Ihre liebste Arbeit in den Reben ist das Herbsten

Winzers Fleiß und Sonnenschein, sind im Glase zu köstlichem Wein vereint." Dieser Spruch ziert ein altes Fass, das im Winzerhof der Familie Stiefel nicht zu übersehen ist. Es hängt an der Fassade des Wohnhauses, an das die große Maschinenhalle anschließt. Gegenüber befindet sich eine lauschige Weinlaube, darunter Tische, Bänke und ein massiver Backsteinofen. Zwischen der Halle und der Laube parken Traktoren. An einem ist eine Arbeitsmaschine angehängt, am anderen ein Planwagen, auf dem Feriengäste die Weinberge erkunden können und der mit einem Panoramafoto des Kaiserstühler Weinorts Ihringen bedruckt ist.

Der Hof wird von dem gelernten Winzer Markus Stiefel und seinem 72-jährigen Vater Horst geführt. Beide stehen in der Tradition ihrer Vorfahren und kennen Reben und Winzerleben seit ihrer Kindheit. Horst Stiefel musste als kleiner Junge viel Verantwortung im Weinberg übernehmen, da sein Vater im Zweiten Weltkrieg ein Bein verloren hatte und die Reben nur mit der Tatkraft seines Sohnes bewirtschaften konnte. Auch Horst Stiefel hat seinen Sohn früh an die Arbeit herangeführt, so hatte Markus bereits als Kind keinen anderen Wunsch, als einmal in die Fußstapfen des Vaters zu treten.

Neben den 11,5 Hektar Rebland bewirtschaftet Markus Stiefel fast genauso viel Ackerland, zudem hat er ein paar Obstplantagen für die Schnapsbrennerei und führt drei Ferienwohnungen. Sein Vater hilft ihm dabei, so gut er kann, und erledigt im Rebberg meist Maschinen- oder Handarbeiten. Blickt der rüstige und umtriebige Seniorchef zurück, so hat sich im Laufe seines Berufslebens am Kaiserstuhl viel verändert. Einschneidend sei die Flurbereinigung gewesen, durch die der Rebberg zugängiger gemacht wurde. Wo zuvor nur kleine Terrassen, Fußpfade und Hohlgassen waren, entstanden größere Rebstücke, die durch neue Wege auch für Traktoren erreichbar wurden. Größere und effizientere Maschinen konnten nun die Arbeit erleichtern. Dies habe zur Folge, sagt der Vollerwerbslandwirt Markus Stiefel, dass die Familie heute mehr als doppelt so viel Rebland bewirtschaften könne als vor 25 Jahren. Dieser Zuwachs sei notwendig geworden, damit der Weinbau in seinem landwirtschaftlichen Mischbetrieb rentabel bleiben könne. Das habe nichts daran geändert, dass die Traube und der Wein ihre Leidenschaft seien. Stolz listen sie die Rebsorten auf, die sie ausbauen. Dazu gehören die kaiserstuhltypischen Weinsorten Silvaner, Müller-Thurgau, Spät-, Grau- und Weißburgunder, Gewürztraminer und Riesling, aber auch exotischere Sorten wie Merlot, Acolon, Cabernet Dorsa und Chardonnay. Dass Horst Stiefel zu den Ersten gehörte, die nach der EU-Genehmigung Chardonnay am Kaiserstuhl anbauten, freut ihn besonders.

Die beiden Vollblutwinzer besitzen zwar einen eigenen Hof, aber kein eigenes Weingut, denn wie die meisten Winzer am Kaiserstuhl und in Südbaden haben sie sich mit anderen Winzern aus ihrem Ort zu einer Winzergenossenschaft (WG) zusammengeschlossen. Jeder Winzer bewirtschaftet seine eigenen Reben, jedoch werden alle Trauben an der Annahmestation der WG abgegeben, wo sie dann verarbeitet, vermarktet und verkauft werden. Die Ihringer WG wurde, so erinnert sich Horst Stiefel genau, aus einer Notgemeinschaft heraus gegründet. Als es im Jahr 1924 zu einem großen Herbst mit hohem Ertrag und zu geringer Abnahme kam, folgte ein Marktzusammenbruch. Die Notgemeinschaft mietete Keller an, um dort den Wein zu lagern und später zu verkaufen. Erst 1936 wurde der erste eigene Weinkeller gebaut. Heute zählt die WG Ihringen um die 600 Mitglieder, jedoch sinkt die Zahl, da der Nebenerwerb aufgrund des Generationswechsels abnehme, erklärt Horst Stiefel. Viele Rentner würden ihre Reben aufgeben und keine Nachfolger finden. Doch auch Bürokratie, teure Arbeitsgeräte, ein hoher Aufwand und mangelnde Rentabilität im Nebenerwerb würden viele Kleinwinzer zum Aufgeben zwingen.

Ihre liebste Arbeit in den Reben ist die Weinlese, das Herbsten, wie man am Kaiserstuhl sagt. Hier geht es noch traditionell zu: Morgens um acht Uhr trifft sich die Familie mit Verwandten, Kollegen und drei Erntehelfern in den Reben, dann werden die Trauben in Handlese geerntet. Mittags vespert man gemeinsam im Weinberg, und gegen 17 Uhr fährt Markus Stiefel die Trauben in Bottichen zur Annahme. Manchmal aber, wenn der Traubenvollernter kommt, kann der Tag auch schon um ein Uhr in der Früh losgehen. Der Traubenvollernter erntet, wie der Name sagt, die Trauben vollautomatisch. Markus Stiefel, selbst Vorstandsvorsitzender der Ihringer WG, kann diesen aber nur einsetzen, wenn er Qualitätswein herbstet, bei höherwertigeren Qualitätsstufen hingegen nicht. Für die höchste Qualitätsstufe, die Weinserie Uringa 962 (im Jahr 962 wurde der Ort Ihringen erstmals urkundlich als Uringa erwähnt), lassen die Winzer nur eine Traube am Trieb hängen, so dass dieser seine volle Energie in die eine Traube stecken kann. Horst Stiefel, der schon immer offen für Neues war, lacht, als er erzählt, wie seine Mutter reagierte, als er mit dem Ausdünnen des Rebstocks und dem Halbieren der Trauben anfing. "Dü bisch verruckt!", habe sie zu ihm gemeint. "Was dü uf dr Bode hausch, des kann ich nit ertrage! Ich gang nimmi mit dir mit."

Auf all ihren Kleinterrassen, die von der Flurbereinigung noch übrig geblieben sind, bauen die Stiefels solch besondere Weine an. Vor sechs Jahren waren es noch 60 Ar, heute nur noch 24, was der Merlotliebhaber Markus Stiefel bedauert. Aber auf den Kleinterrassen müsse er dreimal so viel Zeit investieren wie in Rebflächen, die er mit Maschinen befahren kann. Auch wenn der Wein zwar qualitativ hochwertig wäre, sei man rein wirtschaftlich an der Grenze, weshalb Stiefel die Arbeit in Kleinterrassen insgesamt als Naturpflege betrachtet, mit dem Anreiz, die Stücke nicht brach liegen zu lassen.

An den Jahrgang 2016 haben die Stiefels große Erwartungen. Zwar waren das Frühjahr und der Frühsommer viel zu nass, aber dank der trockenen und warmen Kaiserstühler Spätsommertage hätten die Trauben nochmals an Qualität zugelegt. Wie der für Horst Stiefel unvergessliche Jahrgang 1959 werde er aber sicher nicht, da in jenem Jahr der Ertrag durch die extreme Trockenheit zwar gering ausgefallen sei, aber die geherbsteten Trauben eine unglaublich hohe Qualität gehabt hätten.

Auch an den Jahrgang 2011 könne er nicht heranreichen. In diesem Sommer schien in Ihringen, dem wärmsten Ort Deutschlands, so viel die Sonne, dass die Trauben am Stock schon ausgetrocknet waren. So mussten sie in Holzkisten geherbstet und die einzelnen Beeren von Hand selektiert werden. Dabei halfen die gesamte Familie, Freunde und Kollegen. Zusammen saßen sie sechs Stunden in der Maschinenhalle und zupften. Das Ergebnis: 500 Liter Rotweinbeerenauslese. "Das war schon extrem viel Arbeit, aber wenn man dann so eine Flasche öffnet, weiß man einfach, was drinsteckt", sagt Markus Stiefel.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ihre liebste Arbeit in den Reben ist das Herbsten
Autor
David Striegel
Schule
Gymnasium , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2016, Nr. 254, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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