In Wartestellung, bis die perfekte Welle anrollt

Ihr müsst surfen wie eine Katze, nicht wie ein Elefant", erklärt Daniel. Er steht mit breitem Lächeln vor seinen neugierigen und leicht verschlafenen Surfschülern. Als der Comic zum Katze-Elefant-Vergleich auf dem Flachbildschirm an der Wand erscheint, lachen alle. Die Müdigkeit ist wie weggespült. Der Raum ist vollgestellt mit Surfbrettern. Auf einer hölzernen Theke stehen geschnitzte Mini-Surfbretter und Halsketten aus Muscheln vom nahe gelegenen Strand zum Verkauf. Daniel Alcock ist Waliser und hat vor neun Jahren auf Gran Canaria am Rande der Sanddünen von Maspalomas eine Surfschule gegründet. Er sieht aus wie ein Bilderbuch-Surfer: braun gebrannt, sonnengebleichtes Haar und bestens gelaunt.

"Das Schwierigste beim Surfen ist, die Welle richtig zu erwischen. Danach steht man nur noch auf und gleitet auf ihr", sagt Annika, Daniels Frau. Sie ist vor zehn Jahren aus Deutschland nach Gran Canaria gekommen und leitet mit ihrem Mann die Surfschule. Auch ihr sieht man das Surferleben an: Lächeln in den Augen und von der Sonne aufgehelltes Haar. Zum guten Surfen gehöre aber noch einiges mehr, sagt sie. Besonders der Aufstieg auf das Brett und das Stehen müssten zuvor an Land geübt werden. Sobald es ins Wasser geht, fallen die meisten trotzdem zuerst vom Brett. "Viele Anfänger machen den Fehler, dass sie alles gleich zu schnell und zu gut machen wollen", erklärt sie.

Das gewöhnlich als Surfen bezeichnete Wellenreiten ist vermutlich mehrere tausend Jahre alt. Es stammt aus Ozeanien und war dort ein wichtiger Bestandteil der Kultur vieler Völker. Im 19. Jahrhundert wurde das Surfen von christlichen Missionaren als heidnischer Brauch verboten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Sport mit dem ersten Surfclub Hawaiis wiederbelebt.

Auf Gran Canaria kam das Surfen in den siebziger Jahren auf. Der Argentinier Carlos Sollazzo entdeckte in der Insel ein Surfparadies und gründete dort einen Surfshop. Bald hatte sich das Surfen zu einer Nationalsportart entwickelt. Annika bezeichnet Gran Canaria als Hawaii des Atlantiks. "Die Insel ist wie Hawaii rund und kann dadurch Wellen von allen Seiten auffangen. Die Surfbedingungen sind hier nicht schlechter als auf Hawaii. An manchen Tagen können sie sogar besser sein." Trotzdem muss man wissen, an welchen Stellen man gut surfen kann. Das hängt vom Untergrund, von der Richtung der Wellen und vom Wind ab. Laien glauben, mehr Wind bedeutet mehr gute Wellen zum Surfen. Tatsächlich ist es aber viel besser, wenn der Wind am Strand möglichst schwach ist. Denn Surfwellen entstehen weiter draußen auf dem Ozean und können Strecken von mehreren tausend Kilometern zurücklegen. Stürmt es im Nordatlantik, hat man einige Tage später auf Gran Canaria große Surfwellen. Wenn aber am Strand ein starker Wind weht, kann aus den gleichmäßigen, langen, schön nacheinander anrollenden Wellen ein zum Surfen völlig ungeeignetes Durcheinander werden.

Am Strand machen die Schüler den Fehler und versuchen jede Welle zu erwischen. In der Nähe sitzt ein offenbar erfahrener Surfer dagegen lange auf seinem Brett und wartet. Plötzlich wendet er sein Board Richtung Strand, schwimmt los, springt, sobald die Welle ihn erfasst hat, auf sein Brett und surft die Welle. Wie alle geübten Surfer gibt er sich nicht mit der erstbesten Welle zufrieden, weil er sonst die nächste, vielleicht perfekte Welle verpasst. "Am Ende hängt es immer von einem selbst ab, wie gut man die Welle surft", erklärt Annika. "Die Welle kann noch so perfekt geformt sein, aber wenn man sie nicht perfekt surft, dann war sie auch nicht perfekt."

Ein gefährlicher Sport ist das nicht. Im schlimmsten Fall fällt das Brett auf den Kopf, oder man schneidet sich an einer Kante. Zu ernsthaften Verletzungen führt das nicht. Ganz anders ist es, wenn es Felsen oder Riffe unter Wasser gibt. Sie erzeugen oft besonders steile Wellen. Stürzt man auf so einer Welle, kann es leicht passieren, dass der Sog einen über den harten, scharfen Grund zieht. Schwere Schürf- und Schnittwunden sind die Folge. Surflehrer Daniel kennt die Gefahr. Er ist in der Nähe der rauhen, felsigen Küsten von Wales aufgewachsen. Als Jugendlicher sah er dort das erste Mal in seinem Leben einen Surfer. Von diesem Moment an wollte er nur noch eines: Surfen. "Fast ein Jahr habe ich ohne Lehrer gebraucht, das zu lernen, was wir den Surfschülern in drei Tagen beibringen." Das Surfen fasziniert ihn bis heute. "Es hat für mich etwas Mystisches."

Informationen zum Beitrag

Titel
In Wartestellung, bis die perfekte Welle anrollt
Autor
Sven Lüpke
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2016, Nr. 272, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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