Moritz Beinlich läuft fast allen davon

Es ist nass, es ist kalt. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen, es dämmert. Gründe genug, um im warmen Zuhause zu bleiben. Doch ein einsamer Läufer trotzt diesen Bedingungen: Moritz Beinlich. Der 19-jährige Schüler des Megina-Gymnasiums Mayen läuft professionell, ist mehrfacher deutscher Meister seiner Altersklasse. Das Rhein-Wied-Stadion in Neuwied ist leer, die Bahn ist rutschig, doch das scheint ihn nicht zu bremsen. "Ich trainiere immer draußen", erklärt er. "Fast täglich gehe ich nach der Schule laufen", erläutert er stolz. Dem Erfolg ordnet er vieles unter, er kommt nicht von ungefähr.

Es fing alles damit an, dass er als Kind gern Sport trieb, Fußball und Tennis spielte, Kart fuhr und im heimischen Leichtathletikverein, dem TUS Kaisersesch, aktiv war. Die sportbegeisterte Familie, seine Eltern, die eine Firma für Beregnungsmaschinen haben, und sein jüngerer Bruder, der dieselbe Schule wie Moritz besucht, unterstützte ihn schon früh bei Wettkämpfen. Mit zehn Jahren bestritt er seine ersten Turniere auf der Bahn. Moritz erinnert sich noch gut an einen seiner ersten Wettkämpfe und grinst: "Ich bin mit meinen alten Turnschuhen losgelaufen, und alle Zuschauer haben geschrien ,Nicht zu schnell. Oder ,Das hältst du ja nie durch'. Am Ende habe ich das Rennen mit 200 Metern Vorsprung gewonnen."

Ab diesem Zeitpunkt war klar, dass sein sportlicher Schwerpunkt auf der läuferischen Disziplin lag. Er steigerte sich schnell, lief sich in die Spitze im Rheinland und wechselte schließlich zu einem größeren Verein, zur LG Rhein-Wied, für die er auch heute noch seine Wettkämpfe bestreitet. Es ging kontinuierlich bergauf, er gewann Rheinland-Pfalz-Titel, die westdeutsche Meisterschaft und schließlich 2013 seinen ersten deutschen Meistertitel über 3000 Meter.

In der Saison hat Moritz jede Woche Wettkämpfe, teilweise sogar mehrere Läufe an einem Wochenende. Dieses straffe Programm erfordert natürlich jede Menge Disziplin, es beeinflusst ebenfalls die Ernährung. "Mein Trainer sagt dann schon, dass ich die Finger von Schweinefleisch, Alkohol und Süßigkeiten lassen soll", erklärt er. "Wichtig ist, dass man ausgewogen und abwechslungsreich isst. Das ist meine Devise", betont der Schüler. Ebenso in Kauf nehmen muss er die weiten Strecken, die bis zum Wettkampfort zurückgelegt werden müssen. "Für die deutschen Meisterschaften tourt man locker durch ganz Deutschland", sagt er lässig. "Man muss schon viel Zeit und Kilometer investieren", fährt er fort. Daher mussten seine anderen Hobbys dem Laufen weichen. Und trotzdem ist es nicht einfach, Schule und Laufen unter einen Hut zu bekommen. "Es ist schon eine tägliche Herausforderung. Man muss wirklich Tag für Tag planen, wann man trainiert, aber vielleicht auch, wann man mal die Hausaufgaben weglässt. Dabei finden das nicht alle Lehrer so toll."

Seine Familie hingegen unterstützt ihn, wo sie nur kann. Sei es, dass sie ihn zu Wettkämpfen begleitet oder ihm mental beisteht. Finanzielle Unterstützung ist nötig bei Spritkosten und der Ausrüstung. Dazu gehören neben der Sportbekleidung vor allem die Schuhe. Hier muss man nach Strecke unterscheiden. "Auf der Bahn beispielsweise wird nur mit Spikes gelaufen. Auf der Straße hingegen nimmt man am besten leichte Laufschuhe", verrät der Profi, ebenso wie beim Crosslauf, für dessen Europameisterschaft er sich nun qualifizieren will.

Abgesehen von seinen Erfolgen macht ihm das Laufen natürlich auch Spaß. Lächelnd erzählt er, "dass wir früher immer mit Spaß an die Sache gegangen sind". Heute liegt der Reiz meistens im Wettkampf oder beispielsweise im Trainingslager. "Wir Läufer kommen richtig gut miteinander aus, die Gegner sind meistens auch immer im Trainingslager dabei. Daher arrangiert man sich miteinander und respektiert sich, es entstehen teilweise echte Freundschaften. Mit einem, den ich dort kennengelernt habe, war ich vor kurzem sogar im Urlaub", erzählt der Schüler begeistert.

Während des Wettkampfes dann wiederum steht die Freundschaft nicht im Vordergrund, sondern die Konzentration auf das Rennen und die Taktik, die vor allem bei Meisterschaftsrennen wichtig ist. Je nach Strecke und Distanz ist Laufen eine starke Kopfsache, beispielsweise beim 10 000-Meter-Lauf. "Nach sechs Kilometern tut dir alles weh, da gilt es dann, den inneren Schweinehund zu überwinden und zu beißen." Trotz dieser Qualen hat er keine Distanz, die er nicht so gern mag. Vor drei Jahren fehlten ihm knappe 1,6 Sekunden auf 3000 Metern, um das U-18-WM-Ticket zu lösen, letztes Jahr waren es sogar nur 1,5 Sekunden auf 1500 Metern zu viel auf der Uhr, um bei der U-20-Europameisterschaft starten zu dürfen. Er wird weiterhin alles für diesen Traum investieren, um sich international messen zu können. Und wer weiß, wie weit er es schafft: Vielleicht sieht man ihn ja irgendwann im Fernsehen bei EMs, WMs oder sogar Olympia die Nation vertreten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Moritz Beinlich läuft fast allen davon
Autor
Johannes Heuft
Schule
Megina-Gymnasium , Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2016, Nr. 195, S. 35
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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