Im Dachstudio kommt jeder unters Messer

Fernando erklimmt hechelnd und erschöpft die Stufen der langen, hölzernen Treppe, die zum Hundefriseursalon von Elena Malizki führt. Die Treppe mündet in einen sich noch im Rohbau befindenden Raum. Es steigt ein Geruch von frischem Holz in die Nase, und auf dem Boden sind Sägespäne verteilt. Durch eine Tür gelangt man in den Salon. Es ist stickig in dem kleinen Raum, dessen Wände mit einer pink-schwarz gestreiften Tapete verziert sind. Dort hängen Hundebilder, und der Spruch "Natürlich kann man ohne Hunde leben, es lohnt sich aber nicht" schmückt ein Wandtattoo.

Nachdem sie sich ihre gelbe, mit Hundebildern bedruckte Schürze umgelegt hat, hebt Elena Malizki den kleinen Hund auf ihren Schneidetisch. Fernando erschrickt, als das Surren der Haarschneidemaschine ertönt, sodass sie den kleinen Chihuahua-Rüden mit festem Griff halten muss. Die ersten Haare fallen zu Boden, und schon jetzt muss Elena Malizki den Kleinen mit Leckerlis bei Laune halten. Sie hält einen kurzen Moment inne, um in die blaue Box zu greifen, nimmt eine Handvoll heraus. Sie beginnt mit dem Rücken. Reihe für Reihe bearbeitet die junge Frau das schwarz-weiße Fell des Hundes. Noch immer hört man das leise Hecheln und Radiomusik. Die Frau arbeitet konzentriert: "Bei so einem Kleinen braucht man meistens sogar länger als bei den Großen, weil man da auf so viele Feinheiten achten muss." Sie betreibt ihren Salon seit sechs Jahren auf dem Dachboden ihres restaurierten Bauernhofs in Leibolz, einem Ortsteil der Gemeinde Eiterfeld in Osthessen. Sie ist im Umkreis eine der wenigen, die diesem Beruf nachgeht, den sie ganz zufällig entdeckt hat. "Als ich damals noch gekellnert habe, hat ein Mann seinem Kollegen erzählt, dass er nebenberuflich Hunde frisiert. Das fand ich ganz toll", erinnert sich Elena Malizki.

Der 14-jährige Hund legt sich erschöpft zu Boden und hofft darauf, sich endlich ausruhen zu können. Gegen seinen Willen setzt ihn Elena wieder auf, um sich um seine Beinchen zu kümmern. Die empfindlichen Stellen, die teilweise in Falten gelegt sind, müssen entweder glattgestrichen und unter Spannung gehalten werden oder direkt mit einer Schere geschnitten werden. Normalerweise müssen Langhaar-Chihuahuas nicht ihr Fell entfernt bekommen, jedoch habe der unter Herzproblemen leidende Rüde keine andere Wahl. "Wenn wir ihm nicht, vor allem im Sommer, das Fell scheren würden, dann würde sein Herz nur noch mehr darunter leiden, und es könnte durch die Hitze versagen", erklärt die Frau mit einem mitleidigen Blick zu dem erschöpften Tier.

Eine Ausbildung zum Hundefriseur gibt es in Deutschland nicht, obwohl normalerweise jedes Handwerk genehmigungspflichtig ist. Doch kann bislang jeder dieses Handwerk ausüben. In der Schweiz allerdings unterliegt der Beruf des sogenannten Hunde-Coiffeurs einer Grundausbildung, die häufig während der Ausbildung zum Tierpfleger durchgeführt wird. Trotzdem ist dies natürlich auch für Quereinsteiger wie Elena Malizki möglich. "Ich war damals für mehrere Wochen in Österreich und habe dort in einem Studio als Lehrling den Profis über die Schulter gesehen", sagt sie mit Blick auf ihr eingerahmtes Zertifikat an der Wand. Später habe sie im Tierheim öfters an den Hunden das Schneiden und Trimmen geübt. Seitdem sie ihren Salon besitzt, ist sie gefragt. Unter der Woche beginnt sie nach ihrer Arbeit als Fremdsprachensekretärin in einem Unternehmen für Maschinen und Anlagenbau. Samstags kann es vorkommen, dass sie den ganzen Tag mit den Hunden verbringt.

Elena Malizki hebt den Rüden von dem hüfthohen Schneidetisch. Der Kleine läuft wild durch den Raum und betrachtet hechelnd seine über den Boden verteilte Haarpracht. Die Hundefriseurin geht in das angrenzende Bad, um Fernando zu duschen, der ihr schon aufgeregt hinterherläuft. Der Chihuahua hüpft mit einem Satz in die Dusche, Elena Malizki stellt das Wasser an. Nachdem sie ihn mit Hunde-Shampoo eingeschäumt und das wieder ausgespült hat, rubbelt sie ihn mit einem Handtuch trocken. "Ich würde sagen, dass der Kleine jetzt noch in den Garten geht, da kann sein Fell besser trocknen." Die 29-Jährige trägt den Hund die steile Treppe, die in die Garage führt, herunter. Sie öffnet die Tür zum großen Garten, der, von Holzzäunen umgeben, an einer lauten Straße liegt. Der Rüde, erschöpft von den Strapazen, legt sich müde ins Gras. "Gleich kommt schon der Nächste. Das wird wieder ein Spaß, weil der mich ganz und gar nicht leiden kann", sagt die Frau, während sie sich eine Zigarette anzündet. Lautes Hupen ertönt, sodass der Chihuahua vollkommen erschrocken aufspringt. Ein Mann von großer Statur steigt aus dem silbernen Van, der inmitten des Hofes parkt, und nimmt den sich freuenden Fernando in Empfang, der mit dem Schwanz wackelnd auf sein Herrchen zuläuft.

Kurz darauf kündigt sich der nächste Kunde an. Henry läuft geduckt hinter seiner Besitzerin in das Studio. Schon ein Blick reicht ihm, um zu wissen, was wohl gleich passieren wird. Nur schwer gelingt es der Frau, den Havaneser auf den Schneidetisch zu heben. Bei jedem Handgriff, den Elena Malizki macht, wehrt sich der Hund. "Hier gibt es zwar keine durch das Gesetz geregelten Auflagen, seinem Hund die Haare zu schneiden wie in der Schweiz, aber man tut den Hunden wirklich einen Gefallen." Hundehalter in der Schweiz seien dazu verpflichtet, ihre Tiere zum Coiffeur zu geben, da sie sonst das Risiko eingehen, eine Anzeige zu bekommen. Zudem müsse jeder Hund in der Schweiz ordentlich erzogen sein, da auch dies zur Anzeige gebracht werden könnte.

Die Hitze im Raum wird immer unerträglicher. Henry beginnt immer stärker zu hecheln. "Es ist schon sehr warm hier, aber das kommt bei ihm am meisten daher, dass er purem mentalen Stress ausgesetzt ist", sagt Elena Malizki und krempelt ihre Ärmel hoch. Sie liebe Hunde, jedoch auch Tiere im Allgemeinen. "Früher wollte ich immer Tierarzthelferin werden, jedoch habe ich mich dann dagegen entschieden." So ließ sie sich noch zur Tierphysiotherapeutin ausbilden. "Ganz auf Tierkontakt konnte ich natürlich nicht verzichten", fügt sie hinzu.

Informationen zum Beitrag

Titel
Im Dachstudio kommt jeder unters Messer
Autor
Fee Schabel
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2016, Nr. 266, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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