Wackelnd über der Wolfsschlucht

Nach monatelangem Training gehe das Grundzittern weg, sagt Friedi. Heute finanziert der Lehramtsstudent mit dem Highlinen seine Miete und schwebt vom Hochhaus zum Chemieturm.

Karlsruhe an einem sonnigen Sonntagmittag. In schwindelerregender Höhe, mit Ausblick auf die Dächer der Innenstadt, balanciert Friedrich Kühne barfuß und mit ausgestreckten Armen auf der 2,5 Zentimeter breiten Highline, auf der er am Vortag den urbanen Weltrekord gelaufen ist. Während Friedrich Kühne, in der Slackline-Szene bekannt als Friedi, mit konzentriertem Blick auf der 190 Meter langen und in 40 Meter Höhe gespannten Slackline über den verlassenen Campus des Karlsruher Instituts für Technik (KIT) stolziert, sonnen sich seine Kumpel auf dem Dach des Maschinenbauhochhauses.

Highlinen ist eine Abwandlung der bekannteren Trendsportart Slacklinen, ähnlich dem Seiltanzen. Dabei balanciert man auf einem Gurtband, der Slackline, von einem Befestigungspunkt zum anderen. Eine Highline ist dünner als eine Slackline und wird in einigen bis mehreren hundert Meter Höhe gespannt. Auf der Mainline, dem Hauptband, wird balanciert. Ein Sicherungsband ist als "Backup" in großen, durchhängenden Bögen locker um die Mainline gewickelt. Die Highliner sind dabei mit ihrem Klettergurt an einem Kletterseil, das mit einem Ring befestigt ist, gesichert. Der Ring läuft an den beiden Lines hinter dem Highliner her. Nur ganz selten hat Friedi sich ohne Sicherung auf die Highline getraut, wenn, dann nur mit äußerster Vorsicht und langer Vorbereitung.

Friedi Kühne, in blauem T-Shirt, schwarzer Trainingshose und umgebundenem Klettergeschirr, geht langsam und mit aller Kraft tief in die Knie, drückt sich von der Highline ab und streckt seinen Körper. So bringt er das 190 Meter lange Seil zum Schwingen. Dieser Trick wird unter den Slacklinern Bouncen genannt. Auch hier über dem Karlsruher Campus verliert er für einen kurzen Augenblick das Gleichgewicht und hängt in seinem Klettergurt. Jedoch im nächsten Moment liegt er wieder auf der Highline und versucht mit einem Satz mit beiden Beinen auf die Highline aufzuspringen. Beim zweiten Versuch gelingt ihm das auch.

"Slacklinen ist blöd", so erinnert sich der Sechsundzwanzigjährige an seine Worte, als er zum ersten Mal 2009 im Kletterurlaub in Val di Mello in Italien mit dem Slacklinen in Kontakt kam. Er war sich sicher, das sei nur ein Trend, der vorübergeht. Doch seine Meinung änderte sich. Als er sich noch in jenem Urlaub auf die Slackline seiner Kumpel stellte, galt für ihn nur eines: Er wollte das Ende der Slackline erreichen. Heute sagt er: "Ich bin damals süchtig geworden."

Mit acht Jahren fing Kühne mit dem Klettern an. Im Alter von 17 Jahren zählten Sportarten wie Parcours und Freerunning zu seinen Hobbys. Vor sechs Jahren habe er sich seine erste Slackline gekauft und nach der Schule mit Freunden auf dem Spielplatz Tricks einstudiert. Das habe noch nichts mit dem Highlinen zu tun gehabt, betont der professionelle Slackliner. Mit Kletterkumpeln seiner Heimatstadt Rosenheim spannte er zum ersten Mal eine Highline in den Bergen über der Wolfsschlucht in Neubeuern. Zitternd und wackelnd standen sie in einigen Metern Höhe auf ihrer Line. "Wir waren amateurhaft unterwegs", sagt der Student für das Gymnasiallehramt in den Fächern Mathe und Englisch.

Indem er auf Events auf seiner Highline Gäste zum Staunen bringt und an seiner Uni zweimal wöchentlich Kurse für Slacklineanfänger gibt, finanziert er sein Studium. Zudem gibt er Workshops, und nach Anfrage kann man Ausflüge und Kurse bei ihm buchen. So werde er zwar nicht reich, aber es genüge, seine Miete zu zahlen. Um sein Equipment finanzieren zu können, wird er von Sponsoren unterstützt. Die Firma Elephant-Slackline stellt ihm die Highlines zur Verfügung, Red Fox Outdoor Equipment sponsert die Kleidung. Zum Trainieren ist er im Sommer mit seinen Kumpeln draußen, auch im Winter spannen sie in der Natur ihre Highlines. Er würde lieber im Regen trainieren als ins Fitnessstudio gehen, sagt Kühne, der beim Yoga Körpergefühl und gleichmäßiges Atmen trainiert, wichtige Voraussetzungen für das Highlinen. Denn wer zum ersten Mal auf einem Seil stehe, zittere enorm, erklärt der Münchner Student. Man muss Monate üben, um ein Gefühl für die Slackline zu entwickeln, sich hinsetzen, wieder aufstehen, das Gleichgewicht trainieren. Dann gehe das Grundzittern, wie Kühne es nennt, von ganz allein weg. Beim Highlinen tun sich zudem viele schwer, ihre Höhenangst zu überwinden. Kühne selbst hatte nie mit Höhenangst zu kämpfen. Er hat auch sonst keine großen Ängste beim Highlinen, schließlich habe man keinen Boden, der einem weh tun könnte, scherzt er. Vor jedem Ausflug sind er und seine Kumpel sich einig: "Sobald die Autofahrt gut überstanden ist, ist der gefährlichste Part vorüber."

Während Friedi auf der Highline in Karlsruhe vom Maschinenbauhochhaus zum Chemieturm balanciert, wird er begleitet von einer summenden Drohne. Fotografieren, Filmen, Posten - das sei "das täglich Brot der Slackliner". Auf Facebook lässt Friedi seine Freunde an seinen Erlebnissen teilhaben, veröffentlicht seine Veranstaltungen und macht auf kommende Events aufmerksam. "Selbstvermarktung" nennt er das. Auch auf Outdoorblocks und Actionsportseiten ist er zu finden.

Bekannt wurde Friedi durch seinen Auftritt in der Fernsehshow "Wetten, dass..?". Er wettete in der ZDF-Show zur Weihnachtszeit 2013, dass er durch sogenanntes Surfen auf seiner Slackline innerhalb von viereinhalb Minuten sechs Kerzen, die neben der Slackline an Christbäumen angebracht waren, durch den Luftzug, der dabei entstand, ausblasen könne. Er hatte nur einen Versuch und durfte kein einziges Mal herunterfallen. Die Schwierigkeit bestand darin, die Slackline kontrolliert an den Kerzen stark zum Schwingen zu bringen, sie aber jedes Mal wieder zu beruhigen. Er gewann die Wette. Am Ende der Show landete Kühne mit nur zwei Prozent weniger Stimmen knapp hinter der Siegerin und verpasste den Hauptgewinn von 50 000 Euro, wie er immer noch ein wenig enttäuscht erzählt. In diesem Jahr war Kühne wieder ein Showakt auf dem Unifest des KITs. Friedi und seine Kumpel boten etwas Besonderes: Sie hättem die längste urbane Highline der Welt gespannt, sagt Kühne stolz. Die Herausforderung dabei bestehe nicht im Befestigen der Highline, sondern in der aufwendigen Bürokratie. Einmal wollten sie von Guinness einen ihrer Weltrekorde abnehmen lassen, um im Guinness-Buch der Weltrekorde zu erscheinen, jedoch sei das so aufwendig gewesen, dass er und seine Kumpels ab sofort darauf verzichten und ihre Rekorde lieber selbst abnehmen. Hauptsächlich begebe man sich als Highliner in die Natur, spanne die Highlines im Gebirge und über Schluchten. Zwei Jungs in Frankreich hätten den sogenannten "overall slackline record" aufgestellt, berichtet er, "in so einer Höhe müssen Hubschrauber her".

Seine Reisen finanziert Friedi selbst, ab und zu werde er von seinen Sponsoren bezuschusst. Vergangenes Jahr war er im polnischen Lublin beim "Urbane Highline Festival". Dort waren über den Straßen der Stadt von Dach zu Dach Highlines gespannt. Jährlich findet auch das "Bern City Slack"-Festival in der Schweiz statt. Slackliner der ganzen Welt, darunter Friedi, wurden als Touristenattraktion in ein Resort in Shen Xian Ju im Süden Chinas eingeladen. "Die Chinesen haben uns gefeiert wie Stars." Stolz fügt er hinzu, sie seien sogar im chinesischen Staatsfernsehern übertragen worden.

Einen Monat in Kanada und einen Monat an der Westküste der Vereinigten Staaten traf er die dortigen Slackliner und machte mit ihnen Erstbegehungen. Wer die Highline als Erster betritt, dürfte ihr einen Namen geben, erklärt Friedi begeistert. Die Highline am Wilden Kaiser in Österreich nannten sie "Das Tor der Welten". Die "coolste Sache" war sein Auftritt beim Munic Mash Event in München im Juli: eine 155 Meter lange Highline zwischen den Scheinwerfern des Olympiastadions, parallel zu den Sitzbänken der Tribüne. Dieser Highline habe er schon lange den Namen Olympus geben wollen, erwähnt er stolz. Nach seinem Staatsexamen im Frühjahr möchte er zwei Jahre mit dem Slacklinen herumreisen, bevor er mit dem Referendariat beginnt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wackelnd über der Wolfsschlucht
Autor
Aileen Heselich
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2016, Nr. 219, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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