Mit letzter Kraft gegen Wände

Ein warmes Bett, ein sicheres Zuhause, Arbeit und Freiheit, dies sind die Dinge, die sich Ben (Name geändert) immer gewünscht hat. Nun hat er es in Deutschland erreicht: Montags hilft er denjenigen im Café Asyl in Alzey, die noch nicht so gut in Deutschland angekommen sind. Der Afghane floh als kleiner Junge mit seiner Familie - Mutter, Vater, sieben Geschwister - vor den Taliban aus einem Dorf in der Provinz Ghowr nach Iran. "Dort dachten wir, dass wir sicher sind und ein neues Leben beginnen können, doch das war leider nicht der Fall", sagt der große, junge Mann mit schwarzen Haaren in einem Ton von Trauer. "Im Gegenteil, wir waren nicht frei und auch nicht sicher. Wir sind geduldet und sollten daher keine Ansprüche stellen. Wir durften nur schlechte Berufe ausführen, wie in der Mülltrennung. Dadurch wollen sie verhindern, dass wir den Iranern ihre Arbeit wegnehmen", erklärt er ernst. Afghanen dürfen nicht legal Auto fahren, werden sie erwischt, droht Gefängnis. Sogar Fahrradfahren ist ihnen verboten. "Selbst von Bildung wollten die Iraner uns fernhalten. Zum Glück konnten meine Eltern mir die Schule zehn Jahre lang bezahlen, bevor ich anfangen musste zu arbeiten." In Iran werden Afghanen unterdrückt, obwohl sie auch Schiiten sind.

Wie aus jeder afghanischen Familie in Iran hätte auch in seiner Familie ein Mitglied ausgewählt werden müssen, um in Syrien an der Seite von Assad-Truppen zu kämpfen. "Doch ich wollte nicht sterben. Deshalb fasste ich einen Entschluss: In einer günstigen Situation stahl ich mich davon." Er habe seine Familie zurücklassen müssen, ohne die Gewissheit, ob er sie je wiedersehen werde. "So fuhr ich mit einem Lkw mit 50 anderen Personen an die Grenze zur Türkei." Von dort gelangte er mit einem Schiff nach Griechenland. In einem Lkw versteckt, kam er nach Italien. Weil Sonntag war, ging die Reise nicht weiter. "Es war dunkel, wir bekamen immer schlechter Luft und wären fast gestorben, wenn wir nicht mit letzter Kraft gegen die Metallwände geschlagen hätten. Die Polizei erschien und befreite uns, jedoch wurden wir dann zurück nach Griechenland gebracht und kamen ins Gefängnis", berichtet er traurig. "Das Gefängnis war grausam. Wir waren in einem kleinen Raum ohne Fenster, ohne Licht. Eigentlich hätte ich viel länger im Gefängnis sitzen sollen, jedoch wurde ich krank und kam deshalb nach acht Monaten raus."

Von Griechenland flüchtete er nach Serbien, indem er sich unter einem Zug festhielt. Mehrere Nächte schlief er im Wald. Die serbische Polizei nahm ihm alle Wertsachen ab, auch um sich selbst zu bereichern. Über Ungarn gelangte er mit einem Lastwagen nach Deutschland. Hier durfte er mit einem Deutschkurs beginnen und lernte fleißig. Glücklicherweise machte er Bekanntschaft mit einer Deutschlehrerin, die ihn bei allen Problemen unterstützte.

Heute hat er im Café Asyl seinen Praktikumsvertrag abgegeben, der seiner Akte hinzugefügt wird. "Der Ansturm ist heute besonders groß, vielleicht, weil immer mehr Flüchtlinge nach Alzey kommen oder es mehr Probleme gibt", erklärt ein älterer Mitarbeiter. Seit Jahren verbringt er den Montag im Café Asyl, um zu helfen. Café Asyl besteht aus zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern und zwei hauptamtlichen. Außerdem helfen Flüchtlinge mit guten Deutschkenntnissen wie Ben. "Wir sind eine Beratungsstelle und helfen bei allen Problemen, die das tägliche Leben der Flüchtlinge erschweren", sagt der Rentner. "Wir gehen mit ihnen zum Arzt oder zu Ämtern, wenn es Probleme oder Missverständnisse gibt." Die Ehrenamtlichen fahren mit den Flüchtlingen nach Trier, um bei dem Interview dabei zu sein, das über das Bleiberecht entscheidet. Café Asyl wird von Spenden unterstützt, Träger sind die Diakonie, die Kreisverwaltung und die Evangelische Kirchengemeinde. "Wir sind hoffnungslos unterbesetzt und brauchen mehr Festangestellte", sagt der Rentner. Nachmittags verlässt Ben das Café. Er freut sich auf ein Praktikum bei einer internationalen Firma. "Geht alles gut, dann beginne ich dort meine Ausbildung." Er lächelt, als er das sagt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit letzter Kraft gegen Wände
Autor
Alexander Buzek
Schule
Gymnasium , Nieder-Olm
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2016, Nr. 260, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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