Es reicht bis Rom

Ich betrachte das als eine Art Glaubenssache", sagt Peter Kilgenstein aus Schwäbisch Gmünd über sein ehrenamtliches Engagement, der Umwelt zuliebe in Schulen und im Rotary Club Vorträge über Elektromobilität zu halten. Der 61-jährige Pensionär, hat 30 Jahre beim Automobilzulieferer Bosch im Vertrieb und in der Entwicklung in einer Abteilung gearbeitet, die sich mit der Getriebesteuerung beschäftigt. Vor eineinhalb Jahren hat Kilgenstein beschlossen, auf E-Mobilität umzusteigen. Die Triebfedern, die ihn überzeugt haben, sind die Begeisterung für das elektrische Fahren, die "von der sensationell schönen Beschleunigung" und des kaum hörbaren Motorgeräuschs herrühre und der Gedanke des Umweltschutzes.

Kilgensteins heckgetriebenes Tesla Model S85 besitzt eine Batteriekapazität von 85 Kilowattstunden und laut Papieren eine Reichweite von 426 Kilometern. Als realistisch bezeichnet Kilgenstein jedoch im Sommer eine Reichweite von 270 Kilometern, im Winter seien es 240 Kilometer, da weitere, elektrisch betriebene Gadgets wie die Heizung verstärkt in Anspruch genommen werden. Die 270 Kilowatt entsprechen einer Leistung von 367 PS und beschleunigen den vollelektrischen Wagen in gerade einmal 5,6 Sekunden auf 100 Stundenkilometer.

Ein weiterer Vorteil neben der geringen Lautstärke und der schnellen Beschleunigung ist der kostengünstige Verbrauch. Mit einem durchschnittlichen Verbrauch von rund 25 Kilowattstunden auf 100 Kilometer und einem Strompreis von 0,24 Euro für eine Kilowattstunde ergibt sich ein Verbrauch von 6,00 Euro auf 100 Kilometer. Somit ist sein Tesla deutlich günstiger als ein vergleichbares Verbrennungsfahrzeug. Hinzu kommt, dass an öffentlichen Ladesäulen, wie Tesla sie anbietet, umsonst Strom geladen werden kann. Diese sogenannten Tesla Supercharger, von denen es in Deutschland 59 gibt, laden mit 135 Kilowatt in der Stunde und sind in einigen Teilen Europas und den Vereinigten Staaten verbreitet. "Man kommt inzwischen gut bis Rom. In Süditalien oder Spanien hingegen sieht es noch schlecht aus."

Die Zukunft der Elektrofahrzeuge sieht Kilgenstein auf Kurzstreckenfahrten und vor allem im Stadtverkehr. Nachteile gegenüber Verbrennungsfahrzeugen erkennt er lediglich bei Langstreckenfahrten. Man ist auf die Ladestationen angewiesen, die Planung vor dem Antritt einer längeren Fahrt kostet Vorbereitungszeit. "Für die Langstreckenfahrten lernt man natürlich im Laufe der Zeit eine Strategie", erklärt Kilgenstein. Er lade seinen Tesla nie ganz voll, sondern er informiere sich im Voraus wo sich der nächste Supercharger auf seiner Strecke befinde, so dass er die nächste Lademöglichkeit mit rund 20 bis 30 Kilometern Reserve erreiche. Dadurch spare er Zeit und verringere das Risiko durch Umleitungen, Falschfahrten oder andere unerwartete Zwischenfälle liegenzubleiben. Pannen oder andere Probleme mit dem Auto habe er bisher keine gehabt. Ein Manko, durch das es dem Großteil der Bevölkerung unmöglich werde, sich ein Elektrofahrzeug wie das Tesla Model S zuzulegen, sei der hohe Anschaffungspreis von 90 000 Euro. Das Tesla Model 3 soll ab rund 30 000 Euro zu haben sein.

Auf Deutschlands Straßen sind bislang erst 25 000 Elektrofahrzeuge unterwegs. Deutschland hat Verpflichtungen übernommen in Sachen CO2-Ausstoß-Reduzierung, und ein Mittel dazu ist einmal eine stärkere Elektrifizierung des Verkehrs. "Das Ziel ist schon klar und richtig, der Weg hingegen ist in meinen Augen nicht der richtige", sagt Kilgenstein. Die Regierung versuche Anreize zu schaffen, um die Bevölkerung auf diese umweltschonendere Art der Fortbewegung aufmerksam zu machen, indem sie durch Subventionierungen von ein paar tausend Euro zum Kauf eines E-Fahrzeugs animieren wolle. Dies hält Kilgenstein für kurzsichtig, da das "so ein Einmaleffekt" ist. Für einen besseren Lösungsvorschlag hält er die Erhöhung der Mineralölsteuer. "Dazu sind ja Steuern da, zum Steuern", meint Kilgenstein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Es reicht bis Rom
Autor
Hannes Kolb
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2016, Nr. 236, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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