Ein Haus für Reisende auf einem langen Weg

Sterben ist individuell, denn jeder Mensch erlebt die Zeit kurz vor dem Tod anders", sagt Angelika Bergmann, die in Wirklichkeit anders heißt. Sie arbeitet seit 20 Jahren im Hospiz und ist in Berlin als Stationsleitung tätig. Das Hospiz liegt in einer ruhigen Straße. Die alte Stadtvilla besitzt 16 Einzelzimmer und ist heute das Zuhause für todkranke Menschen.

Der Begriff Hospiz stammt aus dem frühen Mittelalter und geht auf das lateinische Wort hospes zurück. Dies bedeutet unter anderem Gast oder Gastgeber. Früher diente das Hospiz der Mönche als Unterkunft für Pilger, die auf der Reise waren. Es war ein Ort der Gastfreundschaft oder ein Platz zum Ausruhen für die Reisenden auf ihrem langen Weg. Dementsprechend betont die kurzhaarige, schlanke Frau, dass die Bewohner des Hospizes als Gäste und nicht als Patienten bezeichnet werden sollen. Wenn sich der Zustand der Menschen verbessern sollte, dann dürfen sie die Einrichtung auch wieder verlassen.

"Eine Hochzeit, das Lieblingsgericht aus der Kindheit oder auch noch mal einkaufen in der Schlossstraße, das alles versuchen wir den Gästen zu ermöglichen", sagt Bergmann lächelnd. "Erst heute hat ein Mann, der bei uns wohnt, geheiratet." Solche Wünsche kommen nicht selten vor, denn die Menschen haben Angst, dass sie bestimmte Dinge nicht mehr erleben werden.

"Positive Erlebnisse bei der Arbeit im Hospiz sind, wenn die Gäste sich an etwas Kleinem erfreuen oder wenn Gäste und Angehörige sich nach einem langen Streit, kurz vor dem Tod des Gastes, doch noch versöhnen. Es kommt leider öfter vor, dass die Menschen jahrelang zerstritten sind und sich erst dann, wenn sie erfahren, dass ihr Angehöriger im Sterben liegt, wieder vertragen", berichtet Bergmann mit bewegter Stimme.

"Oft sind es auch dramatische Erlebnisse aus der Kindheit, die den Gästen im Hospiz zu schaffen machen", sagt sie traurig. Mitten am Tag fangen die Gäste furchtbar an zu schreien, weil sie die Erinnerungen nicht mehr wirklich zuordnen können, und niemand kann ihnen die Angst nehmen. Die Mitarbeiter können nur versuchen, ihnen zu helfen, die auftauchenden Erinnerungen einzuordnen und zu verarbeiten. Die Menschen haben diese traumatischen Erlebnisse über Jahre verdrängt. Die Zeit zum Nachdenken, die sie im Hospiz bekommen, lässt diese Erlebnisse in Gedanken wiederkehren.

Viele denken auch an fröhliche oder weit zurückliegende Ereignisse. So erinnerte sich eine Frau kurz vor ihrem Tod an einen Besuch bei ihren Freunden und konnte das Zimmer, in dem sie gesessen hatten, bis aufs kleinste Detail beschreiben. Die schwerkranke Frau kam im vergangenen Jahr ins Hospiz, weil sie niemanden hatte, der sie dauerhaft versorgen und pflegen konnte. Allein schaffte sie den Haushalt nicht mehr. "Leider geht es vielen so, dass sie nicht die Chance bekommen, in ihrem eigenen Haus sterben zu können", sagt Frau Bergmann mit deprimiertem Unterton. Denn mehr als 90 Prozent der Menschen wünschen sich, zu Hause im Kreise der Familie zu sterben. Jedoch fühlen sich die Angehörigen meist überfordert mit der Aufgabe und geben den Kranken in stationäre Versorgung.

Es soll vorkommen, dass Angehörige der kranken Person nicht sagen, dass sie sich in einem Hospiz befindet, sondern sich ausdenken, dass es sich um ein Pflegeheim handelt. "Das möchten wir auf jeden Fall vermeiden", sagt Bergmann. "Die Gäste sollen wissen, wo sie sich befinden, denn es ist wichtig, dass ehrlich mit den Menschen umgegangen wird. Man sollte ihnen nicht verheimlichen, dass sie höchstwahrscheinlich bald sterben. Jeder Mensch, der zu uns kommt, hat das Recht, dies zu erfahren."

Bei den Angehörigen handelt es sich meist um die Kinder des Erkrankten, die häufig zwischen Anfang vierzig und Ende fünfzig sind und selber Kinder haben. "Es fällt den Familienmitgliedern schwer, sich einzugestehen, dass es nicht gut um den Erkrankten steht, daher denken sie, dass es das Beste ist, alle zu belügen."

In Deutschland wurde 1986 das erste Hospiz gegründet, und mittlerweile gibt es 162 stationäre Hospize. "In unserem Hospiz gibt es rund 100 ehrenamtliche Helfer, die ungefähr einmal pro Woche kommen und aushelfen." Sie absolvieren zuvor eine halbjährige Schulung. Die ehrenamtlichen Helfer erleichtern die Arbeit der Mitarbeiter und versuchen überall zu helfen. "Einmal pro Woche werden wir von einer Frau besucht, die mit den Gästen singt, und an einem anderen Tag kommt eine nette Dame, die durch die Zimmer geht und Geige spielt." Schön zu sehen war, dass sich im vergangenen Jahr fünf ältere Damen angefreundet hatten und jeden Nachmittag zusammen auf der Terrasse saßen und sich unterhalten haben. "Umso trauriger war es, mitzuerleben, wie die Anzahl der Damen über die Wochen geschrumpft ist", sagt Bergmann berührt.

Es ist traurig, dass Menschen, die man gerade erst kennengelernt hat, nach kurzer Zeit sterben. "Gerade wenn Gäste über einen längeren Zeitraum bei uns sind und man sie ins Herz geschlossen hat, ist es sehr bedauernswert, wenn sie sterben. Mir fällt es teilweise sehr schwer, nach dem Feierabend die Schicksale der Gäste hinter mir zu lassen. Auch wenn man vielleicht denkt, dass ich mit dem Thema Sterben besser umgehen kann, kann mir nichts die Angst vor dem Tod nehmen, denn Sterben ist und bleibt individuell."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Haus für Reisende auf einem langen Weg
Autor
Neele Schiffler
Schule
Lilienthal-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2016, Nr. 189, S. 31
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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