Südamerikanische Folklore und Schweizer Jodeln

In Wald im Tösstal treffen sich regelmäßig eingewanderte Frauen und Schweizerinnen. Bei ihren Begegnungen entdecken sie Gemeinsamkeiten, lernen Unterschiede zu schätzen und möchten so das Zusammenleben in der Gemeinde verbessern. Die 14 Teilnehmerinnen aus acht verschiedenen Nationen unterhalten sich auf Deutsch. Durch die kleinen Fenster in den dicken Wänden dringen Sonnenstrahlen. Nach ein paar Minuten steht Bozena aus Polen auf und erklärt, wie sie ihre mitgebrachten Kekse hergestellt hat. Heute geht es um Spezialitäten aus aller Welt, die die Teilnehmerinnen gebacken haben.

Sie versammeln sich jeden zweiten Mittwochmorgen im Gemeindezentrum der reformierten Kirche, einem urigen Haus mit dunklen Holztüren. Die zweistündigen Treffen stehen jeweils unter einem Thema: Manchmal geht es um die Kulturen der Frauen, oft auch um die Lebensweise in der Schweiz. Sie befassen sich mit südamerikanischer Folklore und lernen ein anderes Mal Jodeln. Regelmäßig werden Ausflüge unternommen, zum Beispiel auf den Uetliberg bei Zürich.

"Unser Ziel ist es, dass die Frauen selbständig werden", erklärt Käthi Schmidt, "aber es geht natürlich auch um den Austausch zwischen Zugewanderten und Einheimischen sowie um das Kennenlernen der vielen verschiedenen Kulturen." Das Café International entstand vor neun Jahren aus Deutschkursen für Mütter mit Schulkindern, die den Kontakt untereinander nicht verlieren wollten. Außerdem wollten sie die Sprache anwenden, was in ihrem Umfeld, wo sie nur wenig Kontakt mit Schweizern hatten, schwierig war. Schmidt, die die Handelsmittelschule abgeschlossen hat und mittlerweile pensioniert ist, war zu dieser Zeit Gemeindepräsidentin und Integrationsbeauftragte und rief das Projekt ins Leben. Im Zürcher Oberland fand die Idee Nachahmer, es wurden an vielen Orten weitere internationale Cafés gegründet. "Aber sie unterscheiden sich immer, denn jedes Mal sind andere Nationalitäten und andere Bildungsniveaus vertreten. Das schafft unterschiedliche Bedürfnisse", sagt Käthi Schmidt.

Warum entwickelte sich so ein multinationaler Treffpunkt gerade in Wald? Das rund 9000 Einwohner zählende Dorf ist von Wiesen und Wäldern umgeben. Wilde Gärten wuchern neben schmalen Gässchen, die in verwinkelte Hinterhöfe mit plätschernden Brunnen führen. "Früher gab es hier 16 Webereien und mit ihnen auch viele Ausländer, die in der Textilindustrie arbeiteten", sagt Käthi Schmidt. "Dass verschiedene Kulturen nebeneinander existieren ist eine 150 Jahre alte Tradition, und es entstanden nie Probleme. Die Ironie dabei: Wald ist eine SVP-Hochburg."

Für die Teilnehmerinnen stehen die sozialen Kontakte und die Möglichkeit, andere Länder näher kennenzulernen, im Mittelpunkt. "Es ist interessant, hierherzukommen, denn es geht um andere Themen als im Alltag und zu Hause", sagt Ümmükan aus der Türkei. Diana aus Kolumbien erklärt: "Ich kenne viele Leute durch das Café, auf der Straße begegne ich nun häufig vertrauten Gesichtern." Dass es nicht nur um die Schweiz geht, ist Schmidt ein Anliegen: "Vorurteile gibt es unter den Ausländern oft selber. Deshalb ist es wichtig, dass sie sich untereinander besser kennenlernen."

Die Schweizerinnen sind manchmal sogar zahlreicher als die ausländischen Frauen vertreten und schätzen den Perspektivenwechsel und die ungewohnten Begegnungen. "Es kommen so viele engagierte Frauen zusammen, da kommt viel Kraft auf. Für mich entsteht ein offener Geist, und man lernt, auf die Leute zuzugehen." Eine Mutter, deren Kind unter den Tisch gekrabbelt ist, meint: "Ich habe gelernt, dass es so liebe Frauen gibt, die ein Kopftuch tragen. Normalerweise lernt man sich ja nicht kennen. Mir tut es gut, hierherzukommen und andere Lebensweisen zu erfahren."

Das ist ganz im Sinne des Cafés. Käthi Schmidt sieht Schwierigkeiten aufkommen, wenn Kinder von Einwanderern nur in ihrem eigenen Kulturbereich aufwachsen. "Da sie auf diese Weise außerhalb der Schule kein Deutsch sprechen, ist die Kommunikation nachhaltig gestört, und ihre Chancen stehen schlechter." Das zu verhindern sei schwierig und nur mit Integrationsgesetzen möglich - die bisher noch nicht beschlossen wurden. "Die Angebote, die existieren, sind leider alle freiwillig. So entstehen hohe Kosten durch Nichtintegrierte", beklagt sie und verteilt die Unterlagen ihres Projekts bei der Einwohnerkontrolle. Außerdem empfängt sie alle Neuankömmlinge zu einem Gespräch, in dem sie ihnen das Wichtigste über das Leben im Dorf mitteilt.

Man merkt der kleinen, energievollen Frau an, dass ihr die multikulturelle Gruppe ans Herz gewachsen ist. Sie erzählt freudig und lachend von "ihren Frauen" und berichtet, dass es zwei Jahre lang ein paralleles Angebot für Männer und arbeitende Frauen gab, das jedoch nicht genug Anklang fand. "Die Integration von Frauen ist besonders sinnvoll, denn sie geben die neuen Erkenntnisse an ihre Familien weiter", findet Schmidt. Der Weg zur Selbständigkeit besteht aus kleinen Schritten und ist auch mit Frust verbunden, bis sich die Beteiligten engagieren. "Das hat auch damit zu tun, dass dies Frauen in vielen Kulturen nicht möglich ist und sie es deshalb erst erlernen müssen." Für die Zukunft wünscht sie sich Unterstützung vom Café für die neuen Flüchtlinge. "Ich erhoffe mir ein Weitergeben von denen, die schon etwas bekommen haben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Südamerikanische Folklore und Schweizer Jodeln
Autor
Luca Geppert
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2016, Nr. 213, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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