So lange am Tisch, bis man einen Fehler spielt

Klack, klack. Das Billard-Café im Herzen von Ludwigshafen-Oppau ist gut besucht. An acht Neun-Fuß-Tischen greifen Jugendliche und Erwachsene zum Queue und versenken Kugeln auf filzbespannten Tischen. Von einer Empore hat man einen besseren Blick auf das Geschehen. An der Theke kann man sich mit Speisen und Getränken versorgen. "Als Jugendlicher bin ich nachmittags nach der Schule regelmäßig mit Freunden Billard spielen gewesen und habe anfangs sehr häufig verloren", erzählt David Alfieri. Der große, sportlich aussehende Fünfzigjährige mit italienischen Wurzeln fand Anschluss an organisierte Spieler und gründete 1987 einen eigenen Verein, den BBV Mannheim, in seiner damaligen Heimatstadt, in der er bis zu seinem 30. Lebensjahr lebte. Der ehemalige deutsche Mannschaftsmeister und mehrfache Landesmeister erinnert sich: "Damals gab es in Deutschland viele namhafte Spieler, aber wenig gute Trainer, die einem weiterhelfen konnten." Um noch besser zu werden, ging er zwischen 1991 und 1992 zweimal in die Vereinigten Staaten, um sich als Spieler, später auch als Trainer ausbilden zu lassen.

"Das Faszinierende an dieser Sportart ist, dass es bei den Wettbewerben keinen direkten abwechselnden Schlagabtausch mit dem Gegner gibt", schwärmt Alfieri: "Man ist so lange am Tisch, bis man einen Fehler, ein Foul, ein Safe spielt oder das Spiel gewinnbringend beendet. Dazu kommt die Herausforderung, immer wieder neue und vielfältige Probleme am Tisch zu lösen, und das auf spieltechnisch hohem Niveau, immer mit der Gewissheit, dass der kleinste Fehler vom Gegner sofort bestraft wird."

Um erfolgreich zu sein, ist wie bei jedem Sport viel Training notwendig. Alfieri trainiert in der Woche zwischen acht und zwölf Stunden. Erst vor zwei Wochen hat er sich als Vize-Landesmeister und Landesmeister in Rheinland Pfalz wieder für die Deutsche Meisterschaft der Senioren qualifiziert. Davor habe er an mehreren Tagen drei, vier Stunden trainiert. "Überwiegend trainiere ich gegen Spieler unseres Clubs. Hier spiele ich Einzel oder Doppel unter Wettbewerbsbedingungen. Nur einen kleinen Teil meiner Trainingszeit verbringe ich alleine am Tisch. Da trainiere ich dann technische Feinheiten, wie die Verbesserung eines geradlinigen Stoßes mit dem Queue bei höherer Stoßenergie oder den Break, also den Anstoß, aber auch Effetbälle, Jump shots, Bogenbälle."

Noch immer ist David Alfieri ehrgeizig und freut sich über Siege: "Der schönste Sieg war zweifellos der erste Deutsche Meistertitel." Auch über den Bundesligaaufstieg des BBV Mannheim spricht er gern. "Den Verein innerhalb weniger Jahre seit Gründung mit den damaligen Freunden dort hingebracht zu haben war ebenfalls ein Highlight, an das ich mich gerne erinnere." Knappe Niederlagen sind auch heute noch schmerzhaft: "Auf der letzten Landesmeisterschaft hatte ich das erste Mal nach 30 Jahren Billardsport mein Turnierqueue in meinem Schrank im Billard-Café vergessen", erzählt der Sportler. "Mit einem Ersatzqueue sicherte ich mir zwar den Vize-Landesmeister, hatte aber bei einer 5:2- und 6:3-Führung den Sieg in der Hand und verlor dann noch gegen den eigenen Vereinskollegen mit 6:7."

Doch trotz seiner Erfolge konnte er noch nie von seinem Billardspiel leben. Er hat auf vielen hochdotierten Turnieren mit internationalen Profis gespielt, nimmt neben dem Liga-Wettbewerb und den Meisterschaften auch an Hausturnieren und größeren Turnieren in Deutschland teil, so auch an der letztjährigen German Tour. "Als Spieler muss man viel trainieren, Sponsoren haben und ständig an großen internationalen Geld-Turnieren teilnehmen, um von diesem Sport zu leben. Die besten zehn Spieler Deutschlands leben daher im Ausland, die meisten in den USA."

Alfieri, der kurze, schwarz-graue Haare hat und das rote Trikot seines Vereins trägt, ist nicht nur als Spieler erfolgreich. "Die von Uwe Sander und mir 1992 gegründete Pool School Germany (PSG) unterrichtet den Poolbillard-Sport in unterschiedlichen Lehrgängen." Die Schule zielt auf den Breitensport, und die B-Trainer versuchen über diesen Weg, viele neue Mitglieder mit diesem Sport vertraut zu machen. Von 1992 bis heute haben mehr als 2000 Schüler aus Deutschland und Europa privat und über Vereinslehrgänge die PSG besucht. Auch Mannschaften melden sich an. Die meisten von ihnen kommen wegen Auffrischungs- oder Fortbildungskursen wieder, oder sie nehmen an einer Trainerausbildung teil, um selbst Schüler auszubilden. "Der größte Teil dieser Schüler hat uns immer wieder gefragt, ob es nicht irgendwelche Literatur über diese Lehrmethode gäbe, und so entschlossen wir uns, eine Bandreihe ins Leben zu rufen", berichtet Alfieri. Die Autoren entwickeln ihre Lehrmethoden ständig weiter: "Die für uns wichtigsten und sinnvollsten Bücher, deren Inhalte sich zum größten Teil mit unserem Lehrinhalt decken, stehen im Quellennachweis. Wir erweiterten, organisierten und systematisierten unser Lehrkonzept. Momentan arbeiten wir an einem Trainer-Handbuch für Trainer."

Schmunzelnd erinnert sich der dreifache Vater: "Vor einigen Jahren kamen unabhängig voneinander zwei Freunde, die im hohen Alter sonntags immer ein paar Stunden Billard gegeneinander gespielt haben. Beide haben Einzelunterricht bei mir genommen, um ihr Spiel zu verbessern und um, was viel wichtiger für die beiden war, auch ihren Freund zu besiegen. Lustig dabei war, dass jeder mich unabhängig vom anderen darum bat, den Einzelunterricht nicht dem Freund gegenüber zu erwähnen."

Das Billard-Café in Ludwigshafen bietet gute Bedingungen. Es gehört Hagen Goronczy, der den Verein unterstützt. "In diesem Café ist auch mein derzeitiger Verein PBC Red Lion beheimatet. Die PSG hält hier Unterricht für Privatschüler oder für den PBC Red Lion ab." Alfieri ist auch Kassenwart des Vereins. Hier finden Wettkämpfe statt, von den Landesmeisterschaften bis zu den inoffiziellen Mannheimer Polizeimeisterschaften.

"Seit über zehn Jahren arbeite ich auch für die Mannheimer Abendakademie, wo ich als Dozent jährlich bis zu vier Lehrgänge durchführe. Bisher haben Hunderte von Teilnehmern im Alter zwischen zwölf und 60 Jahren diese Volkshochschullehrgänge besucht."

Informationen zum Beitrag

Titel
So lange am Tisch, bis man einen Fehler spielt
Autor
Martin Krüger
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2016, Nr. 219, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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