Thomas Manns Schreibtisch war ein Stück Heimat im Exil

Die in weißem Glanz erleuchtete Fassade des Buddenbrookhauses strahlt mit den blauen Augen von Verena Holthaus um die Wette. Die große, modisch gekleideten Frau mit kurzen braunen Haaren berichtet einer Besuchergruppe vor dem altehrwürdigen Haus in der Mengstraße 4 Anekdoten und Geschichten über die Familie Mann. "Mein Lebenselixier ist es, mir Wissen anzueignen und es zu vermitteln", sagt die junge Allgemeinmedizinerin aus Hamburg, die neben ihrer Arbeit als niedergelassene Ärztin in einer Gemeinschaftspraxis aus Leidenschaft Führungen durch das Buddenbrookhaus oder literarische Spaziergänge leitet. Die Leidenschaft für klassische Literatur und besonders Thomas Mann entwickelte sie in der Oberstufe, als sie von Goethes "Faust" begeistert war und auf Werke Manns stieß. Erstaunlicherweise folgte dem Abitur aber kein Studium der Germanistik, sondern ein abgeschlossenes BWL-Studium. Danach führte es die wissbegierige Frau nach Lübeck, wo sie Medizin studierte. Das Studium musste finanziert werden. So bemühte sie sich um eine Stelle im Buddenbrookhaus.

Der Museumsführerin, die in Abendkursen Kunstgeschichte studiert, ist es heutzutage uneingeschränkt möglich, sich Wissen anzueignen - für Katia Pringsheim war das vor etwas mehr als einem Jahrhundert ein großes Privileg. Packend erzählt Verena Holthaus im Erdgeschoss des Hauses, in dem sich die Dauerausstellung "Die Manns - eine Schriftstellerfamilie" befindet, dass es zur damaligen Zeit einem Mädchen in München nicht erlaubt war, das Gymnasium zu besuchen. Trotzdem wollte die spätere Gattin Thomas Manns lernen und schaffte es mit Hilfe ihrer liberalen Eltern, die dafür sorgten, dass sie mit ein paar Stunden Privatunterricht in der Woche als eine der ersten Frauen in München das Abitur ablegte. Aber das genügte Katia nicht, sie wollte wie ihre Brüder studieren, was ihr auch gelang. Sie studierte als eine der ersten Studentinnen Mathematik und Physik. Dass Katia Pringsheim sich durchsetzen konnte, temperamentvoll und willensstark war, veranschaulicht ein Erlebnis, das sie in der Straßenbahn hatte und das den zufällig in derselben Bahn fahrenden Thomas Mann für sie einnahm: Als ein Kontrolleur ihre Fahrkarte sehen wollte, wies sie ihn zuerst freundlich darauf hin, dass sie diese schon weggeworfen habe, da sie sowieso gerade aussteigen wolle. Der Schaffner wollte Katia dennoch nicht aussteigen lassen, aber sie entgegnete energisch und sprang wütend aus dem Waggon.

Im Buddenbrookhaus auf sich aufmerksam zu machen, war nicht leicht für Verena Holthaus. Anfangs war sie für den Museumsshop eingeteilt, was ihr zwar Spaß machte, aber lieber wollte sie Besucher führen. Diese Chance bot sich ihr, als eine unangemeldete Gruppe vor Ort war, jedoch kein Museumsbegleiter erreicht werden konnte. Sie ergriff die Initiative und überzeugte die damalige Museumsleitung. Seither ist es ihr ein Anliegen, "vielen die scheinbar verstaubt erscheinende und manchmal schwer zugängliche Literatur zu entstauben und zum Leben zu erwecken". Im Gegensatz zu Thomas Mann, aus dessen provokantem Titeltext für die Lübecker Schülerzeitung "Frühlingssturm" sie frei vorträgt und der darin "das würdige Lübeck. . ., bedeckt mit Staub" durchlüften und "in die Fülle von Gehirnverstaubtheit und Ignoranz und bornierten Philistertums" hineinfahren wollte, erntet sie weder Hohn noch Kritik, sondern gewinnt beim Entstauben die Zuhörer mühelos für sich.

Gleich, an welcher Ecke oder welchem Ort sie sich während eines literarischen Spaziergangs in Lübeck befindet, sie hat eine passende Textstelle aus den Werken der Manns parat oder es fallen ihr Anekdoten über die Schriftstellerfamilie ein. So auch vor dem Katharineum, auf das Thomas Mann ging und wo er heimlich für seinen Schulfreund Williram Timpe schwärmte. Eines Tages lieh dieser ihm einen Bleistift aus, den Mann spitzte, diese Schnitzel bewahrte er in einer Schublade seines Pultes auf. Der Bleistift findet sich in seinem Meisterwerk "Der Zauberberg" in zwei parallelen Szenen wieder: Nach einer ähnlichen Schulszene wird die homoerotische Neigung Manns, die er wahrscheinlich nie ausgelebt hat, in der zweiten Szene auf ein Erlebnis zwischen Mann und Frau übertragen, der Frau jedoch äußere Merkmale des Schulschwarms gegeben: Der Bleistift wird hier zum Verbindungselement zwischen Hans Castorp und Frau Chauchat.

In der Sonderausstellung "Fremde Heimat - Flucht und Exil der Familie Mann" verblüfft Holthaus ihre Zuhörer mit biographischen Erlebnissen der Familie. An manchen Stationen sind die Besucher gehalten, in Aktion zu treten und sich auf den Gedanken einer möglichen Flucht einzulassen: Was packt man in einen Koffer, was wird ins Exil mitgenommen? Thomas Mann hatte auf diese Frage eine konstante Antwort, ob in der Schweiz, den Vereinigten Staaten oder wieder in der Schweiz, er hatte immer seinen Münchener Schreibtisch und zwei Bücherschränke dabei, mit denen er ein Stück Heimat verband. Einst hatte er sogar Schreibhemmungen, da sein Schreibtisch aufgrund Verzögerungen beim Transport für einige Zeit nicht zur Verfügung stand.

Anders als sein Bruder Heinrich konnte Thomas schnell in den Vereinigten Staaten Fuß fassen. Agnes E. Meyer, Frau des Besitzers der "Washington Post", bewunderte und unterstützte ihn und verhalf ihm zu einer Gastprofessur in Princeton. Heinrich hatte dagegen generell Schwierigkeiten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nach einer dramatischen Flucht aus Frankreich nach Portugal lebte er in einfachen Verhältnissen und musste von Thomas finanziell unterstützt werden, da seine schriftstellerischen Bemühungen ebenso wie seine einjährige Tätigkeit als Drehbuchautor in Hollywood recht erfolglos waren.

Während der Führung demonstriert Verena Holthaus, dass Literatur häufig Werte und Wahrheiten zugrunde liegen, die unabhängig von der Zeit ihre Gültigkeit besitzen. So kommt die Diskussion über Manns Novelle "Mario und der Zauberer" auf, in der der Magier Cipolla die Massen verführt und dazu bringt, Dinge zu tun, die sie eigentlich so nicht wollten, wozu sich aktuelle Bezüge herstellen lassen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Thomas Manns Schreibtisch war ein Stück Heimat im Exil
Autor
Sophia Schmidt
Schule
Gymnasium , Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2016, Nr. 260, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180