Als Unreine unterdrückt

Eine bunte Kultur, uralte Religionen, unermesslicher Reichtum, daneben unvorstellbares Elend. Während ihrer Indien-Reisen lernte die Pfälzerin Ute Keller, Gründerin der Indienhilfe Trippstadt Nalam e.V., auch diese Seite Indiens kennen, die Touristen oft nicht erleben. Viele Probleme haben ihren Ursprung im Kastensystem, das das gesellschaftliche Leben und die Zukunft jedes Einzelnen bestimmt. Trotz der offiziellen Abschaffung 1950 spielt die Zugehörigkeit zu einer der vier Hauptkasten eine große Rolle. Am meisten leiden darunter die 180 Millionen Dalits, die Unberührbaren. Wer als Dalit geboren wird, hat keine Chance aufzusteigen. Da die Dalits oft keine Ausbildung haben, üben sie nur niedere, schlecht bezahlte Berufe aus, die als unrein gelten. Auf dem Land reicht diese Ausgrenzung so weit, dass die Bewohner noch nie Menschen mit weißer Haut gesehen haben.

"In solchen Situationen", sagt die pensionierte Steuerfachgehilfin, "lief das ganze Dorf zusammen, um mich zu bestaunen und meine Haut zu berühren, zum einen aus Neugierde, wie sich diese anfühlt, aber auch, damit meine Hautfarbe auf ihre abfärben soll." Bei einem Lohn von drei bis vier Euro an guten Tagen hungern die meisten und besitzen nur das, was sie am Leib tragen, obwohl selbst die Kinder arbeiten. Geld für eine Ausbildung der Kinder, die der einzige Weg aus dem Teufelskreis der Armut ist, gibt es nicht. So ermöglicht das Projekt durch Spenden und Patenschaften jungen Dalitfrauen eine dreieinhalbjährige Ausbildung zur Hebamme oder Krankenschwester. Diese Berufe sichern ein gutes Auskommen und dürfen von Dalits ausgeübt werden, da sie aufgrund des Kontaktes mit Blut als unrein gelten.

Viele Dalits sind hilfsbereit und teilen das wenige, das sie haben, mit Fremden. Spontan wurde Ute Keller zu Hochzeiten eingeladen, wildfremde Menschen nahmen sie bei sich zu Hause auf. Einer Dalitfrau, die mit ihrem gehbehindeten Sohn am Straßenrand saß, gab sie spontan eine größere Spende. Prompt wurde sie nach Hause eingeladen, eins von zwei Hühnern wurde geschlachtet. Die Verständigung klappe mit Händen, Füßen und einem interkulturellen Lächeln. Monate später erfuhr sie, dass dem Jungen von dem Geld ein Rollstuhl gekauft wurde.

Die Eltern der Mädchen müssen bei ihrer Hochzeit eine hohe Mitgift geben, oft müssen sich die dafür hoch verschulden. Um das zu verhindern, werden Mädchen abgetrieben oder nach der Geburt getötet. Es kommt sogar vor, dass sie im heiratsfähigen Alter mit Benzin überschüttet und angezündet werden. Außerdem leiden sie, mehr noch als die Männer, unter dem Mangel an Toiletten und müssen fürchten, Opfer von Vergewaltigungen, häuslicher Gewalt oder Zwangsheirat im Kindesalter zu werden. Die unvorstellbare Armut und der fehlende rechtliche Status der Dalits sowie die Verachtung durch die höheren Kasten machen es schwer, gegen diese Diskriminierung anzukommen.

Aber man kann die Not wenigstens für einige Menschen lindern, davon sind Ute Keller, 15 ehrenamtliche Helfer und etliche Spender überzeugt. Sie lernte den katholischen Bischof Devasayaham von Chennai kennen und fragte nach einem Frauenprojekt für Unberührbare. So ergab sich der Kontakt zur Delta School of Nursing im südöstlichen Bundesstaat Tamil Nadu.

Bildung bewahrt die Frauen vor einer Zwangsheirat im Kindesalter, um versorgt zu sein. Nach der Rückkehr in ihre Dörfer dienen sie als Vorbild und beginnen im Idealfall, sich gegen ihre Unterdrückung zu wehren. Sie geben Wissen um richtige Ernährung, Hygiene und Familienplanung weiter, das hilft, den Teufelskreis aus Armut, mangelnder Bildung, Unterdrückung, Gewalt und Ausnutzung zu unterbrechen.

Was sagt die Familie, wenn Ute Keller für Monate aufbricht? Ihr Sohn promoviert in Kopenhagen und findet es toll. Ihrem Mann ist das nicht ganz geheuer. Das Motto des Projektes heißt Nalam - alles wird gut.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Als Unreine unterdrückt
Autor
Carola Fichter
Schule
Heinrich-Heine-Gymnasium , Kaiserslautern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2016, Nr. 231, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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