Hauke Haien erwacht in Lübeck zum Leben

Das Licht in dem kleinen Saal des Figurentheaters Lübeck geht langsam aus, so dass die letzten Gespräche im Publikum verstummen. Ein Scheinwerfer geht an und beleuchtet eine Marionette, einen alten Mann mit großer Nase und faltigem Gesicht. Er sitzt auf einer kleinen alten Holzkiste. Vor ihm steht größere Holzkiste, auf der sein Arm liegt. Zuerst bewegt sich nur seine Hand, dann der ganze Arm und im Anschluss auch der Kopf. Im Zusammenspiel mit der Stimme des Puppenspielers erwacht die Marionette endgültig zum Leben und murmelt ein paar mathematische Formeln vor sich hin. Während diese Puppe Berechnungen durchführt, die zum Bau eines neuen Damms nötig sind, fliegt von der gegenüberliegenden Seite der Bühne voller Elan und Energie eine weitere Marionette heran: Hauke Haien. Seine großen, extremen Bewegungen bringen seine Frische und Jugendlichkeit zur Geltung, die im Gegensatz zu dem Verhalten des alten Mannes steht. Mit diesem kleinen Auszug aus Theodor Storms "Der Schimmelreiter" beginnt die Vorführung des Stückes "Poesie der Theaterfiguren" im Lübecker Figurentheater, das Stephan Schlafke und seine Frau Silke Technau in der heutigen Form seit neun Jahren betreiben.

Das beschauliche Figurentheater befindet sich neben dem Theaterfigurenmuseum in einer kleinen Gasse der Lübecker Altstadt. In den historischen Backsteinhäusern, die im 16. Jahrhundert erbaut wurden, werden das Puppenspiel und dessen Traditionen seit 30 Jahren erfahrbar gemacht. Dass es Stephan Schlafke und Silke Technau an diesen Ort führte, ist kein Zufall.

Schon vor 40 Jahren, gleich nach dem Abitur, fing Silke Technau das Puppenspielen an, arbeitete mit verschiedenen Regisseuren und älteren Puppenspielern und eignete sich so ihr heutiges Wissen an. Stephan Schlafke entdeckte seine Begeisterung für das Puppenspiel schon früher. Bereits während der Schulzeit nahm er an einer Arbeitsgemeinschaft teil und eröffnete nach dem Abschluss mit ein paar Freunden eine Amateurbühne. Beide haben eine umfassende Ausbildung, die sie sich unter anderem mit Seminaren zu Bau und Spiel und Sprecherziehung zusammengestellt haben. Heute ist Figurenspiel sogar ein eigener Studiengang in Berlin oder Stuttgart. Das Lübecker Puppentheater betreiben sie hauptberuflich. Von den Einnahmen können Stephan Schlafke und seine Frau leben.

Das Repertoire, mit dem Stephan Schlafke und Silke Technau arbeiten, reicht von Stabmarionetten über Handpuppen bis hin zu Kaukautzky-Puppen. Im Unterschied zu Stabmarionetten braucht man für jede Fadenmarionette einen Spieler - und damit ein ganzes Puppenspieler-Ensemble, was nicht immer finanzierbar ist. Eine Marionette müsse mit mindestens neun Fäden ausgestattet sein, um sie lebendig wirken lassen zu können, erklärt Schlafke. Jedoch zählt auch eine Puppe mit einem einzigen Faden am Körper schon als Marionette. Nach oben hin ist der Anzahl der Fäden kaum eine Grenze gesetzt, doch wird es mit zunehmender Anzahl an Fäden auch schwerer, die Bewegungen der Puppe real zu gestalten. Durch häufiges Umgreifen der Fäden geht der Spielfluss verloren.

Bei Kaukautzky-Puppen hängt sich der Spieler den Körper der Puppe um den Hals und leiht ihr sein eigenes Gesicht, sodass seine Mimik die Puppe noch realer agieren und reagieren lässt. Die Hände der Puppe stimmen in diesem Fall entweder direkt mit denen des Puppenspielers überein, oder der Puppenspieler führt Stoffhände. In jedem Fall muss der Puppenspieler an den Hintergrund angepasst gekleidet sein, um "unsichtbar" zu werden und nur die Puppe für sich sprechen zu lassen.

Genau darin besteht für Stephan Schlafke und Silke Technau auch die Poesie des Puppenspiels. "Die tote Materie zum Leben zu erwecken und sich selbst als Menschen so weit zurückzunehmen, dass scheinbar nur noch die Puppe existiert, um eine Illusion zu schaffen, die verzaubert", ist für beide das Besondere an ihrem Schaffen. Wie Heinrich von Kleist schon in seinem Essay "Über das Marionettentheater" verdeutlicht, kann etwas nur dann anmutig gelingen, wenn das Bewusstsein vollkommen ausgeschaltet ist und nicht darüber nachgedacht wird. Für Stephan Schlafke gibt es solche Puppen, die "von ganz allein" spielen, bei denen er sein Bewusstsein ausschaltet, anmutig spielen kann und mit ihnen verschmilzt.

Das Gefühl, dass Puppenspieler und Puppe vollkommen verbunden sind, spürt man während der kompletten Vorstellung des Stückes. Über der schwarzen Kleidung, die dazu dient, im Hintergrund zu verschwinden, ist das Gesicht der Puppenspieler in manchen Szenen zu sehen. Jedoch gibt es keinen Moment, in dem der Zuschauer den Eindruck hat, dass die Puppen gespielt werden. Man hat stets das Gefühl, man sei in einer anderen Welt, in der die Puppen lebendig sind.

Um diesen Effekt hervorrufen zu können, ist es neben den Künsten des Puppenspielers unerlässlich, dass die Puppe richtig gebaut ist. Ohne ein fundiertes Grundwissen über die Anatomie des Menschen und dessen Gelenke kann aus keinem Stück Holz eine funktionstüchtige Marionette entstehen. Durch ein Bleigewicht im Bauch der Marionette wird zum Beispiel der Körperschwerpunkt festgelegt, wodurch auch die Bewegungsabläufe realer gestaltet werden können. In einigen Marionetten befindet sich das Bleigewicht auch im Hinterkopf. Dadurch kann der Kopf gezielter gesteuert werden.

Ebenso ist die Ausarbeitung der Gesichtszüge und der Hände wichtig, um eine möglichst echt wirkende Marionette zu kreieren. So werden Nasen und ausgestreckte Zeigefinger immer, proportional gesehen, viel größer gestaltet als der Rest. Da der Zuschauer die doch recht kleinen Marionetten nur aus der Entfernung sieht, können durch solch große Körperteile Bewegungen auch aus den hinteren Reihen erkannt werden. Die einzigartigen Marionetten werden nur auf Anfrage von professionellen Figurenbildnern hergestellt. Stephan Schafke und seine Frau spielen gerne mit den Puppen nach der Bauart des Engländers John Wright.

Auch die Tischtheaterfiguren, mit denen die letzte Szene in "Poesie der Theaterfiguren" gespielt wird, wurden auf Anfrage angefertigt. In diesem Auszug aus dem Stück "Linie 1", das 1986 in Berlin uraufgeführt wurde, wird die Geschichte einer jungen Ausreißerin erzählt, die in Berlin auf der Suche nach ihrem Märchenprinzen ist. Die Texte wurden von Volker Ludwig verfasst, und die Band "No ticket" beteiligte sich an der musikalischen Ausarbeitung des Stücks.

Eine Szene mit zwei jungen Männern stellen die Puppenspieler singend dar. In der Schlussszene sitzen alle Puppen auf ihren Plätzen in der U-Bahn. Der Scheinwerfer wird langsam wieder dunkler, bis das Licht ganz erlischt. Im selben Moment werden die Lichter im Zuschauerraum wieder eingeschaltet, und Stephan Schlafke erlebt den Moment, der ihn an seinem Beruf am meisten erfüllt: die von den Puppen verzauberten Gesichter der Zuschauer und der beginnende Applaus.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hauke Haien erwacht in Lübeck zum Leben
Autor
Daniela Schröder
Schule
Gymnasium Kenzingen , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2016, Nr. 248, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180