königsdisziplin, die klassische Pflicht der Garden, ist der Schautanz ein moderner, musicalähnlicher Tanz, bei dem ein fetziges Thema im Mittelpunkt steht und schillernde Kostüme, buntes Make-up, darstellerischer Ausdruck und besondere Schrittvielfalt aus dem Hip-Hop, Jazzdance, Ballett und vielen mehr gefragt sind.

Um bei Wettkämpfen ein optimales Ergebnis zu erzielen, lassen sich viele Gardetrainerinnen und -trainer gezielt schulen und erlernen mit der Trainer-C-Lizenz Grundlagen professionellen Trainierens. "Die Trainer-C-Lizenz ist vergleichbar mit den C-Lizenzen beim Fußball, Volleyball und anderen Sportarten. Diese werden ebenso wie unsere auch vom Deutschen Olympischen Sportbund vergeben und beinhalten einen fachlichen Teil und einen überfachlichen Teil. Der fachliche Teil besteht aus einer theoretischen und praktischen Prüfung sowie einer Lehrprobe. Im Ergebnis hat man ein ganzes Wochenende Prüfung. Zur Vorbereitung muss man mindestens fünf Wochenenden einplanen." Die 24-jährige Trainerin streicht eine blonde Haarsträhne hinter ein Ohr und lächelt. "Man kann in diesem Sport seine Kreativität frei ausleben, bei mir persönlich ein super Ausgleich zum juristischen Studium. Kostüme entwerfen, Choreographie erstellen, Musik auswählen. All das macht mir viel Spaß. Wenn die Gruppe gut zu einem passt und absolut loyal gegenüber der Trainerin ist, hat man wirklich viel Spaß zusammen."

Vertrauen und Disziplin sind gleichermaßen wichtig, um die Leistungen zu steigern. Im Mittelpunkt von hartem Konditionstraining, beschwerlichen Dehnübungen und dem zeitweise nervenraubenden Einüben der komplizierten Schrittfolgen stehe aber immer noch der Spaß.

"Ich komme immer gern zum Training, auch wenn ich weiß, dass es manchmal sehr anstrengend wird. Aber wenn man selber besser werden will, muss man kämpfen, dann müssen alle beim Training an sich arbeiten", sagt die 17-jährige Marie Joswowitz außer Atem und greift nach einer Wasserflasche. Auf das Aufwärmtraining folgt nun das mehrmalige Durchtanzen der Choreographie, bis alle bestmöglich aufeinander abgestimmt auf der Turnierbühne einen sauberen Gardetanz zu klassischer deutscher Marschmusik hinlegen können. Wenn es dann so weit ist, ist den Sportlerinnen, die nervös auf den Aufruf ihrer Startnummer warten, die Unterstützung ihres Karnevalsvereins sicher. Denn die Mitglieder der "KG Die Schlossgeister Münster e.V." sind stolz auf ihre drei Garden und drücken den Mädchen auf den Turnieren die Daumen. "Wenn man die Familie, Freunde und Bekannte als jubelndes Grüppchen an den Tischen von der Bühne aus sieht, pusht einen das total. Dann will man's nicht nur den Juroren beweisen, sondern auch den Turnierbesuchern, die da ja auch einen ordentlichen Auftritt erwarten", sagt Tänzerin Christiane Trinczek, während sie ihre Tanzschuhe fester schnürt. Doch auch, wenn ein Auftritt mal nicht die gewünschte Punktzahl bringt, sei die Enttäuschung nur von kurzer Dauer. "Hauptsache, wir sind das nächste Mal mit einer besseren Leistung auf der Bühne. Wir geben so schnell nicht auf", sagt die Sechzehnjährige.

In sportlicher Hinsicht ist der Karneval ein passioniertes Hobby der Mädchen. Echte Brauchtum-Fans sind viele erstaunlicherweise nicht. "Für mich steht da mittlerweile der Sport an erster Stelle. Auftritte bei Sitzungen gehören zwar in jedem Jahr dazu, begeisterter Karnevalist bin ich jedoch nicht", sagt Marie achselzuckend. Trainerin Saskia bekennt, ein Gala-Abend des eigenen Vereins könne sehr schön sein, von reinen Damensitzungen oder Herrensitzungen halte sie allerdings nicht viel. Jedoch sei der Rosenmontagsumzug in Münster jedes Jahr ein allseits beliebter Höhepunkt, auch für "Karnevalsmuffel".

Und wie geht man mit Vorurteilen um? "Es gibt leider viele Klischees. So sind viele der Ansicht, wir wären nur dafür da, damit Männer im Karneval etwas zu schauen hätten, und damit stufen sie diesen Tanzsport als niveaulos ein. Es ist mittlerweile Hochleistungssport, was die Menschen auf der Bühne zeigen, und dies darf man einfach nicht verkennen", sagt Saskia Gotthal. Natürlich gebe es auch noch Garden, denen das "Beinchenschwingen" in der Session reiche. "Wir, die KG ,Die Schlossgeister', sind jedenfalls stolz darauf, 2012 sogar die deutschen Meisterschaften im karnevalistischen Tanzsport ausrichten zu dürfen. Wer weiß, vielleicht schaffen wir es bis dahin, auch da mitmischen zu können."

Informationen zum Beitrag

Titel
In der Gruppe sind sie stark
Autor
Viktoria Mletzko
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2011, Nr. 51, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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