Hoch hinaus

Der Parcours ist frei!", ruft der Parcoursbauer den Springreitern zu. Sofort füllt sich die Reithalle des Reit- und Zuchtvereins Mayen mit Reiterinnen und Reitern in weißen Turnierreithosen und Jacketts. Die Stiefel sind auf Hochglanz poliert. Die Reiter gehen in Gruppen oder allein, manche werden von ihren Trainern begleitet, und messen die Distanzen zwischen den Sprüngen mit Schritten ab, um zu berechnen, wie viele Galoppsprünge ihre Pferde machen müssen.

In den Mienen spiegelt sich Anspannung und Konzentration. Unter ihnen ist Ralf Jünger, der an diesem Tag in einer Springprüfung der Klasse M mit seinen Pferden Camargo und Charisma antreten wird. Doch bevor es losgeht, muss der Dreiunddreißigjährige, der durch seine schmale Statur an einen Jockey erinnert, sein Pferd aufwärmen. In der Abreitehalle sind zwei Sprünge aufgebaut. Zunächst lässt Jünger die Stange von den Parcourshelfern niedrig hinlegen, um sich dann mit jedem Sprung etwas in der Höhe zu steigern, bis er die Höhe des Parcours erreicht hat.

Dann ist er an der Reihe. Jünger reitet in die Halle ein, während noch die Ergebnisse des vorherigen Reiters durchgesagt werden. Mit dem Ertönen der Glocke wird der Parcours freigegeben. Ralf Jünger und Camargo sind ein eingespieltes Team und überwinden die Sprünge mit Leichtigkeit. Der Ritt bleibt strafpunktfrei, doch viel Zeit zum Freuen bleibt nicht, denn Jünger muss Camargo absatteln und sein nächstes Pferd fertig machen. Dabei kommentiert er seinen Ritt: "Das war schon ein bisschen einfach für Camargo. Er hat sich nicht sehr anstrengen müssen." Er sei jedoch nicht schneller geritten, weil es für höhere Schwierigkeitsklassen wichtiger sei, dass das Pferd ruhig und fehlerfrei bleibt, anstatt hektisch zu werden. Auch sein zweiter Ritt bleibt fehlerfrei, doch die Zeit reicht nicht mehr für eine Plazierung. Mit Camargo schafft er es jedoch auf den siebten Platz.

Als Kind interessierte Ralf Jünger sich eher für das Fußballspielen, doch durch seinen Vater, der Pferde züchtete, hatte er schon immer einen Bezug zum Reiten. Deshalb begann er mit zwölf Jahren das Reiten. Hauptberuflich betreibt er einen Geflügelhof in Kürrenberg bei Mayen in der Eifel, doch das Reiten ist für ihn eine Herzenssache. Im Alter von 20 Jahren stieg er selbst in die Pferdezucht ein und hat inzwischen bereits 30 Fohlen gezogen. "Jeder will den nächsten Weltstar züchten, aber es ist unwahrscheinlich, dass es gelingt", erklärt er.

Sein größter Erfolg ist die Stute Fit for Fun, die er als Fohlen kaufte. Als diese drei Jahre alt war, erhielt sie bei der Stutenprüfung die Staatsprämie, das ist die höchste Auszeichnung für eine Zuchtstute, und die Bestnote 10,0 in den Kategorien Springvermögen und Technik. Aus ihr zog Ralf zwei Fohlen, darunter Camargo. Als Fit for Fun sechs Jahre alt war, trat er mit ihr zur ersten Springpferdeprüfung an. Nur ein Jahr später gingen sie bereits Springprüfungen der Klasse S. "Sie ist charakterlich stark und sehr gut darin, Aufgaben zu lösen", lobt Jünger seine Stute.

Deshalb erhielt er viele Angebote von Interessenten, aber Verkaufen kam für ihn nie in Frage. Doch ihr Talent war zu groß, um nur auf ländlichen Turnieren zu starten, und auf internationalen Turnieren hätte er nur gegen viel Geld starten können. Deshalb kam Jünger zu dem Entschluss, Fit for Fun an eine internationale Reiterin abzugeben, die für die sportliche Nutzung zahlt, damit das Pferd da hinkommt, wo es hingehört. Trotzdem muss Ralf zugeben: "Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens, sie aus der Hand zu geben." So läuft Fit for Fun unter Luciana Deniz, einer der besten Reiterinnen der Welt. Bereits zwei Wochen nach der Übergabe verzeichneten die beiden erste Erfolge in der Young-stars Tour beim Weltfest des Reitsports in Aachen, wo sie den fünften Platz belegten. Im November vergangenen Jahres belegten sie den ersten Platz bei einem Event der Longines Global Champions Tour in Doha. Rückblickend bereut Jünger seine Entscheidung nicht und fiebert immer mit, wenn seine "Fitty", wie er sie liebevoll nennt, wieder bei internationalen Turnieren an den Start geht.

Einige Male ist er ihr auch nachgereist, um ihr die Daumen zu drücken, sogar bis nach Doha: "Weil es alles so super läuft und man immer dabei sein darf und alles miterleben darf, ist es schön, diese Erfolge auch mit anderen Menschen zu teilen."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Hoch hinaus
Autor
Clemens Engelhardt
Schule
Megina-Gymnasium , Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2016, Nr. 219, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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