Vom kleinen Hof zum Kürbisgiganten

Mitten in der idyllischen 1000-Seelen-Gemeinde Seegräben steht auf dem Hügel direkt über dem Pfäffikersee der Bauernhof von Martin und Beat Jucker. Er ist seit Generationen im Familienbesitz. Anfang der 1980er Jahre stellte Vater Ueli Jucker vom Kuhbauernhof auf Obstbetrieb um. Gegen Ende der neunziger-Jahre erarbeitete er mit seinen Söhnen Martin und Beat, beides ausgebildete Bauern, ein neues Konzept und konzentrierte sich auf den Kürbis. Was als kleiner Bauernbetrieb begann, ist heute der größte Kürbis- und Erlebnishof der Schweiz, der vor allem für seine Kürbisausstellungen bekannt ist. Jeden Herbst werden Statuen aus Kürbissen zu einem bestimmten Thema, wie Sternzeichen, Zirkus oder Zauberhafte Märchenwelt, aufgebaut. Diese Statuen bestehen aus einem Holz- oder Drahtgerüst, das dann mit Kürbissen in unterschiedlichsten Größen, Formen und Farben behängt wird. Auf dem Juckerhof findet man alles, vom winzigen Kürbis mit einem Durchmesser von wenigen Zentimetern bis zum Riesenkürbis mit mehr als einem Meter Durchmesser. Es gibt einen Streichelzoo mit Ziegen, Selbstpflück-Anlagen mit Kirschen und Beeren, eine Bäckerei, einen Hofladen, Seminarräume und Strohausstellungen.

Die Dorfkirche bildet das Eingangsportal zum Hof. Dort werden die Besucher von einer lebensgroßen Pappstatue Ueli Juckers empfangen. Sie weist auf den zentralen Platz mit einem Restaurant, einem beliebten Ort für Firmenevents, Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern, dessen Terrasse einen Blick auf das Naturschutzgebiet des Pfäffikersees bietet. Man genießt die Aussicht auf den spiegelglatten See, Moorlandschaften, die Glarner Alpen und den schneebedeckten Säntis. Kommt man aus der Stadt, hat man das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen, obwohl das Dorf weniger als eine halbe Stunde von Zürich entfernt liegt.

Valérie Sauter, die Kommunikationsbeauftragte der Jucker Farm AG, gibt Auskunft. Die 31-jährige Brünette, die an der Universität Zürich Publizistik und Medienwissenschaften studiert hat, trägt die Uniform des Unternehmens, bestehend aus einem karierten Hemd und einer Fleecejacke. Ihr Lieblings-Kürbisgericht sind mit Speck und Zwiebeln gefüllte Mikrowellen-Kürbisse, eine neue Sorte, die für die Zubereitung in der Mikrowelle gezüchtet worden ist. Mit den Jahren habe die Familie Jucker gemerkt, dass es immer schwieriger werde, sich mit einem normalen Bauernhof über Wasser zu halten. Deshalb hätten Martin und Beat Jucker alles Mögliche ausprobiert, unter anderem auch den Kürbis. "Sie sind sogar bis nach Frankreich gefahren, obwohl sie kaum Französisch sprachen, um Kürbissamen zu kaufen." 1997 gab es eine ungewöhnlich große Kürbisernte, da die Juckers nicht wussten, wo sie all die Kürbisse unterbringen sollten, türmten sie nach Sorten geordnet auf dem Hofplatz auf. Die Besucher sind sofort begeistert gewesen von der improvisierten Ausstellung." Die Ausstellungen wurden zuerst in Seegräben getestet und dann im Jahr darauf im Schlossgarten von Ludwigsburg aufgebaut. Seitdem dreht sich auch dort in jedem Herbst acht Wochen lang alles um Kürbisse. ür die Kürbisskulpturen benötigt man eine enorme Menge von Kürbissen. Die meisten davon wären eigentlich essbar. Da taucht die Frage auf, ob das nicht Foodwaste sei. Um dem entgegenzuwirken, werden zum einen hauptsächlich Kürbisse verwendet, die für den Verkauf ohnehin zu klein oder zu unförmig wären, und zum anderen Sorten, die bei den Kunden nicht gut ankommen. "Die Kürbisse der Skulpturen hängen rund drei Monate bei jedem Wetter an den Gerüsten. Natürlich können wir sie danach nicht mehr verkaufen", sagt Valérie Sauter. Sie werden zur Biogas-Produktion und als Biodünger weiterverwendet.

Das Unternehmen hat zwei Einträge ins Guinness-Buch der Rekorde: Den einen 1999 für seine 20 Meter hohe Kürbis-Pyramide, den anderen im Jahr 2000 für die weltgrößte Kürbissuppe. Zudem gewannen sie Tourismus- und Gastronomiepreise mit ihrem Konzept des modernen Erlebnis-Bauernhofs.

Die Lage ist zwar schön, aber Seegräben ist nicht für ein solch großes Unternehmen ausgerichtet. Denn jedes Jahr empfängt die Farm AG auf den Höfen mehrere hunderttausend Menschen. Die meisten Besucher reisen per Auto an. Das Dorf verfügt nicht über genügend Parkplätze. Öfters haben Anwohner Beschwerden bei der Gemeinde eingereicht. Diese fühlten sich durch die Menschenmassen und den zunehmenden Verkehr gestört und forderten die Juckers auf, den Betrieb zu reduzieren.

Nach jahrelangen Diskussionen wurde vor zwei Jahren eine neue Gemeindeverordnung in Kraft gesetzt. Darin ist festgehalten, dass Großanlässe bewilligungspflichtig sind und jeweils ein Verkehrskonzept aufgestellt werden muss. So verlagert sich der Juckerhof inzwischen auf mehrere Standorte. Ihre Ausstellungen vermietet die AG etwa an den Europapark in Rust, einen Spargelhof bei Berlin, den Stadtpark von Montbéliard im Elsass oder das Virginia Pumpkin Festival in Irland. Einkaufszentren sind dankbare Abnehmer der Kürbiskunst.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vom kleinen Hof zum Kürbisgiganten
Autor
Lina Ringli
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2016, Nr. 225, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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