Prognose mit Ameisenschenkeln und rauschenden Bächen

Schöner Sommer mit schnellen Wetterwechseln. Der Herbst mit schönem Wanderwetter, die Obst- und Beerensammler kriegen kalte Hände." Diese Prognose hatte Peter Suter, das Urgestein der berühmten Muotathaler Wetterfrösche, für diesen Sommer gestellt. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sagt Suter das Wetter im Kanton Schwyz mit einer Trefferquote von rund 80 Prozent voraus. Dazu braucht er aber keineswegs Computer, Internet oder moderne Technologien. Der 89-Jährige schaut nur auf bestimmte Zeichen in der Natur. "Das Wetter hat immer Zeichen", sagt Suter in seinem urchigen, also urwüchsigen, innerschwyzer Dialekt.

Die Muotathaler Wetterschmöcker sind eine Gruppe von sechs Hobbymeteorologen aus der Region Innerschwyz. Einmal zum Wetterfrosch gewählt, bleibt man Wetterfrosch auf Lebzeiten. Der Innerschwyzer Meteorologen-Verein wurde 1947 im Muotathal im Kanton Schwyz gegründet und wurde schnell in der ganzen Schweiz bekannt. Heute hat er rund 3000 Mitglieder. Die Idee, den Verein zu gründen, entstand, als das Radio aufkam: Die Gründer befürchteten, dass das Wetterprophezeien mittels genauen Naturbeobachtens verlorengehen würde und sich alle nur noch im Radio informieren würden. Die landwirtschaftlich orientierten Wetterfrösche lassen ihre Naturbeobachtungen in die Prognosen einfließen. Jeder hat seine eigenen Methoden. Während Wetterfrosch Martin Horat auf die Oberschenkeldicke der Ameisen schaut, beobachtet Alois Holdener die Tannenzapfen, er wird daher "Tannzäpfler" genannt. Die Prognosen fürs nächste Halbjahr sind streng geheim und werden erst bei den Generalversammlungen im Herbst und im Frühling preisgegeben.

Die diesjährige Frühlingversammlung der Wetterschmöcker am Freitag, dem 29.April, zog die Anhänger wie immer in Scharen an. Alle wollten das Sommerwetter aus erster Hand erfahren. Mehr als 700 Mitglieder aus der ganzen Schweiz füllten die Mehrzweckhalle im Bergdorf Illgau hoch über dem Muotathal im Kanton Schwyz. Wer nicht schon drei Stunden vor Beginn dort war, musste sich wieder auf den Heimweg machen, weil alle Plätze besetzt waren. Wer nicht Mitglied ist, muss zehn Schweizer Franken Eintrittsgeld zahlen. "Früher kostete es 60 Rappen. Für die Frauen 30 Rappen", erklärt Peter Suter.

Um 20 Uhr beginnt die Versammlung. In der Halle ist es heiß und laut, die Besucher rücken auf den Holzbänken zusammen. Einige streiten um die letzten Plätze, während andere seit rund vier Stunden vor Ort sind. Die Bedienung hat mächtig zu tun. Die Schweinswürstchen sind zwei Stunden vor der Versammlung aus. Bier hat es zum Glück genug. In der Halle sind überwiegend innerschwyzer Rentner zu finden. Der Altersdurchschnitt liegt bestimmt bei mehr als 70 Jahren. Auffallend viele Männer tragen Schnurrbärte, die Frauen kurze Haare.

Sie plaudern, lachen und jassen, spielen also Karten. Auch die Wetterfrösche, alle in ihr rotbraunes Vereinsgilet gekleidet, plaudern auf der Bühne entspannt miteinander. Nur Peter Suter sitzt auf seinem Platz und studiert ein letztes Mal seinen Text. Nicht umsonst gilt er als der Seriöseste der sechs Wetterfrösche. Im Hintergrund läuft Ländler-Musik. Dann wird es still, alle Blicke wenden sich zur Bühne, auf der die Wetterschmöcker und der Vereinspräsident an einem langen Tisch sitzen. Die Besucher hören gespannt zu, wer von den sechs Wetterfröschen als "Wetterkönig" des letzten Halbjahrs gekürt wird. Wessen Prognose hat sich am genauesten bestätigt?

"Mit 15 Punkten geht der Sieg an Peter Suter." Mit einem Strahlen im Gesicht nimmt Suter den begehrten Wanderpreis in Form einer Holzskulptur entgegen. Neben der Trophäe darf der Wetterkönig noch ein Tänzchen mit einer Frau nach Wahl tanzen. Die Auserwählte ist sichtlich stolz, mit dem Wetterkönig zur lüpfigen, beschwingten, Ländler-Musik über die Bühne schweben zu dürfen.

Im Anschluss an die Siegerehrung geben die Wetterfrösche humorvoll die Prognosen fürs nächste Halbjahr bekannt. Sie lüften somit endlich das große Geheimnis. Traditionell spricht zuerst der Wetterkönig. Für den Juli: "Anfangs Heumonat kein schönes Heuerwetter. Um Mitte nicht viel besser, mit Gewitter und Abkühlung. Ab 20. schönes Bergtourenwetter." Peter Suter ist der einzige der Muotathaler Wetterschmöcker, der aus dem Muotathal stammt. Er wuchs in einer Bauernfamilie auf und lernte den Beruf Sandstrahler. Als Kind verbrachte Peter Suter viel Zeit auf der Alp. Schon als Junge musste er auf das Pfeifen der Vögel und das Verhalten der Ameisen achten, damit man wusste, wann man das Gras schneiden musste. Sein Wissen über die Natur und das Wetter vermittelte ihm seine Mutter. "Meine Mutter wusste schon sehr viel", sagt Suter, "sie hat überall in der Natur Zeichen gesehen." Heute lebt der siebenfache Vater und 19-fache Großvater in einem alten, gut gepflegten und typisch innerschwyzerischen Holzhaus am Anfang des naturstarken, urwüchsigen Tals im Herzen der Schweiz. Fichtenwälder, Alpflächen und Berggipfel liegen nahe beisammen. Bei der Gründung des Meteorologischen Vereins war der Sandstrahler bereits Mitglied.

Wie auch die anderen Wetterfrösche hat Suter, der so viel Zeit wie möglich auf der Alp verbringt, seine persönlichen Tricks. So achtet er zum Beispiel auf die Spinnennetze, auf das Verhalten gewisser Vögel oder auf das Rauschen der Bergbäche. "Wenn an einem schönen Tag die Bergbäche unregelmäßig rauschen, ist Regen zu erwarten", erklärt Peter Suter. Auch aus dem Ton des Spechts kann der amtierende Wetterkönig das Wetter vorhersehen: "Wenn der Specht über Mittag den Ton ändert, kommt am Nachmittag Regen."

Und wie auch sein Kollege Horat kann Suter etwas aus den Ameisen lesen. "Wenn die großen Waldameisen bei schönem Wetter die Ausgänge schließen, ist Regen zu erwarten." Neben den genauen Beobachtungen hilft Peter Suter auch seine jahrelange Erfahrung bei der Wetterbestimmung. Er kennt die genauen Wetterverläufe und kann so Prognosen fürs ganze nächste Halbjahr machen.

Natürlich kann auch der Wetterkönig mal danebenliegen. "Manchmal verschätze ich mich um ein paar Tage. Ich kann das Wetter auch nicht immer richtig vorhersagen. Doch das kann ja niemand."

Informationen zum Beitrag

Titel
Prognose mit Ameisenschenkeln und rauschenden Bächen
Autor
Gian Jenny
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2016, Nr. 236, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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