Mit Geige, Bass und Schwyzerörgeli

Es ist laut. Man hört Gelächter, klirrende Gläser und lebhafte Gespräche. Doch vor allem hört man eines: Musik. Im kleinen Restaurant Frohberg in Stäfa am rechten Zürichseeufer findet monatlich die Stubete statt, in Deutschland auch als Musikantenstammtisch bekannt. Die Stubete ist ein fröhlicher Anlass für Musikfreunde. Einen Abend lang bis spät in die Nacht spielen Musikgruppen abwechslungsweise ihre Stücke. Jeder, der Lust und Zeit hat, ist herzlich eingeladen zu einem Abendessen, begleitet von guter Stimmung und Ländler-Musik. Eintritt bezahlt man keinen, das Trinkgeld für den Service fällt aber bei den meisten etwas höher aus.

Um Viertel vor acht starten die Organisatoren. Sie nennen sich die Chüeweid-Örgeler. Sie eröffnen den Abend und haben dafür gesorgt, dass genug Musiker anwesend sind. Werbung braucht es nicht viel, das Lokal ist an jeder Stubete bereits vor Beginn bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Musikanten spielen einige Volksmusikstücke; diese können einstudiert sein, aber auch Improvisationen gehören dazu.

Als der erste Ton erklingt, sind nicht alle Leute still. Trotzdem applaudieren sie den Musikern nach jedem Stück. Ein Auftritt dauert rund 15 Minuten, danach darf die nächste Formation ihr Können zeigen. Im Laufe des Abends spielen alle mehrmals. Als Gage gibt es für gewöhnlich einen Gutschein für das Restaurant, gespendet vom Wirt. Die Zuhörer trinken meist etwas Wein oder auch ein Bier. Die einen essen eine große Portion Zürcher Geschnetzeltes, die anderen gönnen sich Bologneser Nudeln.

Ein Mann, der jeden Monat an der Stubete anzutreffen ist und diese auch mitorganisiert, ist Jean-Pierre Eyer. Der 72-Jährige macht gern mit anderen Leuten Musik, besonders auch mit Leuten, die er nicht gut kennt. "Mit anderen zu spielen ist eine Herausforderung, es macht die Sache spannender." Wenn er mit dem Kontrabass nach vorn geht, ist er weder nervös noch aufgeregt. Er hat viel Erfahrung, Jean-Pierre Eyer spielte auch schon am eidgenössischen Volksmusikfest. Der zweifache Vater und fünffache Großvater ist spontan, hat eine Gruppe mal keinen Bass, hilft er gern aus und improvisiert nach Gehör.

Jean-Pierre Eyer trägt an der Stubete sein weißes Hemd der "Chüeweid-Örgeler", eine edle Uhr am Handgelenk und eine große schwarze Brille auf der Nase. Mit seiner Halbglatze und seinen kurzen, grauen Haaren hat er eine sympathische Ausstrahlung. "Die Musik war nicht schon immer Teil meines Lebens", erklärt er. Er spielt seit 23 Jahren Kontrabass, hat also erst mit 49 Jahren begonnen, selbst Musik zu machen, denn bis dahin fehlte ihm einfach die Zeit. Nach der Lehre als Maschinenzeichner folgte das Studium für Maschinenbau an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch. Er war auch am Aufbau des Technoramas in Winterthur beteiligt, einem Museum, das technische und naturgesetzliche Zusammenhänge spielerisch näherbringen soll. Nun ist er pensioniert und widmet seine Freizeit der Stubete.

Den ganzen Abend durch wird gegessen und geredet. Die Musiker wechseln sich ab. Wenn sie nicht gerade am Spielen sind, setzten sie sich an einen Tisch und machen dasselbe wie alle, essen, trinken und die Musik genießen. Immer wieder, etwa im Halbstundentakt, geht Eyer nach vorn, um mit seiner Gruppe zu spielen. Die Instrumente in solch einer Gruppe sind verschieden. "In jeder Formation braucht es sicher einen Kontrabass, ein Schwyzerörgeli und ein Akkordeon. Hinzukommen oft noch eine Geige, eine Mundharmonika, eine Klarinette oder auch mal ein Banjo", erklärt er.

Nach jedem Lied ernten die Musiker einen großen Applaus. Im Laufe des Abends werden die Leute immer lauter. Wenige Paare tanzen. "Unter den Musikanten an der Stubete kennt man sich, es ist familiär. Die Stubete lässt sich mit einem größeren Familientreffen vergleichen. Die Stimmung ist locker und es gibt gutes Essen." Erst um Mitternacht ist Schluss.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Geige, Bass und Schwyzerörgeli
Autor
Manuel Zeier
Schule
Kantonschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2016, Nr. 278, S. 32
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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