Mit dem Rebenbummler um den Kaiserstuhl

Eine 100 Jahre alte Dampflok zuckelt durchs liebliche Land. Die weinseligen Gäste ahnen wenig von fehlenden Ersatzteilen, Geldsorgen und uneinsichtigen Sprayern. Zeitreise im Breisgau.

Der Rebenbummler schlängelt sich durch die üppige und überwiegend terrassierte Reblandschaft des Kaiserstuhls und wird von nebeldurchbrechenden Sonnenstrahlen angeleuchtet. Goldfarbene Bäume geben ein Gefühl von Schutz, während die Räder rattern. Frische Luft strömt durch die geöffneten Fenster des Abteils. Die Fahrgäste stoßen fröhlich mit ihren Weingläsern an. Währenddessen erklärt Thomas Stratmann, wo es langgeht. Der Nordrhein-Westfale und Diplom-Geograph arbeitet als Sachbearbeiter in einem Druck- und Verlagshaus in Freiburg. Seit seiner Jugend war er Modelleisenbahner und wurde Sammler. Durch den Verein der "Eisenbahnfreunde Breisgau" entdeckte er seine Liebe zur echten Dampflok. Während der Fahrten steht er in seiner Schaffnerkleidung am Mikrofon und unterhält die Gäste mit Informationen zum Kaiserstuhl und dem erloschenen Vulkan. Außerdem kümmert er sich um kleine Reparaturen und plant die Strecken mit dem Lokführer.

Seit 2007 ist der Rebenbummler ein anerkanntes technikhistorisches Denkmal - "ein rollendes Museum", erklärt der 63-Jährige. Der Zug besteht aus vier Waggons für Personentransport, einem Kühl, und einem Güterwagen. Ein Barwagen ist ebenfalls mit von der Partie. Gezogen werden sie von einer schwarzen Dampflokomotive. Wenn sie pfeift, weiß jeder Kaiserstühler, dass sie von Riegel nach Breisach und wieder zurück unterwegs ist. "Wir fahren halbrund um den Kaiserstuhl", sagt Stratmann. "Dabei hat Sicherheit höchste Priorität." Erst nach einer Einweisung beginnt die Fahrt. Rund 3500 Gäste nehmen jährlich an den verschiedensten Programmfahrten teil.

Im Herbst gibt es die "Rollende Weinprobe", bei der an jedem Bahnhof der Winzerdörfer gehalten wird. Dort schenkt das Personal aus, ein Winzer erklärt die Sorte. "Wir haben von jedem Ort an der Strecke einen Wein. Sie dürfen gerne versuchen, alle zu probieren, doch die meisten schaffen es nicht", klärt Stratmann seine Zuhörer auf. Einige probierten es trotzdem, so dass der eine oder andere "mit starkem Gegenwind" aussteige. Jede Zugfahrt ist eine Zeitreise, die die Fahrgäste um 100 Jahre zurückversetzt. Der älteste Wagen stammt aus dem Jahr 1905, die Dampflok von 1927. Bis 1970 wurde die Dampflok am Kaiserstuhl regulär für den Personen- und Gütertransport eingesetzt. Aufgrund des technischen Fortschritts sollte sie in jenem Jahr mit allen Waggons verschrottet werden.

Weil die Bahn aber viele Liebhaber hatte, übernahmen der Modellbahnverein und das Wehrle-Werk in Emmendingen die Verantwortung, um den Zug zu retten. Seither erhalten die Vereinsmitglieder die Traditionen des Rebenbummlers aufrecht, der erst durch einen Ideenwettbewerb des Vereins zu seinem Namen kam. Außerdem nehmen sie Reparaturen am Zug vor und achten darauf, dass originalgetreu repariert und so wenig wie möglich modernisiert wird, um die nostalgische Atmosphäre beizubehalten. Da seit den achtziger Jahren keine Originalersatzteile mehr hergestellt werden, entwickeln sich die Mitglieder zu geschickten Mechanikern. Wenn sie in Altbeständen nichts ausfindig machen, bauen sie die Ersatzteile mit Hilfe von alten Zeichnungen sogar selbst nach. Fallen größere Reparaturen an, muss das Gefährt in die Werkstatt des Wehrle-Werks.

Zurzeit erhält die Dampflok dort einen neuen Kessel, dessen Kosten sich auf 200 000 Euro belaufen. Dafür reichen die Ersparnisse des Vereins nicht aus. Selbst durch Spenden, Sponsoren und Privatkredite einiger Mitglieder gelingt es nicht, die komplette Finanzierung der Reparaturen zu gewährleisten. Da es aber möglich gemacht wurde, das Zahlungsziel einzelner Rechnungen hinauszuschieben, soll sie im Sommer 2017 nach der Abnahme durch den TÜV wieder zum Einsatz kommen. So lange wird der Rebenbummler vom vereinseigenen Triebwagen gezogen.

Neben den Geldsorgen gibt es weitere Herausforderungen. Das bisherige zur Verfügung gestellte Werkstattgelände muss einem zukünftigen Wohnkomplex weichen, so müssen Reparaturen überwiegend im Freien am Riegeler Ortsbahnhof bewerkstelligt werden. Dort steht der Zug bisher ungeschützt und ist Vandalismus und Graffiti-Aktionen ausgesetzt. "Die Sprüher finden das hübsch, aber für uns ist es ärgerlich. Wir müssen alles abwaschen und neu lackieren, wegen der Lösungsmittel", seufzt Stratmann. Auch wurde mehrmals in die Waggons eingebrochen, Feuerlöscher wurden mutwillig entleert, verirrte Silvesterraketen verursachten Schwelbrände an den Waggons. Dass der Zug neben einem Wohngebiet steht, verhindere Schlimmeres, denn die Bewohner hätten ein Auge darauf. Einmal habe jedoch selbst die Anwesenheit der Vereinsmitglieder, die gerade am Zug arbeiteten, nicht verhindert, dass Jugendliche Schottersteine auf die Fenster warfen.

Trotz der Widrigkeiten lassen sich die Vereinsmitglieder nicht unterkriegen. Ihre Leidenschaft überträgt sich auf die Besucher. In Breisach steigen viele Fahrgäste für einen Zwischenstopp aus, unterhalten sich oder schauen sich den Zug nochmals in Ruhe an. Ein Ehepaar ist dabei, das seine Silberhochzeit, wie damals die Hochzeit, mit einer Rebenbummler-Fahrt feiert. Stratmann gibt das Signal. Zug fährt los. Weiter geht die Zeitreise.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit dem Rebenbummler um den Kaiserstuhl
Autor
Dana Berntatz
Schule
Gymnasium Kenzingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2016, Nr. 278, S. 32
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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