Schon kleine Fehler können die Gesundheit gefährden

Von außen betrachtet, sieht die Apotheke in Schonungen genau so aus, wie man sich eine Dorfapotheke vorstellt. Ein älteres Haus, Stufen, die man nehmen muss, um hineinzukommen, und auch nicht allzu groß. An der Hauswand rankt viel Efeu, irgendwo dazwischen hängt das typische Apothekenschild. Geht man hinein, sieht man, dass sich an den weißen Wänden entlang eine große Regalreihe erstreckt, befüllt mit allerlei Medikamenten. Die vielen Fenster machen den Raum hell. Auf der Eichentheke steht ein goldener Buddha, passend zu den Ingwerbonbons. Aber weniger die Deko, das Licht oder die Regale, vielmehr die Gesamtausstrahlung von Apotheker und Raum lässt ein besonderes Gefühl aufkommen. An der Art, wie Wolfgang Hubbauer mit dem Kunden umgeht, sieht man, dass er seine Arbeit liebt. Und auch als er gefragt wird, was ihn dazu bewogen hat, Pharmazie zu studieren, antwortet er, dass vielmehr "der Kundenkontakt, das Gerne-helfen-Wollen" und sein Interesse an Naturwissenschaft seine berufliche Entscheidung lenkten.

Der Kundenkontakt begeistert den 1960 in Würzburg Geborenen schon lange. Da seine Großeltern ein Textilgeschäft besaßen, habe er schon früh "fleißig Verkäufer gespielt". Nach dem Abitur machte er erst einmal eine Schreinerlehre, er wollte einfach, wie er sagt, "etwas Festes haben". Danach studierte er in Freiburg im Breisgau und legte dort die drei Staatsexamen zum Apotheker ab.

Allerdings gab es für ihn vor Ort keine freie Stelle. Wolfgang Hubbauer erzählt, dass er von Anfang an wusste, dass er in einer Apotheke arbeiten wollte und nicht in der Industrie. "Jung und unerfahren, angezogen von der Großstadt" - Hubbauer lächelt -, begab er sich nach München und lebte dort mit seiner Lieblingscousine zusammen. Zwei Jahre lang übernahm er "mal da, mal da" Vertretungen, bevor er in einer der größten deutschen Apotheken arbeitete: in der Internationalen Ludwigs-Apotheke. Dort mehr Manager als Apotheker, führte er 35 Mitarbeiter. Der Kontakt mit den Kunden fiel indes dadurch fast weg. Unzufrieden darüber, kam der Drang in ihm auf, wieder in die Heimat und ins Elternhaus zurückzukehren. Wenig später lernte er den Schonunger Apotheker Friedrich Karl Schumm kennen und übernahm vor vier Jahren, angezogen von der "kleinen Struktur, in der man die Menschen schnell kennt", dessen Apotheke. Die kleine Landapotheke "lebt vor allem von den Ärzten", sagt Hubbauer. Dabei habe es früher, so erzählt sein Vorgänger Schumm, zwischen Landarzt und Apotheker schon mal kleine, aber auch lustige Kabbeleien gegeben: "Aus der Zeit meines Vaters habe ich folgende Geschichte: Der Apotheker hat eine Harnanalyse gemacht. Den Befund hat er mit dem Patienten zum Doktor geschickt. Erbost ruft der Doktor an: ,Urinuntersuchungen macht nur der Arzt, der Apotheker kann das nicht. Ihm fehlen die Kenntnisse!'"

Heute ist Hubbauer Chef von zwölf Mitarbeitern und hat ein ziemlich anspruchsvolles System zu überwachen: "Apotheken sind komplex." Die kleine Landapotheke "lebt vor allem von den Ärzten, aber auch vom Qualitätsmanagement, das die Kunden ansprechen muss", sagt Hubbauer. Dazu gehörten der Lieferservice, die durchgängigen und flexiblen Öffnungszeiten, wechselnde Angebote und gut geschultes Personal. Darum gehen seine Mitarbeiter regelmäßig auf Fortbildungen, Schulungen sind etwa alle zwei Monate. Oder er bietet im eigenen Haus Vorträge an. Schwerpunkte in der Zielgruppe sind hierbei junge Mütter oder der Umgang mit älteren Menschen.

Bei den Medikamenten gibt es große Preisunterschiede. "Das teuerste Stück Papier, das ich in Händen gehalten habe, war ein Rezept für ein Hepatitis-C-Präparat", erinnert sich Hubbauer. "Ein Zyklus kostet da ungefähr 30 000 Euro." Heißt das also, der Apotheker verdient mehr, wenn er ein teureres Medikament verkauft? Die Antwort des Fachmanns lautet: "Nein, denn der Verdienst des Apothekers ist vom Preis eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels abgekoppelt. Unterm Strich gibt es für jedes verschreibungspflichtige Arzneimittel das gleiche Geld. Je günstiger ein Arzneimittel ist, desto lieber ist es daher dem Apotheker, weil er ja auch Kaufmann ist."

Genaue Arbeit und Kontrollen sind dabei wichtig. Allein Formfehler, eine fehlende Unterschrift vom Arzt auf einem Rezept zum Beispiel, bedeuten für ihn null Euro. Ein kleiner Fehler heißt für ihn aber nicht nur, kein Geld zu bekommen, sondern er kann auch die Gesundheit seiner Kunden gefährden. Rezepturen, die eigens hergestellt werden müssen, die Kontrolle der Stoffe oder die genaue Aufklärung über die Einnahme, da dürfen keine Fehler gemacht werden. "Ich habe es gerne genau", sagt Hubbauer. Um bei der Kontrolle der Stoffe Zeit zu sparen, hat er sich ein Gerät angeschafft, das diese in nur wenigen Minuten auf ihren Inhalt kontrolliert. Es müssen auch immer wieder neue Anschaffungen wie dieses Nahinfrarot-Spektrometer gemacht werden, die aber auch eine zusätzliche finanzielle Belastung sind.

"Qualität ohne Geld gibt es nicht", sagt er und ist der Meinung, dass daher Internetapotheken keine Zukunft haben werden. Auch bei nächtlichen Notfällen punktet eine normale Apotheke durchaus. Alle elf Tage ist er für den Nachtdienst in Schweinfurt und Umgebung zuständig. Geschlafen wird dann nur auf einer Pritsche, "das ist so campingmäßig", schmunzelt Hubbauer, als er seinen Schlafplatz zeigt.

Seit kurzem arbeitet eine weitere junge Apothekerin dort. Rebekka Stumm absolvierte schon während ihres Studiums ein Praktikum bei ihm. Daher fährt der Vater des 14 Monate alten Sohnes Yannis zum ersten Mal seit vier Jahren für drei Wochen in den Urlaub. "Vorher war das einfach nicht möglich", erklärt er.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schon kleine Fehler können die Gesundheit gefährden
Autor
Anna-Katharina Spiegel
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2016, Nr. 201, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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