Sie leben ausgezeichnet von Illusion und Täuschung

Riesige Rattenköpfe, falscher Filz, ständige Umbauten, das Budget im Blick, all das gehört zum kunstvollen Spiel mit der Illusion. Und das beherrschen die Mitarbeiter der Züricher Oper gut.

Das Schwein sieht täuschend echt aus, es besteht jedoch nur aus Silikon und riecht nach Kunststoff. An der Wand lehnt der Ausschnitt eines Holzbodens, von weitem kann man die Maserung deutlich erkennen. Die Täuschung ist perfekt, die Maler der Opernwerkstätten haben großartige Arbeit geleistet. "Wir leben von Illusion und Täuschung. Für den Besucher soll alles möglichst echt aussehen. Das Ganze ist ein Spiel mit der Illusion." Jörg Zielinski lehnt gemütlich in seinem Sessel im Arbeitsbüro, das Saisonheft 16/17 der Oper liegt auf dem Tisch. Als Leiter des Ausstattungswesens und stellvertretender Technischer Direktor arbeitet er bereits viele Jahre am Opernhaus Zürich. "Ich weiß gar nicht mehr wie lange, das Opernhaus ist mein Leben", sagt Zielinski und fährt sich durchs leicht ergraute Haar.

Das Haus wurde 1834 gegründet und mit Mozarts "Zauberflöte" eröffnet, heute können bis zu 1100 Zuschauer Vorstellungen in den Bereichen Oper, Ballett, Jazz, Liederabende und viele andere Veranstaltungen genießen. 600 Mitarbeiter aus Kunst, Technik und Administration halten den Betrieb am Sechseläutenplatz direkt am Zürichsee aufrecht. Jedes Jahr gibt es zwölf Neuinszenierungen, dazu mehrere Wiederaufnahmen.

"Man muss Geld und Zeit zusammen managen", erklärt Zielinski und zupft sein hellblaues Hemd zurecht, "alles muss so gedreht werden, dass alles zur richtigen Zeit auf der Bühne steht, dabei darf das Budget nicht vernachlässigt werden." Die Aufgabe des 52-Jährigen besteht hauptsächlich darin, den Kommunikations- und Informationsfluss während der Produktion in Gang zu halten. Dazu kommen Diskussionen, Sitzungen, Proben und viele Besprechungen.

Jeder Arbeitstag beginnt mit einem Besuch in den Werkstätten, dort muss Jörg Zielinski schauen, ob Probleme, Wünsche oder Fragen unter den Arbeitern aufgetaucht sind. Das Kommunikationsnetz begrenzt sich nicht auf die Räumlichkeiten im Haupthaus und in den Werkstätten, auch außerhalb müssen Fragen mit Sängern, Regisseuren und Tänzern aus anderen Ländern geklärt werden. "Wir leben sozusagen in der Zukunft, drei Jahre im Voraus wird vom Intendanten das Programm bestimmt, dabei sind gewisse Subventionsvereinbarungen mit dem Kanton Zürich zu beachten. Es ist zum Beispiel vorgeschrieben, wie viele Kindervorstellungen, wie viel Ballett und welche Musik im Programm mit dabei sein muss. Im Anschluss werden Regisseure, Bühnenbildner und Darsteller gesucht. Daraufhin werden Entwürfe gemacht, Muster besprochen und vieles mehr.

Hier kann es zu diversen Konflikten kommen. "Bei Pique Dame, einer Oper von Tschaikowski, wollte im vergangenen Jahr der Bühnenbildner Wände aus grünem Filz", erklärt Zielinski, "dies war jedoch wegen der Akustik nicht möglich. Es musste ein Kompromiss gefunden werden, es wurde ein Thermoplast genommen, der über eigens angefertigte Tiefziehformen industriell in Form gebracht wurde. Damit war die Oberfläche hart und glatt und damit akustisch unproblematisch."

Sechs Wochen vor der Premiere wird alles bühnengetreu aufgebaut, danach folgt die Probezeit. "In der Hochsaison wird jeden Tag die ganze Bühne mehrmals umgebaut. Am Morgen werden Stücke geprobt, am Abend ein anderes aufgeführt", erzählt Zielinski. Er selbst ist bei den Proben immer anwesend, um zu schauen, ob Probleme auftauchen. Von jedem Stück gibt es eine Art digitale Choreographie für die Darsteller und das Equipment.

Leichter Transport, einfache Lagerung sowie schneller Auf- und Abbau spielen beim Equipment eine Rolle. Einen riesigen Vorteil hat das Zürcher Opernhaus: Die Werkstätten liegen nur zwei Seitenstraßen entfernt. Dort befindet sich auch ein Raum, der genauso groß wie die Bühne des Opernhauses ist. "Hier wird jedes Stück genau vorgebaut", berichtet Zielinski und grüßt drei Arbeiter, die ein tapeziertes Bühnenteil an Haken auf einen Lastwagen laden. Die Halle ist riesig, überall liegen Bühnenelemente. Durch ein Treppenhaus, das mit Plakaten von ehemaligen Inszenierungen vollgeklebt ist, gelangt man in die Werkstätten.

Zuoberst in der Theaterplastik und der Bildhauerei wird der Kopf eines Tyrannosaurus Rex aus Gips gefertigt. "In der Theaterplastik werden alle 3D-Gegenstände, Figuren, Oberflächen und Skulpturen hergestellt", sagt Zielinski. "Hier werden auch bewegte Figuren gebaut, alles wird selber konstruiert." Er zieht an einem Schnürchen, worauf ein Rabe den Kopf bewegt. An den Wänden hängen Tierfiguren, auf einem Tisch liegen drei riesige Rattenköpfe, täuschend echt und wohl der Albtraum für jeden an einer Rattenphobie Leidenden. In diesem Fall sind die Tierköpfe für die Premiere der Kinderoper "Der Zauberer von Oz" im November bestimmt.

Laute Musik und der Geruch nach Farbe erfüllen den Raum der Theatermalerei, dessen Boden vollständig mit einer Plache abgedeckt ist. "Hier wird vor allem mit Täuschung gearbeitet." Zielinski deutet auf einen edlen Parkettboden, der sich bei genauerem Hinsehen als ein bemaltes Brett entpuppt. Auch der riesige Seilhaufen besteht nur aus ein paar echten Seilen, der Rest ist gemalt. "Für den Besucher soll es möglichst echt aussehen", erklärt Zielinski und hebt einen Birkenstamm mit einer Hand hoch, "wir müssen mit vielen Tricks arbeiten", schmunzelt er und zeigt, dass der Stamm ausgehöhlt ist.

In der Schreinerei einen Stock tiefer liegen Konstruktionspläne, das Opernhaus stellt grundsätzlich alle Möbel und Objekte selbst her. Holzgeruch liegt in der Luft, Holzspäne liegen herum, hier ist es im Gegensatz zum Malsaal ruhig. Neben Schreinerei, Theaterplastik und Malerei gibt es noch eine Metallwerkstatt, die Tapeziererei und einen Requisitenraum.

In den Werkstätten arbeiten rund 40 Leute, die Atmosphäre in jeder von ihnen ist anders. Jörg Zielinski hat schon mehr als 150 Produktionen erlebt. "Das Schönste an meinem Job ist, dass man alles mitverfolgt, man hat einen Plan und am Schluss ein Produkt, das auf der Bühne steht, das ist sehr befriedigend", schwärmt er. Aber der Kostendruck wegen des beschränken Budgets sei eine Herausforderung. 85 Prozent des Jahresbudgets werde für Löhne und Gagen verbraucht, für die Dekorationsherstellung nur rund drei Prozent. "Unbeschränkt Geld zu haben, um der Kunst zu dienen, das wäre schön", schmunzelt Zielinski. Auch in der Freizeit besucht er Theater, Opern und andere Kunstanlässe. "Jedoch ist immer der professionelle Blick dabei, der instinktiv nach Fehlern sucht", gesteht der in Berlin geborene Deutsche, der seit mehr als 20 Jahren in der Schweiz lebt. Heute wohnt er mit seiner Familie in Lenzburg, einer Kleinstadt im Schweizer Kanton Aargau.

In jungen Jahren brach er sein Jurastudium in Berlin ab und studierte Theater- und Veranstaltungstechnik und wurde Diplomingenieur. Durch ein Praktikum am Theater Basel kam er in die Schweiz und blieb im Opernhaus Zürich hängen. Ferientage hat Zielinski unter dem Jahr nicht viele, nur die Saisonferien im Opernhaus bleiben. Sobald ein paar freie Tage in Sicht sind, zieht es den Berliner auf eine ostfriesische Insel. "Ich habe mein Herz an Spiekeroog verloren, eine Insel, wo man nichts tut, außer überlegen, was man am Abend isst."

Bei jeder Aufführung bleibt ein gewisses Zittern, ob alles gutgeht. "Es kann auch zu Pannen kommen", gesteht Zielinski, "bei der Oper Aida zum Beispiel sollte am Schluss Glitzerregen von der Decke kommen, er fiel jedoch bereits am Anfang. Das Stück wurde abgebrochen, und jeder Gast bekam ein Cüpli, ein Glas Sekt auf gut Schweizerisch."

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie leben ausgezeichnet von Illusion und Täuschung
Autor
Valentina Fritz
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2016, Nr. 248, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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