Darum ist es am Rhein so schön

Das Fischen ist für mich wie für die jungen Leute die Disco. Um zehn geh ich die Netze auswerfen, und um halb vier in der Früh hole ich sie wieder ein", erklärt Balthasar Ehret aus Weisweil am Oberrhein nördlich des Kaiserstuhls. Seit 42 Jahren ist er Mitglied der Fischerzunft in seinem Heimatdorf. Diese Zunft wurde bereits 1652 gegründet. Sie besteht aus 20 Mitgliedern aus vier verschiedenen Fischerfamilien. Zu ihrem Besitz zählen fünf Kilometer des Altrheins inklusive der Altrheinarme sowie Teile des Restrheins.

Der 60-Jährige stammt aus einer alteingesessenen Fischerfamilie, in der jeder männliche Nachkomme den Vornamen Balthasar trägt. Das Fischerrecht darf in der Familie nur an die Söhne weitergegeben werden. Bekommt man nur Mädchen, verliert man das Recht, im Rhein zu fischen. Dieses Recht darf weder verkauft noch verpachtet werden und erlaubt jedem Fischer nur einen zusätzlichen Helfer. Wer dort trotzdem fischen will, muss eine Fischerkarte kaufen, von dem dadurch erwirtschafteten Geld finanziert die Zunft dann den Fischbesatz. Ehrets Vater war der letzte Fischermeister im Dorf. Er nahm seinen Sohn im Alter von einem halben Jahr mit aufs Boot und schürte die Leidenschaft zum Fischen. Mit Ehrets eigenem Sohn verhält es sich ähnlich: "Ich nahm ihn schon mit aufs Boot, da war er gerade ein Jahr alt. Ich legte ihn einfach in eine Fischwanne, und zum Spielen bekam er einen Fisch in die Hand."

Seit Ehret Rentner ist, fährt er fast jeden Tag raus, um im Alt- und Restrhein zu fischen. Die grünen Gummistiefel und die leuchtorangene Regenjacke gehören zu seinem Alltag. Nur mit der Rettungsweste nimmt es der passionierte Fischer nicht so genau, was ihm schon das ein oder andere Abenteuer bescherte. Er erinnert sich an einen kalten Tag im Mai: Damals war er mit einem Fuß im Netz hängengeblieben, was zu einem Sturz ins eiskalte Wasser führte. Die schwere Fischerschürze verhinderte das Wiederauftauchen an die Oberfläche, die Luft unter Wasser wurde immer knapper. Der damals 30-Jährige konnte schließlich durch einen aufmerksamen Angler am Ufer gerettet werden.

Draußen auf dem Wasser ist es im Herbst und Winter kalt, auch das frühe Aufstehen ist nicht jedermanns Sache. Doch die besten Chancen zum erfolgreichen Fischen hat man nachts und frühmorgens. In den Sommermonaten Juni und Juli dürfen die Fischer zwar alle Fischarten fischen, jedoch eigneten sich September, Oktober und November am besten. Trotzdem gebe es für ihn nichts Schöneres, als an einem Sommermorgen mit dem Boot rauszufahren. "Die Zeit, in der morgens die Sonne aufgeht, kann einem keiner nehmen. Es ist wie in Spanien im Sommerurlaub, nur dass ich nebenher noch was schaffen muss."

Natürlich bereitete ihm das Wetter nicht immer nur schöne Stunden auf dem Wasser. Während er und ein Kollege eines Nachmittags Netze auslegten, zog ein schweres Gewitter auf. Die Fischer wollten ihre Netze wieder einholen, um zu verhindern, dass diese zu Schaden kommen. Direkt neben ihrem Boot schlug dann ein Blitz in einen Baumstamm ein, der die beiden nur haarscharf verfehlte. Sie suchten Schutz unter einer Brücke, unter der sie knapp zwei Stunden ausharren mussten, bis das Gewitter vorübergezogen war.

Vergleicht man die Fischerei von heute mit der von früher, so hat sich vieles geändert. Aufgrund der Rheinbegradigung ist der Fluss heute viel artenärmer, wodurch das Besetzen durch die Fischer notwendig geworden ist. Es ist den Fischern beispielsweise auch verboten, Aale zu fischen, da es nur einer von 1000 bis ins Meer schafft. Der Staat schreibt außerdem jedes Jahr eine andere Maschengröße für die Netze vor, um so nachhaltiges Fischen zu garantieren. Zwar ist Ehret froh, dass die Fischernetze heutzutage nicht mehr so schwer sind wie früher, jedoch klagt er über fehlende Laichplätze durch verschlammte Ufer sowie störende Bäume und Äste im Altrhein, die seine selbstgeknüpften Netze kaputtmachen.

Balthasar Ehret legt Wert auf Naturschutz, doch er weiß auch, dass es immer schwieriger für die Fischer wird, ihre Gewässer zu pflegen. Die Fischer haben schon früh angefangen, den Rhein sauber zu halten. Als Dank dafür erhielten sie damals von den Lehnsherren das Fischerrecht. Heute enthalte der Rhein viel Kraut und Schwebstoffe. Die Krebsplage stelle ein weiteres Problem dar. Seit vor einigen Jahren amerikanische Krebse in den Rhein eingeführt wurden, finden sich in den Netzen jeden Monat mehrere Kilos dieser Krebse wieder. Die Tiere brachten eine Krankheit mit, die die einheimischen Krebse aussterben ließ.

Leben konnte der begeisterte Weisweiler vom Fischen noch nie. So war es schon früher notwendig, nebenbei auch Landwirtschaft zu betreiben, um die Familie versorgen zu können. Doch hat er im Fischen seine größte Leidenschaft gefunden. Selbst nach einer Hüftoperation ging er aufs Boot, damals mit der Verstärkung durch seinen Sohn Balthasar, der inzwischen auch den Fischereischein gemacht hat. Ihn reize vor allem die Ungewissheit darüber, was sich im Netz befindet. "Fischen ist jeden Tag wie Weihnachten, man weiß nie, was man kriegt", erklärt er euphorisch. "Ich bin wie ein Skifahrer, wenn's Schnee hat, will ich Ski fahren, und solange es Fische hat, will ich fischen."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Darum ist es am Rhein so schön
Autor
Jennifer Wornath
Schule
Gymnasium Kenzingen , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2016, Nr. 183, S. 31
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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