Sich für die Schule verbiegen

Ein Schüler drückt sich kunstvoll in den Handstand hoch, ein anderer macht einen Seitspagat und legt den Rücken flach auf den Boden. Ein Mädchen macht einen langsamen Handstützüberschlag, einen Bogengang. Eine andere Schülerin schlägt Räder, erst rechts, dann links, sie benutzt nur eine Hand und beendet ihre Übung mit einem Flickflack. Ein Schüler läuft im Handstand Stufen hinauf und wieder herunter. Dass man die Zirkusluft riechen kann, liegt nicht nur an den grazilen Bewegungen der schlanken, muskulösen Artistenschüler, sondern auch daran, dass nicht in einer Sporthalle trainiert wird, sondern im 365 Quadratmeter großen Haus des CircArtive auf dem Rappenhof in Gschwend, 60 Kilometer nordöstlich von Stuttgart. Man spürt die Begeisterung, mit der die zwölf Schüler der ersten Artistenschule Süddeutschlands, die im Februar 2015 eröffnet wurde, bei der Sache sind.

Der artistische Handstand stellt für die neuen Schüler eine Herausforderung dar: Das langsame Hochziehen der Beine an der Seite in den Handstand ist schwierig und bedarf extrem viel Übung. Als der Trainer dann noch aus dem Handstand seine bis in die Zehen gestreckte Beine langsam waagrecht nach hinten absenkt, bis sein Körper wie ein Tisch und seine Arme wie die Tischbeine aussehen, denkt man nicht mehr an menschliches Können, sondern an Magie. Es ist beeindruckend, mit welcher Hingabe und Ausdauer die Schüler die Übungen immer wieder aufs Neue versuchen. Sobald es nicht so funktioniert, wie es sein soll, beginnen sie mit scheinbar unendlicher Geduld wieder von vorne und machen die Übung so lange, bis sie gelingt. Auch bei den Fortgeschrittenen hat der Trainer am artistischen Handstand etwas auszusetzen, obwohl er für einen Laien perfekt aussieht. "Du musst dein rechtes Bein höher heben und deinen Rücken noch mehr durchstrecken!" Auf die Frage, wie sie mit so viel Kritik zurechtkommt, antwortet Stella Kuhn: "Uns stören die Tipps der Trainer nicht. Im Gegenteil, wir sind sogar dankbar dafür, denn nur so kann die Ausführung der Übung immer weiter perfektioniert und können wir immer besser werden." Stella sitzt während des Gesprächs nicht still, sondern ist mit Spagat- und anderen Dehnungsübungen beschäftigt. Die durchtrainierte 15-Jährige kommt aus Würzburg und war dort früh im Kinder- und Jugendzirkus aktiv. Nun macht sie hier die dreijährige Ausbildung zur Artistin.

Schulleiter Sven Alb erläutert, dass sie gerade solche Schüler wie Stella suchen, die Freude haben, ihren Körper zu bewegen. Vor der Eröffnung des CircArtive gab es in Deutschland nur zwei Artistenschulen in Berlin. Nachdem dies von Teilnehmern der Kinder- und Jugendzirkusse mehrfach gewünscht wurde, hat man nun auch in Baden-Württemberg die Möglichkeit, eine einjährige Berufsfachschule für Zirkus-Trainer und danach eine dreijährige Berufsfachschule für Artisten zu absolvieren. Die Ausbildung zum Zirkustrainer dauert ein Jahr, da man nur die Grundlagen einer Disziplin lernen muss. Um Artist werden zu können, muss man drei Disziplinen perfekt beherrschen. Die mehr als 20-jährige Erfahrung, die man an diesem Standort mit einem Kinder- und Jugendzirkus gesammelt hat, bildet eine solide Basis. Sven Alb betont, dass die Zirkusarbeit weit über die Vermittlung von artistischen Disziplinen wie Jonglage, Akrobatik, Luftartistik und Äquilibristik, die Kunst des Gleichgewichts, hinausgeht. Die Philosophie dieser Schule sei, die jungen Menschen dazu anzuhalten, eigene kreative Kunststücke zu entwickeln. Dies soll durch die Einbindung von darstellenden Künsten wie Tanz, Theater und Rhythmus ermöglicht werden. Bereits während der Ausbildung präsentieren die Schüler bei Auftritten ihre selbst entwickelten Darbietungen. Drei Schülerinnen des zweiten Schuljahrs reisten dieses Jahr für Auftritte nach Indien. Geplant sind Gastauftritte in den Vereinigten Staaten und in Kenia. Ein Anliegen ist es Alb, dass der Zirkus ernster genommen und aus dem "Schmuddelmilieu" herausgezogen wird. Der Sozialpädagoge möchte dazu beitragen, dass der Zirkus genauso viel Anerkennung findet wie Ballett oder Theater. An dem jährlichen Bewerbungswochenende werden die Schüler ausgewählt, die an der vom Regierungspräsidium Stuttgart anerkannten privaten Berufsfachschule ihre Ausbildung absolvieren dürfen. "In dieser Audition werden anhand verschiedener Aufgaben drei Voraussetzungen abgefragt. Diese sind zum einen die Freude, sich mit dem Körper zu bewegen, und zum anderen sowohl Disziplin als auch Selbstorganisation", sagt Alb. Die Schüler kommen in der Regel nicht aus Artistenfamilien, sondern vom Kinderzirkus oder vom Turnen. Die Trainer für die einzelnen Disziplinen reisen aus europäischen Hochschulen für Artistik an, aus Spanien, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden. Jede Woche steht eine andere Disziplin auf dem Programm. Auch die Trainer genießen diese Woche auf dem Rappenhof. Das Team besteht aus 15 Lehrern und einer Physiotherapeutin. Der Unterricht findet hauptsächlich auf Englisch statt.

Nach Abschluss der ein- und dreijährigen Berufsfachschule müssen die Schüler eine Prüfung ablegen: Sie besteht aus einer technischen und einer darstellenden Aufgabe in ihrer ausgewählten Disziplin, bei der sie eine dreißigminütige Choreographie präsentieren, die vorgegebene Pflichtteile enthalten muss. Training ist fünf Mal in der Woche bis zu jeweils drei Stunden. Vormittags besuchen die Schüler die allgemeinbildenden Schulen in der Umgebung. An den Wochenenden können sie Familie und Freunde besuchen. Manche Schüler bleiben lieber auf dem Rappenhof, mitten im Naturpark Schwäbische Wald. Auf dem Hof leben neben zehn Islandpferden auch Alpakas, Ziegen, Hühner und Schweine.

Das Training geht auch in den Ferien weiter. Die Kosten für die Artistenschule belaufen sich auf 1000 Euro im Monat, hierhin sind Verpflegung, Haftpflichtversicherung, die Beförderung zur Schule, pädagogische Betreuung, Internetzugang und das gemeinsame Freizeitprogramm enthalten. Neben der Finanzierung über Schüler-Bafög und Kindergeld besteht die Möglichkeit der Unterstützung durch persönliche Paten. Mit dem erlernten Können kann man in Varietés oder bei einem Zirkus eine Anstellung finden. Wer weitermachen möchte, ist für eine Hochschule für Artistik gut vorbereitet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Sich für die Schule verbiegen
Autor
Alina Domhan
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2016, Nr. 272, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180