Über den Tod hinweg umarmen

Ich glaubte einmal, alle Deutschen wären allein durch ihr Deutschsein in einer gewissen Art verseucht. Ich glaubte einmal, meine Verachtung für die Deutschen wäre moralisch unangreifbar." Dieses drastische Bild von den Deutschen änderte Judith Naomi Levi auf ihrer ersten Deutschland-Reise 1998 schlagartig. Ihre Eltern waren deutsche Juden, die mit dreihunderttausend anderen aus Nazideutschland flüchteten, "bevor sich die Schlinge um ihren Hals vollständig zuzog", erzählt die amerikanische Buchautorin und Professorin für Linguistik, die vor ihrem Ruhestand an einer Universität in Chicago, Illinois, lehrte, ihren gut 50 Zuhörern, deren Blicke gebannt auf der charmanten Frau im schwarzen Hosenanzug ruhen.

Die zahlreichen Vorlesungen aus ihrem Buch "Reise der Versöhnung" hält die 1944 in New York City Geborene für gewöhnlich in größeren Städten. Doch an diesem milden Freitagabend ist sie extra in das Eifelstädtchen Mayen gekommen. Zu dieser Stadt hat sie eine besondere Beziehung, denn hier nahm das Leben der heute 72-Jährigen eine entscheidende Wendung, wie sie im Café CaTi des Mehrgenerationenhauses der hiesigen Caritas mit sichtlicher Aufregung und leichten Zittern in der Stimme erzählt: "Albert, mein Großvater väterlicherseits, war der einzige jüdische Lehrer in der Gemeinde hier in Mayen in dieser Zeit."

Albert Levi, der von 1879 bis 1941 lebte, war zwar formal nicht der Rabbiner der kleinen Gemeinde, die in der Region in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gut 90 Familien umfasste, er übernahm aber alle Aufgaben eines solchen und unterrichtete in nur einem einzigen Raum die gesamte achtjährige jüdische Volksschule. Ein "richtiger" Rabbiner war für die wenigen Gläubigen nicht zu finanzieren. Bewegt erzählt die sympathische Frau mit dem braunen, lockigen Haar von den traumatischen Erlebnissen ihrer Großeltern in dem heute so idyllischen Mayen. Judith Levis Vater emigrierte schon Ende der 1920er Jahre aus wirtschaftlichen Gründen in ihre heutige Heimat. Als das politische Klima in der Weimarer Republik sich noch weiter zu vergiften drohte, bot er Levis Großeltern Visa für die Vereinigten Staaten an. Ida, ihre Großmutter, und Albert lehnten dies ab. "Sie wollten ihren Kindern, von denen es alle bis 1937 in die USA schafften, finanziell nicht zur Last fallen und unterschätzten wie so viele andere auch Hitlers Boshaftigkeit."

Auch in Mayen wurde im Zuge der Reichspogromnacht am 9. November 1938 die Synagoge vor den Augen von Albert und Ida niedergebrannt. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Parkplatz. Lediglich eine kleine Gedenktafel erinnert an das Gotteshaus und Zentrum der jüdischen Gemeinde. "Schon bald nach dieser unsagbar traumatischen Nacht sicherten sich meine Großeltern endlich ihr lebensrettendes Visum und verließen am 17. Januar 1939 für immer das Land."

Judith Levi interessierte sich zunächst nur wenig für die deutsche Vergangenheit und die ihrer Großeltern väterlicherseits. "Meine Eltern haben mich nicht gelehrt, Deutschland zu hassen", sagt sie. Wie die meisten Gleichgesinnten boykottierten sie zwar deutsche Produkte, aber berichteten nur wenig von ihrer Zeit auf dem europäischen Kontinent. Außerdem lernte sie ihren Großvater Albert nie kennen. "Levi wollte nichts mit dem Land zu tun haben, das den Holocaust zu verantworten hatte, und wendete sich folglich zunächst ganz von diesem Thema ab."

Im Dezember 1997 besuchte sie ihre Cousine Chaggit in Israel, eine andere Enkelin des gemeinsamen Großvaters Albert. Die Lehrerin, die im Sommer mit einer Delegation nach Deutschland gefahren war, um den Holocaust an Schulen aufzuarbeiten, arbeitete an dem Bericht über diese Fahrt. Judith Levi, die diesen Bericht las, imponierte vor allem der letzte Passus des Dokuments. In diesem wird der alljährliche Schweigeweg in Mayen erwähnt, der noch heute unter Mitwirkung der Schülerschaften der hiesigen Schulen zum Gedenken an die Familien der jüdischen Gemeinde organisiert wird. Man geht an jedem 9. November zu den verschiedenen Orten, an denen einst das jüdische Leben in der Region pulsierte, gedenkt und betet. "Ich war zunächst von dieser Vorstellung, dass deutsche Christen dieser Verbrechen mit Gebeten und Kerzen gedenken, erstaunt, dann tief gerührt. Ich wollte das mit eigenen Augen sehen", sagt die resolut auftretende Frau. Chaggit, begeistert von der Idee, ihre Cousine auf deren erster Deutschland-Reise zu begleiten, willigte sofort ein. Sie planten ihre Reise für das darauffolgende Jahr zum Zeitpunkt dieses Gedenktags. Humorvoll berichtet Judith Levi davon, wie sie seit diesem Zeitpunkt völlig elektrisiert alte Dokumente, Bilder, Briefe und weitere Zeugnisse ihrer deutschen Vorfahren durchwühlte und sich zum ersten Mal intensiv mit diesen auseinandersetzte.

In Deutschland angekommen, konnten sie beruflich bedingt nur drei Tage in Mayen bleiben. Ihr wurde aber klar, dass die Deutschen nicht alle Antisemiten oder Verbrecher sind, sondern ganz normale, liebenswürdige Leute. Sie besuchte auch die ehemalige jüdische Schule, südöstlich des Marktplatzes. In diesem Gebäude, das eine Gedenktafel ziert, lebte ihre Familie und unterrichtete Albert Levi. Für sie war es ein kostbarer Moment, an diesen Ort zurückzukehren. Gerührt berichtet sie, wie emotional dieser Augenblick für sie war und sie dort zum ersten Mal in Tränen ausbrach. "Ich sagte immer wieder, dass ich zurückgekehrt sei. Es fühlte sich so an, als würde ich in meine Heimat zurückkehren, die mir so lange Zeit verwehrt geblieben ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich durch die Berührung der Eingangstür meine Vorfahren über Tod und Zeit hinweg umarmen konnte."

Dieses Erlebnis ihrer ersten von dreizehn Deutschland-Reisen hat ihre Einstellung grundlegend geändert: Seither, beeindruckt von der Aufarbeitung ihrer Geschichte durch die Deutschen, treibt Judith Levi, die 2015 das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, die deutsch-jüdischen Beziehungen voran. Sie wirbt für historische Aufarbeitung, die sie sich auch von anderen Ländern wünscht, und warnt vor der pauschalen Verurteilung historischer Erben. Judith Levi hat sich mit den Deutschen versöhnt. Über ihre Geschichte und den eigenen Wandel hat sie das Buch und einen Essay mit dem Titel "Blumen auf einem Feld von Asche" geschrieben. Auf der Asche, die die Nazi-Verbrechen hinterlassen haben, ist etwas Neues, Hoffnungsvolles gewachsen, was Judith Levi mit aller Tatkraft weiterpflegen wird: die deutsch-jüdische Freundschaft.

Informationen zum Beitrag

Titel
Über den Tod hinweg umarmen
Autor
Damian Krämer
Schule
Megina-Gymnasium , Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2016, Nr. 260, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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