10 Kilometer warmlaufen

Als sich der Mann dem Gehege nähert, springen die weiß-, grau- und schwarzmelierten Hunde aufgeregt am Tor hoch. Als er es öffnet, wird er von 14 Huskys angesprungen, abgeleckt und beschnuppert. Nach wenigen Minuten beruhigen sich die Hunde und werden zu zahmen Schmusebären. Im verschneiten Matten bei Interlaken wohnt Kurt Hanhart mit seiner Frau Sylvie, drei Katzen und seinen sibirischen Huskys. Vier stammen aus eigener Zucht, die restlichen Hunde kommen aus der Schweiz und Frankreich. Ein eingezäunter Garten um das Haus bietet viel Auslauf. Sieben Rüden und sieben Hündinnen gehören zum Rudel. Der 13-jährige Kayo ist der Älteste und Rudelführer. Die jüngste Hündin ist zwei Jahre alt.

Kurt Hanhart redet liebevoll mit seinen Hunden. Mit ihren spitzen Stehohren hören sie gut. Der 57-jährige Betriebsleiter eines Passantenheimes für Obdachlose und Durchreisende wird von Dutzenden rehbraunen, blauen oder zweifarbigen Hundeaugen angeschaut. "Grundsätzlich haben Huskys braune Augen. Die speziellen blauen Augen wurden hinzugezüchtet", sagt er. Viele besitzen eine Wechselnase, eine Nase aus dunklen und hellen Hautpigmenten. Ihr dickes, pelziges Fell schützt sie vor Kälte. Die Schlittenhunde zeigen ein wolfsähnliches Aussehen und Verhalten, vor allem bezüglich des ausgeprägten Jagdtriebs und Rudelverhaltens. "Es bereitet mir Mühe, wenn ich mit meinen Huskys anderen Hundebesitzern begegne. Viele Leute wissen nicht, dass man diese Rasse nicht loslassen darf. Alles, was kleiner ist als ein Husky, wird als Beute angesehen. Deshalb muss ich meine Hunde immer an der Leine führen."

Hanhart führt in die Stube. "Wir haben hier ein Hundehaus", schmunzelt er. Neben dem mit Tüchern abgedeckten Sofa stehen ein Hundesofa und zwei große Kisten mit Kissen. "Aufgewachsen bin ich in Steffisburg, einem Vorort von Thun. Schon als kleiner Junge entdeckte ich meine Leidenschaft für Hunde." Seine Eltern hatten einen Pudel, er selbst hatte später einen Bobtail. Vor 13 Jahren kaufte er sich seinen ersten Husky, Kayo. "Die Hunde wollen mit uns sein. Wir sind Teil des Rudels", sagt Hanhart. Huskys sind feinfühlige, treue Gefährten. Sie spüren, wenn es ihren Hundeführern, den sogenannten Mushern, nicht gutgeht. Auch Sylvie Hanhart lehrt die Hunde Kommandos und fährt kleinere Schlittenrennen. Die Hunde lieben es, aktiv zu sein und zu arbeiten. Außerdem fahren sie gern Auto. "Als Musher muss ich alle Hunde gleich behandeln", erklärt Hanhart, "ich habe schon einen Lieblingshusky, aber ich darf es nicht zeigen."

Familie Hanhart bietet Besuchern ein großes Angebot: Im Sommer kann man sich für Trekkingtouren und Wagenfahrten anmelden, wenn sich die Temperatur unter 20 Grad befindet. Sonst besteht die Gefahr, dass die Vierbeiner dehydrieren. Im Winter werden Schlittenfahrten und Schneeschuhtouren angeboten. "Huskys lieben die Kälte und den Schnee. Je kälter die Temperatur, desto besser ihre Leistung. Die Tiere eignen sich perfekt als Schlittenhunde, durch die Hierarchie, die sie in ihrem Rudel haben und durch die große Arbeitsbereitschaft." Damit sie eine optimale Leistung erbringen können, werden sie zweimal am Tag gefüttert. Ausgewachsene Huskys fressen 300 bis 400 Gramm Futter am Tag. Im Sommer wird diese Menge auf die Hälfte reduziert.

Im Winter trainiert Kurt Hanhart fast täglich bei jedem Wetter, außer bei Regen, denn Huskys mögen diese Niederschlagsart überhaupt nicht. In der Sommerpause von Juli bis August trainiert er nur einmal die Woche. "Es können vier bis zehn Hunde vor einen Wagen oder Schlitten gespannt werden. Ab zwölf Monaten darf man die Hunde zum Trainieren einspannen. Bei Schlittenhunderennen sind sie erst ab 18 Monaten zugelassen, damit ihre Gelenke nicht geschädigt werden." Hinten laufen die kräftigsten Tiere, die Zughunde, auch "Wheeldogs" genannt. Mittendrin sind die "Swingdogs", und vorne sind die beiden Leithunde eingespannt. Sie zeigen ihrem Rudel den Weg und beschützen es vor Gefahren. Normalerweise sind es die Huskys, die am besten gehorchen. Es ist wichtig, dass Kurt Hanhart die linken und rechten Hunde von Zeit zu Zeit tauscht, damit sich ihre Kraft und Muskulatur gleichmäßig aufbauen.

Die Huskys erleben eine dreijährige Ausbildung zum Schlittenhund. In dieser Zeit merkt man, welche Funktion der Hund später beim Ziehen des Schlittens haben wird. Kurt Hanhart hat vieles von seinem Freund, der mit seinen 24 Huskys im Jura lebt, gelernt und oft mit ihm trainiert. "Anfangs begannen wir mit der internationalen Kommandosprache, die aus einfachen einsilbigen Wörtern besteht. Heutzutage geben wir unseren Huskys ganz normale Anweisungen, wie man sie Kindern gibt", berichtet Hanhart, "es ist wichtig, dass der Besitzer zeigt, dass er der Chef ist." Mit seiner Tochter Kim Sara nimmt er regelmäßig an Rennen in ganz Europa teil. Die Startgebühr kostet zwischen zwanzig und tausend Franken. "Ich mache Langdistanzrennen. Meine Huskys werden erst nach zehn Kilometern richtig warm. Die Harmonie miteinander ist etwas sehr Schönes!" Mittlerweile sind die sibirischen Huskys aus Interlaken Stars. Sie treten in Modemagazinen auf und sind auf Youtube in einer Werbung für Schweizer Apfelsaft zu sehen.

Informationen zum Beitrag

Titel
10 Kilometer warmlaufen
Autor
Noëmi Meier
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2016, Nr. 284, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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