Joline hat nur einen Tag Schule

Hohe Zäune umschließen die Anlage. Das Eisentor quietscht leise, als es geöffnet wird und Joline Kramm den Platz betritt. Obwohl die Sonne scheint, ist es kühl. Von der nahegelegenen Schule ist Stimmengewirr zu hören, doch es ist niemand zu sehen. Am Freitagmorgen kurz vor neun sind die Anlagen des Tennisclubs Eichenzell wie leergefegt. Während andere in der Schule sitzen, läuft Joline Runden um den Tennisplatz. Die 14-Jährige trägt eine weiße Kappe, die leuchtend rote Jacke liegt eng an, und ihr dicker, brauner Zopf wippt bei jedem Schritt. Joggen, Seitgalopp, wieder joggen, routiniert macht sie sich warm, denn gleich wird ihr Trainer kommen.

Ihre Trainingseinheiten beginnen für Joline nach dem Aufwärmen zunächst mit einem kurzen Einspielen. Patrick Seifert ist inzwischen eingetroffen. Auf seiner weißen Weste prangt in Grün der Name des Vereins. Der junge Trainer kommentiert, lacht und unterhält sich mit seiner Schülerin. Währenddessen wirft er ihr neongelbe Tennisbälle zu, die sie mit konzentriertem Blick zurückschlägt. Jedes Mal, wenn ein Ball am Boden aufkommt, ist ein Ploppen zu hören. Trifft er auf den hohen Metallzaun, der den Platz umgibt, klirrt es. Nach dem Einspielen folgen Eins-gegen-eins-Spiele und Übungen zur Präzision weiterer Schläge. Joline fixiert jeden Ball, ihre Schläge sind schwungvoll. "Heute ist sie wirklich gut", lobt Patrick in einer der kurzen Pausen. Auch in diesen Minuten muss sich das Mädchen konzentrieren. Der Trainer erteilt weitere Ratschläge: "Locker bleiben!", "Schlag von unten!".

Tennistraining statt Schule, das ist für Joline Alltag. Seit diesem Schulhalbjahr besucht sie die Sportklasse des Kurpfalzgymnasiums Mannheim. "Eigentlich eine ganz normale Realschule mit Gymnasium", erklärt sie. Aber die ehrgeizige Jungsportlerin nimmt keineswegs am gewöhnlichen Unterricht teil, sondern besucht die Sportklasse des Gymnasiums. Dieses Konzept erlaubt es den knapp 20 Schülerinnen und Schülern der Klasse 8b, die Schule nur einmal wöchentlich zu besuchen, obwohl sie die gleichen Fächer belegen und Leistungsnachweise erbringen müssen wie alle Gymnasiasten. Für Joline bedeutet das, jeden Dienstag mit dem Zug nach Mannheim zu fahren. Dort schreibt sie Arbeiten oder trifft sich mit ihren Lehrern. Jede Schülerin und jeder Schüler der Sportklasse haben eine eigene Lehrkraft, mit der sie über soziale Medien wie Skype und Whatsapp in ständigem Kontakt stehen. Auf diese Weise werden inhaltliche Fragen geklärt und Lernmaterialien übermittelt. Beibringen müssen sie sich den Stoff selbst. Hierfür nutzt Joline meist die Abende, tagsüber hat sie vier- bis fünfmal in der Woche Tennis-, Kraft- und Ausdauertraining. So muss sie beispielsweise, sofern sie samstags kein Spiel hat, freitags zehn Kilometer laufen. Obwohl sie angesichts ihrer enormen sportlichen Aktivität nicht täglich lernt, beträgt ihr Notendurchschnitt 1,3.

An jedem Wochentag besuchen etwa drei Schüler der Sportklasse die Schule. Diesen jeweiligen Tag können sie sich frei wählen. Damit haben sie die Möglichkeit, ihren Alltag ganz auf die Trainingseinheiten auszurichten. Denn trotz ihres jungen Alters führen diese Jugendlichen schon ein Leben als Tennisleistungssportler, um eines Tages in den Profisport einzusteigen. Das gilt auch für Joline. Wimbledon ist eins ihrer großen Ziele. An den Wochenenden nimmt sie an Turnieren teil, ihre Ernährung ist an ein Leben als Berufssportlerin angepasst. "So wenig Zucker wie möglich", sagt ihre Mutter Dagmar Kramm. Das bedeutet möglichst nichts Süßes. An Stelle dessen steht eine ausgewogene Ernährung mit vielen Proteinen.

Dass neben dem Training wenig freie Zeit bleibt, stört Joline nicht. "Tennis ist für mich wie Freizeit", sagt sie. Durch ein Probetraining des Sportvereins Neuhof in der Grundschule Comeniusschule fand die Kalbacherin ihren Weg zum Tennis. Im Alter von 13 Jahren war sie auf der Ebene der U12 Bezirksmeisterin. Inzwischen spielt sie mitunter im Deutschen Ranglistenturnier. Wie viele Berufssportler wird auch Joline von Sponsoren unterstützt. In Turnieren spielt sie zum Beispiel mit Tennishosen oder -jacken von Jako. Auch heute steht ein Fototermin an. Die Bilder sind für Zeitungsberichte. Als Fotografin Christine Görlich den Tennisplatz betritt, ist das Mädchen schon bereit. Gekonnt locker nimmt sie ihre Position am Rand des Tennisfeldes ein. Den Schläger hält sie lässig in der Hand, eine Tasche steht leicht schräg zu ihren Füßen. Görlich betrachtet gewohnt kritisch die Szenerie. Ihre braunen Locken hat die Fotografin zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie achtet besonders darauf, dass Markennamen leicht zu erkennen sind und dass Joline selbst gut zur Geltung kommt, immerhin präsentiert sich die Jungsportlerin auf diese Weise vor allem selbst.

Nach Fotoshooting und Training geht es für Joline keineswegs nach Hause. Zuerst muss sie noch zum "Zentrum Mensch", einer Praxis für Physiotherapie und Krankengymnastik des Therapeuten Michael Franz in Eichenzell. Hier absolviert sie eine Elektrotherapie wegen einer Entzündung an der Schulter. Zusätzlich bekommt sie eine Ultraschalltherapie, um die biologische Zellregeneration der angegriffenen Schulter anzuregen. Joline wird von ihrem Trainer zur Praxis gefahren. Auf diese Weise unterstützt der 33-Jährige die sportliche Karriere seiner Schülerin zusätzlich. Im Hintergrund läuft leise Popmusik. Die Praxis ist modern eingerichtet, die dunklen Holzböden passen farblich zu den roten und metallisch grauen Instrumenten und Sportgeräten. Joline betritt einen durch Vorhänge abgetrennten Bereich. Mit Hilfe von Aufklebern befestigt eine Mitarbeiterin rote und gelbe Kabel an ihrer Schulter, während Joline es sich auf einer Liege möglichst bequem macht. Die Elektrotherapie ist weder schmerzhaft noch anstrengend, dauert jedoch etwa 40 Minuten. Im Anschluss daran führt Joline selbständig ihre Ultraschalltherapie durch. Auf einer roten Isomatte sitzend, trägt sie ein süßlich riechendes Gel auf, dann fährt sie mit dem Ultraschallgerät über ihren Arm.

Als die Therapien beendet sind, wird die Sportlerin von ihrer Mutter abgeholt. Wie der Rest der Familie steht Dagmar Kramm hinter der Karriere ihrer Tochter. Die Risiken einer solchen Laufbahn sind für sie allgegenwärtig. Durch Verletzungen oder Unfälle könnte ihr ein abruptes Ende gesetzt werden. Zudem muss die Familie die Kosten für Zugfahrten und für die Privatschule selbst tragen, doch all das ist es ihnen wert. Zwar wird der Leistungsdruck permanent größer, aber Joline wird auf ihre schulische Bildung zurückgreifen können, sollte sie den Weg des Leistungssports einmal verlassen. Im Moment sieht es nicht danach aus. Joline genießt ihr Leben. Die vielen Trainingseinheiten empfindet sie nicht als Belastung, im Gegenteil. "Sie sind das Beste", sagt sie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Joline hat nur einen Tag Schule
Autor
Maja-Lina Lauer
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2016, Nr. 272, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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