Mit Waldromantik hatte das Köhlerleben nichts zu tun

Die letzten Sonnenstrahlen werfen ein warmes Licht auf die sieben Freiwilligen, die in geselliger Runde gebannt eine dichte, aufsteigende Rauchwolke beobachten. Auf den ersten Blick könnte man annehmen, dass die Männer einen mächtigen Ameisenhügel beobachten. Aber der graue Rauch und das kaum hörbare Knistern enttarnt den Ameisenhügel als Kohlenmeiler.

Zum 37. Kohlenbrennerfest wird die Hauptstraße der Ortsgemeinde Trippstadt, etwa zwölf Kilometer südlich von Kaiserslautern gelegen, gesperrt. Beständiges Hämmern und Dröhnen ist von der alten Schmiede Huber zu vernehmen. Aus ganz Deutschland und den angrenzenden Beneluxländern geben sich Schmiede dort ein Stelldichein und zeigen an diesem Wochenende ihr Kunsthandwerk. Hunderte Gäste reisen eigens in den Luftkurort Trippstadt, um an dem Spektakel teilzunehmen. Ausgerichtet von lokalen Vereinen, ist das Fest ein Brückenschlag zur Vergangenheit.

Das Köhlerleben war in den vergangenen Jahrhunderten von harter und entbehrungsreicher Arbeit geprägt. Die karge Kost und der Schlafentzug zehrten an den Kräften der Köhler. Zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert fand man die Kohlenmeiler scharenweise in den Wäldern rund um Trippstadt. Die Holzkohle wurde für die Eisenverhüttung im nahe gelegenen Karlstal benötigt. Holzkohle war essentiell für die Eisen- und Stahlproduktion. Holzkohle wurde aber auch in den Schmiedewerkstätten, zur Herstellung von Schießpulver und in der Chemie benötigt.

An die wirtschaftliche Bedeutung der Köhlerei für die Region soll das Kohlenbrennerfest erinnern. Damit lässt es das aussterbende Handwerk des Köhlermeisters aufleben. Insgesamt gibt es heute nur noch etwa zwanzig Köhlermeister in Deutschland. Hans Wagner, einer der drei letzten in Rheinland-Pfalz, entzündet zum offiziellen Start des Festes den Meiler. "Das Konstrukt entsteht zwei Wochen vor dem Fest in schweißtreibender und stundenlanger Gemeinschaftsarbeit", erzählt Wagner. Seit vielen Jahren befasst er sich mit dem selten gewordenen Beruf des Köhlers. Das Wissen um dieses Handwerk wird mündlich und praktisch weitergegeben. Man lernt bei einem Köhlermeister und erhält von diesem nach einer nicht festgelegten Zeit den "Meistertitel". Manche brauchen drei bis vier Jahre, bei anderen geht es schneller. Aber man sollte wenigstens fünf bis sechs Meiler selbst errichtet haben. Hans Wagner erhielt den Titel vor zwanzig Jahren vom damaligen Trippstädter Köhlermeister.

Wenn er so vor einem steht mit seinem grauen Schnauzer, den schulterlangen Haaren, in heller Schlaghose und schwarzer Zimmermannsweste, könnte man denken, dass er einer anderen Zeit entstammt. Der 60-Jährige ist auch Künstler. Er malt, schreibt und schnitzt Holzskulpturen. Ob man davon leben kann? Man kann, wenn man die Ansprüche nicht zu hoch schraubt. In den vergangenen Jahren hat er sich mehr auf die Schriftstellerei konzentriert. Er schreibt für Zeitschriften und Anthologien, vorwiegend Beiträge zur regionalen Historie.

Einen Kohlenmeiler in Gang zu setzen und am Ende daraus Holzkohle zu gewinnen ist für ihn praktizierte Heimatgeschichte. Grundsätzlich hat sich an der Bauweise eines Kohlenmeilers gegenüber früher nichts verändert. Zuerst ebnet der Köhler eine kreisrunde Stelle. Am Rande des Kreises schüttet er die Erde ringsum zu einem kleinen Wall auf. In der Mitte werden etwa drei Meter lange Buchenstangen in die Erde gerammt, der sogenannte Kamin, auch Quandel genannt, in dem später der Meiler angezündet wird. Um diesen Kamin herum werden einen Meter lange Buchenscheite eng aneinander gesetzt. Sorgfältig wird das Kohlholz geschichtet, zuerst senkrecht und später etwas zur Mitte hin geneigt. In der Regel werden 20 Ster Holz im Meiler gebrannt. Anschließend wird das Konstrukt mit einer feuerfesten Decke aus zuvor ausgestochenen Rasenstücken verschlossen. Dadurch wird vermieden, dass zu viel Sauerstoff an das Holz gelangt. "Das Holz soll lediglich glimmen, nicht verbrennen", erklärt Wagner.

Danach werden auf allen Seiten Löcher in den Meiler gebohrt. So wird eine regulierte Luftzufuhr ermöglicht. Zuletzt wird abwechselnd kalte, dann glühende und zum Schluss wieder kalte Holzkohle in den Quandel geschüttet. Anschließend wird der Kamin verschlossen. Am Ende darf der Meiler nicht spitz aussehen, er muss oben eine ovale Form haben. So lautet ein altes Köhlersprichwort: "Auf einem Meiler muss man tanzen können!" Ist das Meilerholz zu spitz aufgeschichtet, droht bei Regen die Gefahr, dass von der äußeren Abdeckung, die aus den Grassoden besteht, zu viel Erde herausgewaschen wird.

Aber mit dem Bau des Meilers fängt die Arbeit erst an. Während der Meiler etwa zwei Wochen schwelt, muss der Köhler durch Regulierung des Luftzuges darauf achten, dass der Meiler weder erlischt noch verbrennt. "Dabei ist viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl erforderlich", betont Wagner. Der Meiler muss Tag und Nacht bewacht werden, was Ehrenamtliche der Vereine jeweils für eine Nacht übernehmen. Früher war eine einfache Laub- oder Mooshütte die Behausung des Köhlers. Das waren zwei harte Wochen. Mit Wald- und Wiesenromantik hatte dieses Leben nichts zu tun.

Am Tag der "Ernte" zeigt sich, ob die Arbeit rentabel war. Im Idealfall hat sich die Glut nun durch den ganzen Holzstoß gefressen, und der Meiler ist nur noch halb so groß. Erst nach schweißtreibenden Stunden ist die Holzkohle geerntet. Nach dem Abkühlen wird sie in Papiersäcke verpackt und im Trippstädter Eisenhüttenmuseum verkauft. Ein schadstofffreies Produkt. "Supermarktholzkohle kann natürlich gute Holzkohle sein, aber der Käufer weiß letztlich nicht, was drin ist. Das steht auch gar nicht drauf. In der Regel kommt Holzkohle, die man im Supermarkt kauft, aus Afrika, Südamerika oder aus den südosteuropäischen Ländern. Da kann dann auch schon mal mit Giftstoffen belastetes Abfallholz in der Holzkohle landen", sagt Hans Wagner.

Die Pfälzer Holzkohle ist nachhaltig: Jeder gerodete Baum wird ersetzt durch einen Setzling. Die Trippstädter sind überzeugt, dass die mit ihrer Holzkohle gegrillten Würstchen auch besser schmecken.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Waldromantik hatte das Köhlerleben nichts zu tun
Autor
Sarah Laible
Schule
Heinrich-Heine-Gymnasium , Kaiserslautern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2016, Nr. 278, S. 32
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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