Ein Bild von einem Marmorstein

In der Ferne hämmert ein Spitzeisen, Grillen zirpen. Sanft streicht der Wind. Ansonsten herrscht Stille in Azzano. Hier kommen jedes Jahr Menschen zu Bildhauer Peter Rosenzweig, um aus dem Flüsschen Serra einen Marmorstein zu heben und zu gestalten. Das Bergdorf hat 450 Einwohner und ist umgeben von einem Marmorgebirge. Seit mehr als 35 Jahren beheimatet es das "Campo dell'Altissimo", das der 1957 in Berlin geborene Künstler mitbegründet hat und wo jährlich in den Sommermonaten Bildhauer- und Malkurse stattfinden. Nach dem Studium der Philosophie, Psychologie und Religionswissenschaften an der Freien Universität Berlin studierte er Bildhauerei und Malerei im italienischen Carrara. Während des Studiums gründete er die Sommerschule in Azzano. Dann fand im Jahr 2000 ein Umbruch statt: Nach der Trennung von seiner Frau, einer Italienerin, ging er mit seinen beiden Kindern zurück nach Berlin. Dort lernte er in der Silvesternacht seine Frau Katrin Pfister-Rosenzweig kennen. Seitdem reist das Ehepaar zwischen Italien und Deutschland hin und her. Im Schnitt leben sie vier Monate in Italien und acht in Deutschland. Katrin Pfister-Rosenzweig, damals noch bei der ARD angestellt, kam über Umwege zur Bildhauerei. Faszinierend für sie ist der Gedanke, dass "der Stein uns alle überleben wird, selbst wenn alle Daten gelöscht sind vom Film und die Kassetten alle vergilbt oder zerbröselt sind".

Beide beschreiben sich als kein typisches Künstlerpaar. Trotz aller Individualität helfen sie sich. "Wegen der enormen Gewichte der Steine ist man sowieso häufig auf die Hilfe des anderen angewiesen", sagt die Künstlerin. Die Arbeiten ihres Mannes beschreibt sie als "wesentlich verspielter in der Form". Ihre eigenen Werke sind ungleich klarer und geometrischer gestaltet. Jeder schafft für sich seine eigenen Werke, die sie regelmäßig in Berlin und in Italien gemeinsam ausstellen.

Rosenzweig liebt die Levante mit ihrem Licht und dem schönen, warmen Mittelmeer. In der "Betonwüste Berlin" dauerhaft leben zu müssen, kann er sich nicht vorstellen. Berlin hat seines Erachtens zwar ein unschlagbares kulturelles Angebot an Galerien, interessanten Ausstellungen, bedeutenden Autoren und vielem mehr. "Doch wenn man überlegt, welche Einflüsse wichtig sind, ist das nun mal das Licht und die Wärme." Beim Bearbeiten der Steine in Italien lässt Rosenzweig die Kursteilnehmer immer draußen arbeiten, während sie das in Berlin im Atelier tun müssen aufgrund der strengen gesetzlichen Vorschriften. Das empfindet er als einen großen Mangel: "Ständig muss man sich anpassen an die Umgebung, in der man gerade ist. Mit seinen Geräuschen und seiner Arbeit."

Das Campo ist ein 6000 Quadratmeter großes umfriedetes, terrassiertes und gepflegtes Gelände mit einem Wohnhaus, in dem sich ein Büro, eine Küche und Lagerräume befinden. Davor steht ein großer, überdachter Tisch, an dem sich alle zu Gesprächen, zum Ausruhen, Kaffee- oder Teetrinken und Mahlzeiten treffen. Hierher kommen nicht nur viele Deutsche, Österreicher, Schweizer und Holländer, sondern auch Menschen aus Amerika oder Australien.

Man arbeitet an seinem Stein von morgens bis mittags, dann bekommt man ein Drei-Gänge-Menü vom eigenen Koch. Dann folgt eine zweistündige Siesta, bevor man bis zum Abend weiterarbeitet. Es ist diese Zufriedenheit, die ungestörte Konzentration, die Einfachheit, die es ermöglichen, mit sich selbst und der Natur im Reinen zu sein. Man kann seine Gedanken schweifen lassen und sich nur mit sich und seinem Stein auseinandersetzen.

Der Workshop endet mit einer Finissage mit Werken aller Teilnehmer, die verschiedener nicht sein könnten. Da finden sich figurative und abstrakte, rauhe und glatte sowie kleine und große Arbeiten nebeneinander. Am ersten Tag sind die Teilnehmer in das flache, steinige Flussbett gegangen. Dort findet jeder eine große Auswahl an verschiedenen Marmorbrocken. Oder, wie Peter sagt, "um von ihrem Stein gefunden zu werden". Ein aufgeregtes Rufen: Ingrid vom Bodensee hat ihren Stein gefunden. Rosenzweig lächelt glücklich.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Bild von einem Marmorstein
Autor
Fiona Castendyck
Schule
Lilienthal-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2016, Nr. 248, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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