Wo Heinrich Heine seine letzte Ruhestätte fand

Als würde man in eine andere Welt eintauchen. Dieses Gefühl überkommt den Besucher, wenn er die Schranke am Eingang des Pariser "Cimetière de Montmartre" passiert. Es ist angenehm, in die gleichsam natürliche Ruhe auf dem Pariser Nordfriedhof an der Nr. 20 Avenue Rachel einzutreten, wo man unweit der lauten Avenue de Clichy Heinrich Heines letzte Adresse in Paris findet.

In Frédéric Tempiers Büro fallen mehrere Rechner, Aktenschränke und Ordner auf, Hinweise auf das große Maß an Verwaltungsaufwand sowie die Archivarbeit, die der stellvertretende Konservator der drei großen Friedhöfe des Pariser Nordens mit seinen Angestellten leistet. Nicht ohne Stolz spricht Tempier von seiner Arbeit. "Ich bin der Chef von insgesamt 48 Angestellten; Buchhaltern, Aufsichtspersonen, Straßenbauarbeitern, Totengräbern, Verwaltungsangestellten." Tempiers Hauptaufgabe besteht jedoch in der Vergabe und Verwaltung von Gräbern. Die Idee, Friedhöfe in Paris anzulegen, um die Menschen nicht in Massengräbern beisetzen zu müssen, stamme von Napoleon I. Von den meisten anderen Pariser Friedhöfen unterscheide sich der Cimetiére de Montmartre vor allem durch die Berühmtheiten, die sich ihn als ihre letzte Ruhestätte ausgesucht haben. "C'est un musée." Tempier bezeichnet den Friedhof als ein Museum, was nicht nur übertragen zu verstehen sei, denn der Nordfriedhof mit den Gräbern des französischen Physikers Ampère, des Malers Degas sowie vielen anderen "célébrités" zählt zum Weltkulturerbe. Auch Menschen aus Film und Theater wie Dalida und Sacha Guitry haben auf dem Friedhof ihr Grab.

Wie jeder andere, der auf diesem katholischen Friedhof seine letzte Ruhe fand, musste Heinrich Heine sich dort schon zu Lebzeiten ein Grab beschaffen. Er war 48 Jahre alt und lebte seit 15 Jahren in Paris, als er in seinem Testament aus dem Jahr 1846 festlegt: "Sterbe ich in Paris, so möchte ich auf dem Kirchhofe des Montmartre begraben sein, denn unter der Bevölkerung des Faubourg Montmartre habe ich mein liebstes Leben gelebt." Heine hatte spätestens in reiferen Lebensjahren die Angewohnheit, sich präzise um materielle oder geschäftliche Angelegenheiten zu kümmern, was auf seine in früherer Zeit erlernten Fähigkeiten als Geschäftsmann hinweist.

Ein Grab, das nie aufgelöst wird, koste an die 15 000 Euro, erklärt M. Tempier. Heines Testament enthält jedoch auch eine Liebeserklärung. Erstens eine Liebeserklärung an die Stadt Paris, Heines "französischer Zauberstadt" an der Seine, die er über alles liebte, und zweitens eine Liebeserklärung an Mathilde, seine 18 Jahre jüngere französische Frau, um die er sich wie um ein Kind kümmerte, kümmern wollte und musste. Heine und Mathilde, die ursprünglich Augustine Mirat hieß, lebten in Paris mit einer Entourage deutscher und französischer Bekanntee aus allen möglichen Gesellschaftsschichten, darunter Chopin und Delacroix, aber ohne direkte Verwandte oder eigene Nachkommen. Durch sein Testament stellte Heine die Versorgung seiner Gattin auch nach seinem Ableben sicher.

Machen wir uns mit Hilfe des am Eingang zur Verfügung gestellten Plans auf die Suche nach Heines Grab. Die Andersartigkeit dieses Friedhofs mit mittlerweile mehr als 20 000 Gräbern lenkt ab. Überraschende Details wie Fotos von lieben Verstorbenen fesseln das Interesse. Da gibt es alte, verwitterte Gräber mit eingesunkenen Grabsteinen, über die sich eine Patina des Vergessens gelegt hat. Oft findet man Häuschen auf dem zehn Hektar großen Areal, die wie kleine Wohnungen wirken, in denen die Toten leben. Allerdings sind diese Gräber nicht wahllos angeordnet. Eine gewisse Orientierung bietet das Pariser Straßennetz, das nicht an den Mauern des Friedhofs haltmacht, sondern ihn ebenso wie den Rest der Stadt in Avenues und Chemins einteilt.

Das schmale Grab Heines und seiner Frau Mathilde hebt sich von den anderen, eher sandsteinfarbenen Gräbern durch seinen strahlend weißen Marmor ab. Es ist gepflegt, auch nach 160 Jahren. Und ein Grab, das durchweg deutsche Inschriften trägt. Heine fand hier am 20. Februar 1856 seine letzte Ruhe, drei Tage nach seinem Tod am 17. Februar. Über dem Grabstein prangt eine Porträtbüste im antikisierenden Stil. Kaiserin Elisabeth, bekannt als Sissi, eine glühende Heine-Verehrerin, ließ die Büste zu Ehren des Dichters anfertigen und übergab sie als Geschenk an die Stadt Düsseldorf, Heines Geburtsstadt. Vor dort gelangte sie über Umwege nach Paris. Folgt man dem gesenkten, etwas müden Blick der Statue, liest man auf der Grabplatte ein von Heine verfasstes Gedicht, das den träumerischen Titel "Wo?" trägt. Darin sinnt der Dichter darüber nach, wo seine letzte Ruhestätte liegen wird: "Wo wird einst des Wandermüden / Letzte Ruhestätte seyn? / Unter Palmen in dem Süden? / Unter Linden an dem Rhein?"

Der Journalist Nathan Jessen ist der Auffassung, dass der Dichter, der in seinen vielen Vierzeilern oft Veilchen, Blumen und deutsche Landschaften beschwört, hier an seine jüdischen Wurzeln gedacht hat. "Teneriffa wird er nicht gemeint haben", schreibt Jessen, sondern eher Israel, für ihn das Heilige Land. Heine hat seine jüdischen Wurzeln, trotz Konversion zum Christentum und katholischer Heirat, nie vergessen und erinnert sich gerade am Lebensende nochmals wehmütig daran.

Auf seinem Pariser Grab findet man nicht die typischen kleinen Steine, wie zum Beispiel auf dem Grab des jüdischen Malers Marc Chagall in Saint-Paul-de-Vence an der Côte d'Azur. Zum 160. Todestag des Dichters schmücken ein Blumengebinde mit einer Widmung der Stadt Düsseldorf und ein roter Rosenstrauß das Grab. Heines letzte Heimat ist für Bewunderer eine Art Wallfahrtsstätte. Nach Aussage von Frédéric Tempier sind 99 Prozent der Besucher von Heines Grab Deutsche. In Frankreich sei der romantische Dichter, der 25 Jahre seines Lebens, in Paris verbracht habe, nicht so bekannt.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo Heinrich Heine seine letzte Ruhestätte fand
Autor
Ricarda Giegerich
Schule
St.-Marien-Gymnasium , Regensburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2016, Nr. 242, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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