Auf viele Bedürfnisse zugeschnitten

In einer Schweinfurter Schneiderei werden Hosen gekürzt und Kontakte geknüpft. In dem umweltbewussten Betrieb begegnen sich die Kulturen.

Mittags auf dem Schweinfurter Marktplatz: Die Turmuhr der Sankt-Johannis-Kirche vertreibt die Tauben vom Friedrich-Rückert-Denkmal. Der Blick fällt auf das Schaufenster einer Schneiderei, ein Blickfang in der Oberen Straße. Ein trägerloses, blaues Kleid, das aus Kaffeetüten genäht wurde, ziert eine Schneiderpuppe. Neben dem Kleid zwei große Taschen, die aus dem gleichen Material angefertigt sind. Auf dem Boden ein Schild: "Der Müll kann auch schön sein!"

Sorya Lippert ist Inhaberin der Interkulturellen Änderungsschneiderei. Sie ist in London geboren und lebte bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr in Karatchi, Pakistan. Den Sommer verbringt sie in einem Internat im Himalaja. In Deutschland studiert sie Englisch und Deutsch für Gymnasiallehramt. Seit zwei Jahren ist sie Zweite Bürgermeisterin der Stadt Schweinfurt. Ehrenamtlich arbeitet sie als Deutschlehrerin im Interkulturellen Begegnungszentrum (IBF).

Vor zwei Jahren zog der dem IBF gegenüberliegende Geschäftsraum ihre Aufmerksamkeit an. "Der Laden stand Jahre leer. Immer und immer wieder habe ich ihn betrachtet und mir vorgestellt, was man daraus machen könnte." Während der Deutschkurse begegnen ihr drei afghanische Schneider. "Der Beruf des Schneiders erfordert dort ein hohes Maß an Können. Man denke an die aufwendigen Uniformen, die die Schneider nähen müssen. Ich hielt also meinen Deutschkurs, und mir gegenüber saßen gelernte Schneider, von denen ich wusste, dass diese, sobald dieser Kurs zu Ende sein würde, ohne Arbeit nach Hause gehen würden." So kam sie auf den Gedanken, die Mode des Mittleren und Fernen Ostens nach Schweinfurt zu bringen. Der Verein Interkult, dessen Vorsitzende Lippert ist, stellte die finanzielle Grundlage. "Ich hatte zu Beginn drei afghanische Schneider im Geschäft. Anfangs arbeiteten wir mit zwei Haushaltsnähmaschinen, die dritte kauften wir auf einem Flohmarkt. Das war keine dauerhafte Lösung. Ein Bekannter stellte uns vier Industrienähmaschinen zur Verfügung." Das Geschäft erhält den Namen "Interkulturelle Maß- und Änderungsschneiderei - made in sw". Mittlerweile arbeiten hier eine angestellte Schneiderin und mehrere Aushilfskräfte.

"Viele sind der Meinung, dass man keine Schneiderei mehr braucht. Das Verschwinden des Handwerks ist so gut wie gesichert." Sorya Lippert möchte den Fairtrade-Gedanken mit traditionellem Handwerk verbinden. "Heutzutage kauft man in Geschäften ein, die bekannt dafür sind, dass die Kleidung unter unzumutbaren Bedingungen genäht wurde. In Asien wird so Kultur zerstört, das möchte ich nicht unterstützen." Die Stoffe der Schneiderei sind fair gehandelt und aus umweltbewusst hergestelltem Material. "Der Erlös dient einem gutem Zweck", erklärt Lippert. Auf Wandregalen liegen Stoffe unterschiedlicher Farben und Muster, die sie oft direkt vor Ort einkauft. Im hinteren Teil stehen die vier Industrienähmaschinen. Die Kundschaft bezahlt vorne an einer roten Registrierkasse.

"Diesen Stoff habe ich aus Pakistan mitgebracht." Sie zieht einen schwarzen Stoff aus Seide aus einem Regal, der mit roten Blumen bestickt ist. Dann zeigt sie einen gelben Stoff. "Den hat meine Tochter aus Bangladesch. Ich nehme das, was ich kriegen kann." Der auffällige Rock, den sie trägt, war mal ein beiges Hippie-Kleid mit roten Blüten aus Indien.

Die Kundschaft reicht von älteren Menschen, "die nichts wegschmeißen wollen", bis zur jungen Braut, die eine Bluse für ihre Hochzeit braucht. Der ungewöhnlichste Auftrag war der einer Dame, die direkt über dem Geschäft einem altbekannten Gewerbe nachgeht. Der Auftrag wurde von den afghanischen Schneidern professionell erledigt. Doch hier können Kunden nicht nur maßgeschneiderte Kleidung erwerben oder eine Hose kürzen lassen. Die Schneiderei dient auch als Begegnungszentrum der Kulturen. "Viele Kunden suchen das Gespräch. Heute gerät der Islam aufgrund der Medienberichte und der schrecklichen Vorfälle in ein dunkles Licht. Manche möchten sich über den Islam informieren, weil sie vieles nicht verstehen. Andere erkundigen sich über die Meinung eines islamischen Bürgers über die Medienberichte."

Eine Frau betritt den Laden. Ihre Tochter schmiegt sich an sie und zupft an der weißen Bluse der Mutter. Beide lächeln. "Das ist Larysa Zabediuk", stellt Sorya Lippert vor. "Ich bin in der Ukraine aufgewachsen", sagt die junge Schneiderin. "Damals war die Mode in meiner Heimat sehr langweilig. Alle hatten das Gleiche an." Ihre Großmutter nähte, eine Schneiderin fertigte die Kleidung für Larysa und ihre Geschwister an. Sie faszinierte das Schneidern und lernte Sticken, der Werkunterricht wurde zu ihrem Lieblingsfach. "Seit diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich nach meinem Schulabschluss nichts anderes als nähen wollte." Larysa studierte fünf Jahre Ingenieurwesen für Damenbekleidung. Während der Semesterferien reiste sie nach Mailand, wo sie als Laufstegmodel arbeitete und Einblicke in die Modewelt bekam. "Das war eine aufregende Zeit. Ich habe Designer kennengelernt und ihre Arbeitsweise beobachtet. Das hat mir sehr geholfen." Auch in Berlin zeigt die Ukrainerin für verschiedene Designer auf dem Laufsteg Mode. "Der Job hat mir viel Spaß gemacht." Als sie vor zwei Jahren nach Deutschland kam, hatte sie es nicht leicht. "Meine Tochter konnte anfangs nicht in den Kindergarten und weinte jede Nacht." Sie besuchte einen Deutschkurs, um so schnell wie möglich Arbeit zu finden. "Die Komplexität der deutschen Grammatik bin ich von der Ukrainischen Sprache gewohnt", sagt sie in flüssigem Deutsch. Als sie von der Änderungsschneiderei hörte, war sie begeistert. Seit mehr als einem Jahr arbeitet Larysa hier. Unterstützt wird sie von weiteren Näherinnen, die geringfügig beschäftigt sind.

Larysa nutzt das sogenannte Upcycling, bei dem Abfallstoffe in wiederverwendbare Produkte umgewandelt werden, um die Vielseitigkeit der interkulturellen Schneiderei zu zeigen. "Als ich in Deutschland ankam, war ich verblüfft, wie viel Plastikmüll hier entsteht." Sie kannte den Entwurf der Recycling-Tragetasche, die man hin und wieder auf den Straßen sieht. "Das hat mich inspiriert."

Jedes Stück, das sie anfertigt, ist ein Unikat. Je nach Größe näht Larysa 30 bis 60 Minuten an einer Plastiktasche. Es gibt Kunden, die mit Plastiktüten den Laden aufsuchen, um daraus ein modisches, umweltfreundliches Accessoire anfertigen zu lassen. "Wir haben Kosmetiktäschchen, Schuletuis und Geldbeutel. Aus Plastik lässt sich viel machen. Vor kurzem habe ich eine Blumenvase entworfen."

Sorya Lippert veranstaltet auch Modenschauen. "Vergangenes Jahr haben wir unter anderem auf dem Marktplatz und dem Stadtfest unsere Kollektionen vorgestellt." Alle Models sind Migranten verschiedener Herkunft.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf viele Bedürfnisse zugeschnitten
Autor
Vanessa Reuß-Morel
Schule
Bayernkolleg Schweinfurt , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2016, Nr. 213, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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