Wie Igel mit langen Hälsen auf hohen Beinen

Durch Imponiergehabe und Präsentation seines prächtigen Gefieders zeigt der Straußenhahn, wer im Gehege das Sagen hat. Mit seinem Balzverhalten möchte er seine Damen beeindrucken. Eine Straußengruppe besteht aus einem Hahn und bis zu drei Hennen. Bei einem Rundgang über die Mhou-Straußenfarm in Rülzheim in der Pfalz kann man die stolzen Tiere, die durch einen Doppelzaun von den Besuchern getrennt sind, beobachten. Sie beäugen neugierig jeden, der sich nähert. Ställe sucht man vergeblich. Die anpassungsfähigen, robusten Strauße leben das gesamte Jahr in Freigehegen, in denen mit Stroh ausgelegte Unterstände vor Wind und Wetter schützen. Die pflanzenfressenden Vögel suchen sich ihr Futter größtenteils selbst und bekommen nur während der Brutzeit eine Getreidemischung mit hohem Faseranteil. In den Wintermonaten werden, je nach Witterung, Heu und Zusatzfutter angeboten. Im Bruthaus schlüpfen von April bis August Küken und können durch eine Glasscheibe bestaunt werden.

Die vom Ehepaar Uschi Braun und Christoph Kistner geführte Farm ist ein reiner Zuchtbetrieb, es werden keine Strauße geschlachtet. Die Küken werden an Aufzuchtfarmen verkauft, von denen Kistner später das Fleisch für den Farmladen bezieht. Die Tiere gehören zur Rasse Simbabwe Blue, die schneller wächst und größer wird als andere Straußenarten.

Der leger gekleidete 68-Jährige räumt einen Stuhl von Unterlagen frei. Sein Büro quillt über vor Aktenordnern und Papierstapeln. Es entsteht viel Büroarbeit bei der Verwaltung der Farm, des Farmladens und des Restaurants. Zudem hält Kistner Seminare und Vorträge über Haltung und Zucht von Straußen. "Das war purer Zufall", antwortet Kistner, der früher journalistisch tätig war, auf die Frage, wie er auf die Idee gekommen sei, eine Farm zu gründen. Fast zwei Jahre lang informierten er und seine Frau sich über die Tiere. Unter anderem lernten sie in Zimbabwe die Grundsätze der landwirtschaftlichen Straußenhaltung. Daher der Name Mhou, das bedeutet in der Sprache der Shona, eines afrikanischen Volksstamms, Strauß. Ihre ersten Tiere suchte sich das Paar direkt vor Ort auf einer Farm in Zimbabwe aus und importierten sie. Mit diesen 80 Tieren fingen sie 1993 an. Die Anzahl der Tiere hat sich bis heute nicht wesentlich verändert. Große Probleme bereiten sie nicht, da sie relativ leicht zu halten sind, aber sie brauchen viel Platz.

Auf dem 15 Hektar großen Gelände befindet sich ein Restaurant, in dem Speisen vom Strauß wie Straußenwurst mit Pfälzer Kartoffelsalat oder Straußensteak mit Gewürzbutter und Grillkartoffeln serviert werden. Geboten werden auch kulinarische Aktionen wie Braai, eine Art afrikanisches Barbecue. Kistner schwärmt von der Qualität des Fleisches: "Es ist sehr zart und cholesterinarm und kann, im Gegensatz zu Hühnerfleisch, auch roh gegessen werden." Mit Salmonellen gibt es hier keine Probleme. Der Farmladen bietet auch Staubwedel aus antistatischen Straußenfedern, Lederprodukte wie Taschen und Schuhe oder Lampenschirme aus verzierten Straußeneierschalen.

Für die Betreiber ist es jedes Mal ein bewegendes Erlebnis, wenn sie die Küken beim Schlüpfen beobachten. Die Küken sehen dann aus wie Igel mit langen Hälsen auf hohen Beinen. Von August bis September dürfen die Strauße ihre Eier selbst ausbrüten. Ein solches Ei wiegt bis zu 1600 Gramm, was ungefähr 30 Hühnereiern entspricht. Davon kann eine Henne im Jahr bis zu 100 legen. Um eine gute Kükenqualität zu erzielen und um die Henne nicht zu überfordern, wird ihre Anzahl auf 50 bis 60 Stück begrenzt. Das wird erreicht, indem man der Henne die Eier nicht mehr aus dem Nest nimmt. Ist das Nest mit vier bis sechs Eiern voll, hört sie auf zu legen.

Das Brüten wird von Hahn und Henne gleichermaßen übernommen. Eier, die unbefruchtet sind, was man mit einer Durchleuchtungsprobe herausfinden kann, oder Unregelmäßigkeiten in der Schale aufweisen, werden als Speiseeier verkauft.

Einige Besucher der Farm stellten ein großes Problem dar, weil sie die Gehege verschmutzten und manchmal versuchten über die Zäune zu den Tieren zu klettern. Dieses Problem wird durch Doppelzäune gelöst. Dadurch können Gäste die Tiere zwar noch aus nächster Nähe betrachten, kommen jedoch nicht mehr ins Gehege.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie Igel mit langen Hälsen auf hohen Beinen
Autor
Tim Börner
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium , Frankenthal
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2016, Nr. 225, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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