Richtige Worte zu drängenden Fragen suchen

Man muss die Fragen des Weshalb gar nicht unbedingt beantworten, wichtig ist vor allem, dass sie gestellt werden dürfen." Simon Peng-Keller sitzt da, ruhig und doch voller Energie, und man könnte denken, dass er alle Geheimnisse des Lebens kennt. Mit seinem kurzen, graumelierten Haar, dem Dreitagebart, der Brille und seinem schwarzen Pullover ähnelt er allerdings mehr dem ehemaligen Kopf eines Computerunternehmens als einem Theologen. Sein Büro in der Theologischen Fakultät Zürich, gleich neben dem Großmünster im Herzen der Altstadt, ist schlicht eingerichtet. Seit Oktober hat er für vorerst sechs Jahre eine Stelle als Professor für Spiritual Care und ist damit europaweit der einzige seines Faches.

Spiritual Care ist ein Bereich der Palliative Care. Diese beschäftigt sich mit der Betreuung von schwerstkranken Patienten und der Linderung ihrer Leiden, nicht aber mit der Heilung der Krankheit. "Der Patient soll bei wichtigen Entscheidungen begleitet werden, und es soll Raum für Fragen und Gespräche geschaffen werden." Um diese Ebene der Sinnsuche kümmert sich die Spiritual Care. Peng-Keller erklärt: "Natürlich gibt es in der Medizin Bereiche, in denen man nicht unbedingt spirituelle Begleitung braucht, wie zum Beispiel beim Zahnarzt, aber am Lebensende oder bei einer schwierigen Schwangerschaft kann es sehr wichtig sein, dass der Arzt ein Gespräch mit den richtigen Worten beginnt oder dem Patienten anbietet, einen Seelsorger beizuziehen."

Ärzte werden mit Fragen und Situationen konfrontiert, die in ihrer Ausbildung, wenn überhaupt, bislang nur gestreift wurden. Sie reagieren dann oft unvorbereitet oder überfordert, und das soll sich mit der Einführung von Spiritual Care ins Medizinstudium ändern. Als Pflichtwahlfach soll sie in der normalen Humanmedizin geführt werden und somit für Patienten die Möglichkeit schaffen, auch mit ihrem vertrauten Arzt und nicht nur mit den für die Betreuung vorgesehenen Spitalseelsorgern über das zu sprechen, was sie beschäftigt. Und das, was sie beschäftigt, sind eben oft ganz existentielle Fragen: das Leben nach dem Tod, das Gefühl beim Sterben, weshalb es solche schweren Krankheiten überhaupt gibt und welche Rolle man als einzelner Mensch noch in der Welt hat. Noch wird das Thema Spiritualität im Medizinstudium für gewöhnlich nur oberflächlich angeschnitten, und Pflegebedürftige, die Fragen haben, werden sofort an Seelsorger weiterverwiesen.

Im Frühjahr konnten Medizin- und Theologiestudenten zusammen das Wahlpflichtfach ganz praktisch im Kontakt mit Patienten kennenlernen. Spiritual Care funktioniert interdisziplinär. "Studenten sollen sich schon während des Studiums darüber austauschen können, so, wie sie es auch später als Ärzte und Theologen in einem Spital machen werden", sagt der 46-jährige Professor.

Ein Diskussionspunkt war, an welcher Fakultät Spiritual Care angeboten werden sollte. Einige fanden: Wenn Spiritual Care von Medizinern ernst genommen werden solle, gehöre sie auch an die medizinische Fakultät. "Doch Spiritualität ist zunächst kein klinisches Phänomen, und Spiritual Care sollte nicht medikalisiert werden. Außerdem wäre es an der medizinischen Fakultät schwieriger, Theologiestudierende zu integrieren. An der theologischen Fakultät ist das Fach forschungsgeschichtlich am richtigen Ort, und wir können beide Studiengänge im Wahlpflichtfach vereinen", meint der Wissenschaftler. Peng-Keller, dessen Professur ad personam, also genau auf ihn zugeschnitten, als 50-Prozent-Pensum mit Assistenzstelle gestaltet ist, hat selbst jahrelang zu diesem Thema geforscht. Dem Mann, der einen Valser Nachnamen hat und in Chur geboren ist, war aber nicht von Anfang an klar, dass er sich in seinem Leben mit spirituellen Fragen beschäftigen möchte. Nachdem er mit 20 Jahren ein Pflegepraktikum in einem Altersheim gemacht hatte, entschied er sich für die Theologie und gegen Medizin und Pflege. Als er aber später im Kantonsspital Luzern Erfahrungen als Spitalseelsorger machen konnte, wurden ihm die Nöte von Kranken, Sterbenden und Trauernden vertraut. Finanziert wird die Professur mit gewährter Unabhängigkeit von Forschung und Lehre von der katholischen Kirche, der evangelisch-reformierten Kirche und von einer anonymen Spende. In München gab es bereits ein Pionierprojekt in Spiritual Care. Diese Stiftungsprofessur wurde neu ausgeschrieben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Richtige Worte zu drängenden Fragen suchen
Autor
Christiane Palm
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2016, Nr. 189, S. 31
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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