Noch einmal ein Pferd streicheln

Im Hospiz St. Peter geht es um ein gutes und würdevolles Leben bis zuletzt. Die Wünsche der Todkranken stehen im Mittelpunkt.

Im Eingangsbereich des Oldenburger Hospizes St. Peter steht das Brückenlicht, eine eiserne Skulptur in deren Fokus eine Kugel ist, die sich aus allen Buchstaben des Alphabets zusammensetzt. In der Kugel steht eine Kerze, die angezündet wird, wenn ein Bewohner verstorben ist. Diese Kerze brennt so lange, bis der Bewohner vom Bestatter abgeholt wird. Im Hospiz gibt es zwölf Einzelzimmer und zwei Gästezimmer, in denen Angehörige übernachten können. Sie können aber auch in den Zimmern der Bewohner schlafen.

Im Hospiz sind 27 Mitarbeiter und 25 Ehrenamtliche tätig. Einige von ihnen arbeiten hier nach eigener Krankheit oder wollen einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. "Hospizarbeit ist nicht einfach nur ein Job", betont Geschäftsführerin Anna Wiechmann-Faida, die seit der Gründung des Hospizes St. Peter 1995 als zweites Hospiz Niedersachsens hier arbeitet. Das Haus finanziert sich zu 90 Prozent durch die Krankenkassen und zu zehn Prozent aus Spenden, die durch Angehörige, Privatleute und Benefizveranstaltungen eingebracht werden. Um die Spenden aufbringen zu können, müssen im Jahr drei bis fünf Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen oder Kunstausstellungen organisiert werden.

In Hospizen werden keine Langzeitpflegefälle aufgenommen, sondern solche, bei denen die Therapie beendet und der Tod in absehbarer Zeit zu erwarten ist. Die Mitarbeiter kümmern sich auch um die Angehörigen, beraten sie und begleiten sie während ihrer Trauer. Auch durch das gemeinsame Frühstück, an dem Mitarbeiter, Bewohner und Angehörige teilnehmen, entsteht eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen allen Beteiligten.

"Das statistische Durchschnittsalter der Bewohner 2014 betrug 52 Jahre", sagt die 59-jährige Leiterin. Die jüngste Bewohnerin war erst 17 und der älteste Bewohner 101 Jahre alt. "Durchschnittlich bleiben die Bewohner höchstens 14 Tage im Hospiz", berichtet Margret Klünemann, die ehrenamtlich hilft. "Doch kam es auch schon vor, dass einige schon auf der Fahrt in das Hospiz oder nach wenigen Stunden Aufenthalt verstorben sind." Einige Bewohner sterben aber erst nach ein paar Monaten Aufenthalt.

Daneben gibt es seltene Fälle wie Dorit (Name geändert). Sie kam sterbenskrank ins Hospiz und verbrachte dort 14 Monate. Danach konnte sie wieder nach Hause und lebt nun mit ihrer Krankheit. Margret Klünemann war Krankenschwester und schon selbst krank. Als sie in Rente ging, machte sie eine Ausbildung als Hospizbegleitung. Auch Karin van Langen engagiert sich ehrenamtlich: "Als ich 59 Jahre alt war, wurde mir bewusst, dass ich ein gutes Leben hatte. Nun wollte ich durch ein Ehrenamt etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Ich entdeckte eine Annonce für ein Hospizseminar und nahm teil. Auch dadurch konnte ich endlich den frühen Tod meiner Mutter verarbeiten." Auch Leiterin Wiechmann-Faida hat früh ihre Mutter verloren. Sie war damals Krankenschwester und pflegte ihre Mutter zu Hause. Später hat sie Gerontologie studiert. "Für Hospizarbeit ist es wichtig, etwas Eigenes erlebt zu haben", erklärt sie.

Die Ehrenamtlichen begleiten die Bewohner auf ihrem Weg zum Sterben. "Einmal gab es hier einen Hufschmied. Sein Wunsch war es, noch einmal ein Pferd zu streicheln. Da wir immer versuchen, die Wünsche der Bewohner zu erfüllen, haben wir ein Pferd besorgt", sagt Margret Klünemann. Die Ehrenamtlichen gehen mit Bewohnern, die noch einigermaßen mobil sind, in die Stadt. "Dort treffen wir immer auf unerwartet viel Hilfsbereitschaft anderer Menschen", berichtet Karin van Langen, die seit zwölf Jahren ehrenamtlich tätig ist. Die 71-Jährige erinnert sich an Bernd. Er habe sich zunächst im Hospiz gelangweilt. Karin brachte ihn auf die Idee, mit dem Malen anzufangen. Es stellte sich heraus, dass er gut malen konnte, schnell hing sein Zimmer voller selbst gemalter Bilder. Bei einem Ausflug mit Bernd sah Karin ein Pferdeplakat und bat ihn, dieses für sie zu malen. Er zögerte. Nachdem Bernd verstorben war, entdeckte sie das gemalte Plakat, auf dem "für Karin" stand. "Jede Begleitung ist etwas Besonderes. Je länger die Bewohner im Hospiz sind, desto enger ist die Beziehung zu ihnen, so dass der Tod von solch liebgewonnenen Bewohnern besonders weh tut."

Anna Wiechmann-Faida erinnert sich gut an einen etwa 50 Jahre alten, schwerkranken Mann, der eine Werkstatt besaß. "Als er zu uns kam, konnte er kaum gehen. Er hatte einen Sohn und eine Ehefrau. Sein letzter Wunsch war, in der Werkstatt alles zu regeln, so dass sein Sohn diese übernehmen konnte." Dieser Wunsch war aufgrund seines Gesundheitszustandes eigentlich unmöglich. "Aber bald konnte er durch die Linderung der Symptome einige wenige Schritte gehen und in Begleitung eines Hospizmitarbeiters mit einem Krankenwagen nach Hause gebracht werden. Wir merkten, wie er in der Werkstatt aufblühte." Der Mann suchte ein halbes Jahr lang jeden Tag seine Werkstatt auf und arbeitete dort sechs Stunden vom Rollstuhl aus. "Um dies zu ermöglichen, haben wir alle pflegerisch medizinischen Tätigkeiten auf die Nacht verlegt." Eines Tages berichtete, der Mann, dass alles fertig sei. So konnte er beruhigt sterben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Noch einmal ein Pferd streicheln
Autor
Sarah Griesoph
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2016, Nr. 189, S. 31
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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