Mit voller Schlagkraft trifft die Faust den schnellen Ball

Wenige kennen die Sportart Faustball, aber wer sie kennt, liebt sie. Nicht nur, weil der Ball mit wahnwitziger Geschwindigkeit durch die Luft schneidet.

Ein stürmischer Sonntagnachmittag in Oberndorf, einem Stadtteil von Schweinfurt. Düstere Wolken am Horizont mahnen vor dem anstehenden Regenguss. Auf dem Sportplatz ist es ruhig. Niemand spricht, nur das vereinzelte Platschen der ersten Regentropfen unterbricht die Stille. Spannung liegt in der Luft, alle Blicke richten sich auf den Ball. Ruhig fliegt er nach oben, um kurz darauf durch einen harten Schlag über die Leine befördert zu werden: Aufschlag Oliver Bauer, TV Oberndorf, TVO. Der Ball schneidet mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit durch die Luft. Im Bruchteil einer Sekunde reagiert der Abwehrspieler des TV Vaihingen/Enz, als sich abzeichnet, wo der Ball des TVO-Schlagmanns aufkommen wird. Er sprintet los. Schlitternd bewegt sich der Gegenspieler über den vom Wasser durchtränkten Boden in Richtung Leder, um es abzufangen. Mit geradem Arm fliegt er in Richtung Ball.

"Die richtige Stellung des gesamten Körpers ist ausschlaggebend für eine gelungene Abwehr", sagt Joachim Sagstetter, Trainer des TVO. Wenige Zentimeter entscheiden über den Ausgang des Ballwechsels. Von der Wucht des Geschosses zeugt einzig ein dumpfer Knall, als es im gegnerischen Feld auftrifft und ins Aus trudelt. Punkt Oberndorf.

Wenige kennen die Sportart Faustball. Doch wer sie kennt, liebt sie. "Die Regeln des Spiels sind einfach", erläutert Sagstetter. "Zwei Teams mit jeweils fünf Spielern stehen sich auf einem 50 mal 20 Meter großen Feld, getrennt durch eine zwei Meter hohe Leine, gegenüber. Ziel ist es, den Ball unerreichbar in der gegnerischen Hälfte zu plazieren. Dabei darf der 50 bis 380 Gramm schwere Ball von drei unterschiedlichen Spielern mit der geschlossenen Faust oder einem Arm gespielt werden. Vor jeder Ballberührung darf er einmal springen. Nach der dritten Ballberührung muss er direkt über die Leine gespielt werden. Häufigste Fehler sind das Spielen unterhalb der Leine und zweimaliges Springen des Balles. Einen Satz hat gewonnen, wer zuerst 11 Punkte erzielt und dabei zwei Punkte Vorsprung hat. Bei einem Stand von 15:14 ist der Satz auf jeden Fall beendet. Je nach Spielmodus gewinnt man ein Spiel mit zwei, drei oder fünf Gewinnsätzen."

Auch Familie Sagstetter lebt für ihren Sport. "Das ist bei uns wie ein Virus", erklärt Joachim Sagstetter, Jahrgang 1962, dessen Sohn Fabian bereits in der dritten Generation die Flamme der Leidenschaft am Leben erhält. Fabian spielt seit 2006 für die deutsche Nationalmannschaft und ist heute schon eine bekannte Größe des Sports. "Seit April 2016 ist er auch Kapitän der Nationalmannschaft", ergänzt Joachim Sagstetter.

Neben mehrfachen EM-Titeln im U-18- und U-21-Altersbereich, besitzt der 25-jährige Student in seinen jungen Jahren darüber hinaus bereits drei Weltmeistertitel, einen davon in der U-18-Altersklasse. Zum 18. Geburtstag wartete "das geilste Geschenk, das es gibt", wie Fabian Sagstetter euphorisch noch im Stadion sagte: der Weltmeistertitel der Männer gegen Österreich. In einem Fernsehinterview ergänzte er später: "8000 Fans, ein voll besetztes Stadion, das hat man auch nicht alle Tage beim Faustball."

Normalerweise kommen hundert bis 200 Zuschauer zu den Ligaspielen. Der Nationaltrainer der deutschen Mannschaft Olaf Neuenfeld, der Fabian 2005 auf einem Sichtungslehrgang auf Bundesebene entdeckte, lobt das Jungtalent: "Fabian ist ein grundsolider Mensch, der nie selbst im Mittelpunkt steht. Kein Mann der großen Worte, er lässt lieber Taten für sich sprechen."

Angefangen hatte alles mit Fabians Großvater, Rudolf Sagstetter, der 1966 die Abteilung Faustball im TVO wieder gründete. Als Urgestein des Sports berichtet der 79-Jährige von den frühen Anfängen in Oberndorf: "Zunächst waren wir nur vier Mann, und ich war sogar noch 15 Jahre jünger als der Rest." Vor allem seine Söhne waren von klein auf begeistert vom Sport ihres Vaters, erzählt Rudolf, der heute Schriftführer und Kassenwart der TVO-Faustballabteilung ist. Seit den Anfängen ist er auf oder neben dem Feld, sei es als Spieler, Betreuer oder Fan. Dass sich der kleine Verein in Unterfranken einmal zu einem der besten in Deutschland entwickeln würde, der bereits jahrelang an der nationalen und internationalen Spitze mitspielt, konnte damals noch niemand ahnen.

Doch ein roter Faden der Faustballgeschichte zeichnet sich deutlich ab. Egal ob bei den Sagstetters in Schweinfurt oder bei anderen Faustballidealisten wie der Familie Thomas in Pfungstadt, die selbst eine lange Faustballgeschichte besitzen: "Es ist ein Familienleiden", wie Joachim Sagstetter, dessen beide Brüder allesamt Faustball spielten, es ausdrückt.

Seitenwechsel nach der Spielpause zur Halbzeit. Drei von fünf Gewinnsätzen konnte die Mannschaft des TVO schon gewinnen. Mit ihren lang eintrainierten Spielzügen dominierten sie den ersten Teil des Spiels. Die Blicke von Fabian Sagstetter wandern an der Leine entlang. Jeden Moment erwartet der Mittelmann die Angabe des Gegners. Noch einmal überprüft er mit einem schnellen Kontrollblick in seiner Funktion als Spielführer die Position seiner Mitspieler. Nur einen kurzen Augenblick braucht der Ball in die rechte Ecke ihrer Feldseite, doch der Abwehrspieler des TVO steht genau richtig. Glanzparade. In einem kontrollierten Bogen fliegt das Runde in Fabians Richtung. In einem Zuspiel wie aus dem Lehrbuch steigt der Ball hoch über die Leine - ein in zwei Meter Höhe gespanntes Band. "Früher war es tatsächlich ein Seil oder eine Leine, daher der Begriff", erklärt Joachim Sagstetter. Genau dort erwartet Oliver Bauer, Angreifer des Teams, den Ball. Im Flug trifft die Faust mit voller Schlagkraft den Ball. Unhaltbar rast er zwischen rechtem Vorder- und Hintermann hindurch. Das Publikum jubelt. Punkt Oberndorf.

Über die für Laien vermeintliche Härte der Ballkontakte schmunzelt Joachim Sagstetter nur: "Der Ball tut beim Kontakt anfangs ein bisschen mehr weh als beim Volleyball." Doch bloße Härte macht das Spiel nicht aus. Die richtige Strategie, eine gewisse Schnelligkeit und vor allem der Spaß am Spiel machen den Reiz des Sports aus. Diese Kombination liebt auch Angreifer Oliver Bauer, Spieler der 1. Mannschaft. Ähnlich wie bei den Sagstetters wurde auch er von der Familie, vor allem durch seinen Vater, an den Sport herangeführt. Auch Oliver spielt bereits im Nationalkader, doch muss der angehende Polizeibeamte derzeit aufgrund seiner Berufsausbildung kürzertreten.

Olympisch wird der Sport, wegen der geringen Anzahl aktiver Nationen, leider vorerst nicht, glaubt Bundestrainer Neuenfeld. Die Kosten tragen die Aktiven selbst, denn "um das Geld geht es in diesem Sport nicht. Faustball ist eine Szene", sagt Berufsschullehrer Joachim Sagstetter. Ein Bekanntenkreis, in dem man sich auf einer freundschaftlichen, fast schon familiären Ebene begegnet. Das heißt aber nicht, dass nicht jeder seine Spiele gewinnen möchte. Schlusspfiff.

Ein Jubelschrei der Schweinfurter Fans und Zuschauer. Im strömenden Regen reichen sich die Spieler der zwei Mannschaften die Hände, sichtlich ausgelaugt vom Spiel, die TVO-Akteure mit einem Lächeln im Gesicht. Joachim Sagstetter ist zufrieden. Seine Jungs haben heute wieder alles gegeben. Und wenn schlussendlich beide Teams vom Platz gehen, zusammen feiern, gleichgültig, wer gewonnen hat, kann man verstehen, was Faustball ausmacht. Joachim Sagstetter lächelt: "Mein Sohn wird mich irgendwann mit dem Rollstuhl vom Platz fahren müssen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit voller Schlagkraft trifft die Faust den schnellen Ball
Autor
Felix Hauck
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2016, Nr. 195, S. 35
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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