Das Qi wieder zum Fließen bringen

Dr. Zhu praktiziert in Bern. Manche Patienten besuchen seine Praxis aus Neugier, um Chinesische Medizin kennenzulernen. Er selbst war in der Schweiz noch nie bei einem Schulmediziner.

Große Männer haben Angst vor kleinen Nadeln", sagt Yancen Zhu schmunzelnd. Der chinesische Arzt betreibt seit sechs Jahren mit seiner Frau eine Praxis am Eigerplatz in Bern. Als er 1998 in die Schweiz kam, war er einer der wenigen chinesischen Ärzte, bis heute sind sie "wie Pilze aus dem Boden geschossen". Der 55-Jährige freut sich aber darüber: "Das zeigt, dass die chinesische Medizin wirkt." Ein weiterer Grund ist sicher auch, dass die chinesische Medizin vor einiger Zeit als Komplementärmedizin von den Schweizer Krankenkassen anerkannt wurde und Behandlungen nun über die Kasse abgerechnet werden können.

Der zweifache Familienvater sitzt im modernen Speisesaal der Jugendherberge in Überlingen. Die Sonne blendet, und im Hintergrund hört man leises Geschirrklappern aus der Küche. Seinen Arztkittel hat er gegen einen dunklen Pullover eingetauscht. Wie jedes Jahr nimmt er am Osterlager der chinesischen Kirche teil. Während der ersten Jahre in der Schweiz hat er sich zum christlichen Glauben bekannt und engagiert sich gerne für die Kirche. Fast alle der etwa 200 Teilnehmer scheinen "Doktor Zhu" zu kennen, so nennen ihn auch seine Freunde. "Manche Menschen denken, die traditionelle chinesische Medizin habe viel mit Schamanismus und Aberglauben zu tun. Chinesische Medizin und der Glaube an Gott widersprechen sich nicht, die chinesische Medizin ist auch eine Wissenschaft."

Der gebürtige Chinese hat viele Patienten, vor allem viele, die keine klare Diagnose vom Schulmediziner bekommen und es mit der chinesischen Medizin versuchen. Aber auch solche, die neugierig sind und wissen wollen, ob die chinesische Medizin etwas taugt, und mit einer skeptischen Einstellung zu ihm kommen. Dann gibt es noch die Patienten mit einer guten Zusatzversicherung, meist ältere Personen, die jede Woche vorbeikommen, um allen Krankheiten vorzubeugen. Von Akne bis Herzrhythmusstörungen hat er fast alles gesehen. Fälle von Knochenbrüchen oder Entzündungen sind aber selten in seiner Praxis. "Solche Dinge kann man schneller mit der Schulmedizin kurieren, doch es würde auch mit der chinesischen Medizin gehen. Die Chinesen hatten früher ja auch keine Schulmedizin", meint Yancen Zhu schmunzelnd.

"Der Mensch ist eine Einheit", erklärt der Mediziner, der auch in Bern wohnt. "Die chinesische Medizin sucht wie die Schulmedizin auch immer die Ursache für eine Beschwerde, sie geht dabei aber meistens ganzheitlicher vor als die westliche Medizin. Gemäß unserer Vorstellung gibt es 14 große Meridiane, durch die das Qi, die Lebensenergie, fließt. Die Ursache für die meisten Krankheiten ist, dass das Qi stockt und nicht mehr richtig fließen kann. Dann gilt es, das Qi wieder zum Fließen zu bringen. Das kann man zum Beispiel mit der Akupunktur, in den Meridianen gibt es nämlich 361 Punkte, durch die man das Qi beeinflussen kann. Aber es gibt noch 1000 mehr."

Yancen Zhu streckt seinen Arm aus und hält seinen Daumen in die Höhe. "Auf der ganzen Linie von der Daumenspitze bis zur Lunge befinden sich elf Akupunkte. Bei der Akupunktur steckt der Arzt die feinen Nadeln präzise an die richtigen Orte und in die richtige Tiefe. Das tut nicht weh, es gibt nur ein feines Gefühl. Man braucht viel Übung, bis man die Nadeln richtig stechen kann; wenn man keine gute Technik hat, tut es weh." Genau davor haben viele Angst.

Eine andere häufige Behandlungsmethode sind chinesische Heilkräutermischungen, die man als Kräuter-Pulver-Tee oder als Tropfen zu sich nimmt. "In China dürfen diese Mischungen alles beinhalten: Tigerknochen, Würmer, giftige Pflanzen, Steine und vieles mehr. In der Schweiz darf man nur noch Mischungen auf pflanzlicher Basis gebrauchen." Das ärgert Yancen Zhu aber nicht, da es genügend Ersatzkräuter gäbe. Er schreibt die Zusammensetzung der Heilmittel selbst und schickt das Rezept danach an die Complemedis AG in Bern, einen auf komplementärmedizinische Angebote spezialisierten Hersteller asiatischer Heilmittel, der es dann zusammenmischt. Auch wenn er selbst krank ist, schreibt er sich seine Rezepte selber. Seit er in der Schweiz lebt, ist er noch nie bei einem Schulmediziner gewesen. "Wenn ich Akupunktur brauche, kommt ein Kollege vorbei."

Da das gesamte Wissen der traditionellen chinesischen Medizin früher stark von der Erfahrung weniger Personen abhing, wurde in den 1990er Jahren ein Programm zur Wissenssicherung gestartet. So wurde Yancen Zhu als Nachfolger von Shao Jingming, einem der Spitzenärzte seiner Generation, bestimmt und hat während drei Jahren intensiv mit ihm gearbeitet. Solche ausgewählte Nachfolger gab es in ganz China nur 500. "In drei Jahren hat er mir alle seine Erfahrung weitergegeben. Er war zwar streng, aber trotzdem hatten wir eine sehr tiefe Beziehung. Er behandelte mich wie seinen Sohn." Bereits vorher hatte er sich sein Wissen hart erarbeitet. Er studierte sowohl westliche als auch chinesische Medizin an der Universität in seiner Heimatprovinz Henan, etwa 500 Kilometer südlich von Peking. Nachdem er dort seinen Master absolviert hatte, wollte er etwas Neues sehen. Er war von 1996 bis 1998 in der Entwicklunghilfe in Guinea tätig und impfte dort mit dem Extrakt des Beifußes gegen Malaria. Dieses Heilkraut wurde in den 1970er Jahren von der Chinesin Youyou Tu entdeckt, die 2015 den Medizinnobelpreis dafür erhielt.

In seiner Freizeit treibt Yancen Zhu gerne Sport. Joggen und Wandern zählen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Allerdings hat das nicht oberste Priorität: Die Familie ist ihm wichtig, besonders stolz ist er auf seine Kinder. Sein Sohn ist noch in der Primarschule, und seine Tochter Meng absolvierte in Basel ein Masterstudium der Pharmazie und schreibt eine Arbeit über pflanzliche Medikamente. "Am besten wäre es, wenn die chinesische Medizin mit der Schulmedizin zusammenarbeitet. Das tut sie auch immer mehr, jetzt sogar in meiner eigenen Familie."

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Qi wieder zum Fließen bringen
Autor
Elisa ter Harkel
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2016, Nr. 201, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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